Krachen die Ketten?

Wertschöpfung

Bei der Beschaffung kommen deutsche Labels bislang erstaunlich gut durch die Krise. ©pixabay

Autor: Andreas Grüter

60 Prozent Umsatzrückgang zum Vorjahr im März, 80 Prozent im April, 27 Prozent im Mai und 19 Prozent im Juni – es sind schockierende, aber nicht unerwartete Zahlen, mit denen sich die Modeindustrie in Corona-Zeiten konfrontiert sieht. Doch die Probleme der Fashion-Branche liegen nicht nur auf Handelsseite, sondern auch bei den wichtigen internationalen Produktions- und Lieferketten. Hier kommen manche Unternehmen bislang erstaunlich gut durch die Krise. Eine Momentaufnahme.

Ein bisschen Verspätung hier und da, aber ansonsten liefen Produktion und Lieferung bei den Produzenten in China und Portugal eigentlich ziemlich reibungslos, erzählt Martin Hautzel, Head Honcho des Kölner Streetwear-Labels forvert. Er hat für die kommende Wintersaison dennoch weniger Ware bestellt. Schließlich sei absehbar, dass die Nachfrage sinke. Weniger Geld im Portemonnaie der Konsumenten – Effