Grüne Logi(sti)k

Nachhaltigkeit

Garantiert klimaneutrale Auslieferung: Die E-Bikes von GLS fahren emissionsfrei und finden immer einen Parkplatz. ©GLS

Autorin: Katja Vaders
Immer mehr Deutsche entscheiden sich für das Shoppen im Internet. Dabei verursacht die Logistik rund 14 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen! Fashion Today sprach mit Mimi Sewalski, Geschäftsführerin der Eco-Einkaufsplattform avocadostore, und mit Marten Bosselmann, Vorsitzender BUNDESVERBAND PAKET & EXPRESS LOGISTIK BIEK, über Nachhaltigkeit im Online-Handel.

E-Commerce ist definitiv ein Erfolgsmodell: Etwa 60 Prozent aller Deutschen haben laut einer Studie vom BUNDESVERBAND E-COMMERCE UND VERSANDHANDEL (bevh) schon einmal Ware im Internet bestellt, jeder Dritte tut dies sogar mehrfach die Woche. Bereits seit Jahren verzeichnet die Branche stetiges Wachstum, im Jahr 2019 stieg der E-Commerce-Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 11 Prozent auf insgesamt 72,6 Milliarden Euro. Ein Gewinner ist dabei auch die Textil- und Schuhbranche: Deren Umsatz im Online-Handel wuchs 2019 von 16,8 auf 18,7 Milliarden Euro.

Der Wachstumskurs des E-Commerce hat allerdings zwei Seiten. Neben negativen Auswirkungen auf den Umsatz des stationären Handels ist das Verkehrsaufkommen auf deutschen Straßen zunehmend durch zahlreiche Transporter der verschiedenen Logistikunternehmen geprägt, die die online bestellte Ware ausliefern. Und Logistik verursacht rund 14 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen; davon entfallen 75 Prozent auf den Transportsektor.

Der BUNDESVERBAND PAKET & EXPRESS LOGISTIK BIEK vertritt die führenden KEP (Kurier, Express, Paket)-Dienstleister UPS, DPD, Hermes, GLS und GO! und setzt sich für die wirtschaftlichen und politischen Interessen seiner Mitglieder ein – im Jahr 2018 hingen laut BIEK fast eine halbe Million Jobs von der KEP-Branche ab. Der Verband unterstützt darüber hinaus den Austausch seiner Mitglieder über Sozialthemen, Effizienz und Nachhaltigkeit.

19 Millionen Pakete am Tag

Durchschnittlich befördern wir täglich 12 Millionen Sendungen. Das entspricht einem jährlichen Sendungsvolumen von über 3,6 Milliarden Paketen. Durch die Corona-Pandemie hat sich der Online-Handel sehr verstärkt. Gegenwärtig haben wir ein Paketaufkommen wie zur Weihnachtszeit und transportieren täglich bis zu 19 Millionen Pakete. Unsere Branche unterhält dazu circa 140.000 Zustellfahrzeuge“, erzählt Marten Bosselmann, Vorsitzender des BIEK. Aktuell seien etwa 5 bis 10 Prozent dieser Fahrzeuge mit einem elektrischen Antrieb ausgestattet. Dabei gehen die BIEK-Logistiker auch neue Wege: Alle Mitglieder setzen bereits seit längerer Zeit neben E-Transportern elektrisch betriebene Fahrräder ein. „Lastenräder sind für uns insbesondere in Kombination mit Mikro-Depots interessant. Diese Depots werden gezielt beliefert oder als Anhänger oder Container bereits befüllt an einem zentralen Ort abgeladen. Die Sendungen werden anschließend umweltfreundlich mit dem Lastenfahrrad oder der Sackkarre an die Empfänger zugestellt“, freut sich Marten Bosselmann. Grundsätzlich sei man immer an innovativen Konzepten interessiert, die die Nachhaltigkeit steigern könnten, dazu gehöre auch eine optimierte Routenplanung. „Ein großer Effizienzgewinn ergibt sich aus einer hohen Erstzustellquote. Die dadurch entfallenden weiteren Zustellversuche sparen Zeit und schonen die Umwelt“, so Bosselmann.

Eine wesentliche Rolle spielt dabei die Kommunikation mit dem Kunden, um die Zustellung an dessen individuellen Wünsche anzupassen. Dazu gehört die Auswahl von Ablageorten oder Paketshops und -stationen an häufig besuchten Orten wie Supermärkten. Hier greifen dann auch Kooperationen innerhalb des BIEK. „Unsere Mitglieder sind zu einer gemeinsamen Flächennutzung bei Paketstationen und Mikro-Depots bereit; das ermöglicht eine optimale Auslastung der Standorte. Ein erfolgreiches Beispiel für eine solche Kooperation ist das Pilotprojekt ‚KoMoDo‘ in Berlin“, erzählt Marten Bosselmann.

Dahinter verbirgt sich die „Kooperative Nutzung von Mikro-Depots durch die Kurier-, Express-, Paket-Branche für den nachhaltigen Einsatz von Lastenrädern in Berlin“, ein bisher einmaliges Forschungsprojekt, an dem sich die fünf größten nationalen Paketdienstleister DHL, DPD, GLS, UPS und Hermes beteiligten. Start war Juni 2018 und eigentlich sollte das Projekt nur für ein Jahr laufen. Wegen des großen Erfolgs wurde es verlängert, allerdings ohne UPS, der sich inzwischen aus dem Projekt zurückgezogen hat.

Corgobikes auf der letzten Meile

Inhalt von KoMoDo sind die nachhaltige Auslieferung auf den letzten Kilometern per Lastenrad, sogenannten Cargobikes, sowie der Einsatz eines dienstleisteroffenen Systems von Mikro-Depots in einem Stadtteil. Diese Mikro-Depots bestehen aus sieben Seecontainern, die in Prenzlauer Berg zu finden sind und von der Berliner Hafen- und Lagerhausgesellschaft mbH eingerichtet wurden. Jedes Logistikunternehmen nutzt die Mikro-Depots als zentralen Sammel- und Verteilpunkt, der morgens angesteuert wird, um die Sendungen zwischenzulagern. Die Fahrradkuriere stellen die Pakete dann im Laufe des Tages in einem Umkreis von drei Kilometern klimaneutral zu. Insgesamt sind elf Lastenräder unterwegs. KoMoDo wird gefördert durch die Nationale Klimaschutzinitiative des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit und sammelt Daten und Erfahrungen, die dazu beitragen sollen, den Lieferverkehr in urbanen Räumen nachhaltiger zu gestalten.

Aber nicht nur in Berlin sind E-Bikes als Paketzusteller unterwegs, fast alle Logistikunternehmen in Deutschland haben bereits Lastenfahrräder in ihren Fuhrparks. Ganz besonders engagiert in diesem Bereich ist GLS, das seit dem 1. Oktober 2019 sein Programm „GLS KlimaProtect“ verfolgt. Dieses beinhaltet, alle Emissionen, die durch den Pakettransport ab Deutschland entstehen, durch ein zertifiziertes Aufforstungsprojekt über die Organisation PRIMA KLIMA zu kompensieren und zusätzlich in Maßnahmen zu investieren, die Emissionen reduzieren und vermeiden. Dazu zählen die Nutzung von 100 Prozent nachhaltigem Strom oder der Ausbau der Flotte von E-Fahrzeugen. Derzeit laufen deutschlandweit über 20 Projekte mit mehr als 100 E-Fahrzeugen. In den äußeren Stadtteilen nutzt das Logistikunternehmen E-Vans, in den Stadtzentren kommen vor allem wendige E-Bikes und E-Scooter zum Einsatz, die ihre Ladungen in Mikro-Depots wie Paketshops oder kleinen Immobilien mit passender Infrastruktur abholen. Ein Modellprojekt von GLS läuft in Düsseldorf, wo man eine komplett nachhaltige City-Logistik mit einer vollständig elektrischen, emissionsfreien Zustellung in der Innenstadt anstrebt und sogar künftig den Strom für die E-Fahrzeuge selbst produzieren und zwischenspeichern möchte. Langfristig plant GLS, den flächendeckenden Einsatz von E-Fahrzeugen europaweit sukzessive voranzutreiben und für jede einzelne Tour die effizienteste und nachhaltigste Lösung zu finden.

„Wir versuchen, den Online-Handel Schritt für Schritt nachhaltiger zu gestalten.“ Mimi Sewalski, Geschäftsführerin avocadostore. ©Avocadostore PR

Aber natürlich liegt die Verantwortung für einen nachhaltigen E-Commerce nicht allein bei den Logistikunternehmen, auch Händler sind gefragt, wenn es um möglichst emissionsfreien Versand und nachhaltiges Verpacken der Waren geht. Vor zehn Jahren gründete sich der nachhaltige Online-Shop avocadostore in Hamburg, inzwischen bietet er über 4.000 Marken und 250.000 Produkte an, darunter Bekleidung und Schuhe. „Wir sind Deutschlands größter Marktplatz für Eco Fashion und einen Green Lifestyle“, freut sich Mimi Sewalski, avocadostore-Geschäftsführerin. Kernkonzept des avocadostores sind zehn Nachhaltigkeitskriterien. „Mit denen schaffen wir Transparenz, und mindestens eines muss erfüllt sein, damit ein Produkt bei uns verkauft werden kann: ressourcenschonend, schadstoffreduzierte Herstellung, Bio-Rohstoffe, Fair & Sozial, Cradle to Cradle, recycelbar oder recycelt, vegan, made in Germany, CO2-sparend, lange haltbar“, erklärt Sewalski. Darüber hinaus arbeitet der avocadostore mit einem Netzwerk aus renommierten Partnern wie OXFAMUNVERPACKT, UTOPIA, GREENPEACE ENERGY oder der World Fair Trade Organization zusammen.

Aber wie vereinbart man ein grünes Konzept mit E-Commerce, der nachweislich einen großen Anteil an weltweiten CO2-Emissionen und der Entstehung von Verpackungsmüll hat? „Wir versuchen, den Online-Handel Schritt für Schritt nachhaltiger zu gestalten: Beispielsweise benutzt avocadostore beim Versenden seiner Eigenhandelsprodukte und vieler Marken bereits recycelte Materialien für die Verpackungen, teilweise ohne Plastik, und wir arbeiten mit DHL GoGreen oder klimaneutral. Und wir kompensieren den CO2-Ausstieg des gesamten Paketversandes inklusive eventueller Retouren mit der Anpflanzung und dem Schutz von Bäumen in Deutschland“, so Mimi Sewalski. Darüber hinaus ist avocadostore am praxPACK-Projekt beteiligt. Im Rahmen dieses dreijährigen Forschungsprojektes, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird, testet avocadostore Mehrwegversandtaschen in der Praxis. „Die Erfahrungen und Ergebnisse werden systematisch und anwenderorientiert aufbereitet und der E-Commerce-Branche zur Verfügung gestellt. So sollen sich nachhaltige Lösungen im Versandhandel schnell etablieren.“

Besser als sein Ruf

Interessanterweise sei der Online-Handel nicht so schlecht wie sein Ruf, so Sewalski, Studien belegten, dass der stationäre Handel nicht besser abschneide, da er für Lager und Geschäfte sehr viel Energie verbrauche oder die Kunden zum Shoppen mit dem Auto in die Stadt führen. Die Suche nach wirklich nachhaltigem Verpackungsmaterial und einem passenden Logistikpartner stellt also nicht nur ein nachhaltiges Unternehmen wie avocadostore vor große Herausforderungen. „Das ist eine Frage, die den gesamten Handel beschäftigt, und momentan gibt es leider noch nicht DIE nachhaltige Alternative. Ein Problem ist sicherlich, dass innerhalb der Logistikbranche jeder halbe Cent zählt, das heißt, es ist hier sehr schwierig, nachhaltige Lösungen zu etablieren, die mehr kosten. Das funktioniert nur bei Unternehmen, die Nachhaltigkeit als Mehrwert erkennen“, ist sich Mimi Sewalski sicher.

Die Logistik- beziehungsweise E-Commerce-Branche müsse von kurzfristigen Zielen wie Kosteneffizienz und Margenoptimierung wieder zu langfristigen Werten zurückkehren. „In der Logistikbranche kann man viel erreichen, wenn man den Ressourcenverbrauch senkt. Darüber hinaus sollten recycelfähige Materialien eingesetzt und klimaneutral verschickt werden. Ich glaube, dass wir alle schnell handeln müssen!“, appelliert Mimi Sewalski.

Mimi Sewalski ist Geschäftsführerin des avocadostores. Der Online-Marktplatz generiert einen jährlichen Umsatz von 34 Millionen Euro und beschäftigt 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Mimi Sewalski hat es sich zur Aufgabe gemacht, nachhaltige Start-ups und Jung-Designer zu fördern, sie ist aktiv in diversen Ausschüssen und sitzt in verschiedenen Jurys (Ethical Style Guide/Messe Frankfurt, Green Product Award/Berlin). Außerdem setzt sie sich gemeinsam mit anderen Eco-Fashion-Labels für die Fair-Fashion-Solidarity-Initiative ein, um das Überleben kleiner Eco-Fashion-Brands, die im Rahmen der Corona-Krise wirtschaftlich unter Druck geraten sind, zu gewährleisten. Ende Juni erscheint ihr Buch „Nachhaltig leben JETZT“, in dem Unternehmer sowie Experten zu Wort kommen, aber auch Hintergründe, Fakten und Tipps rund um den nachhaltigen Konsum zu finden sind.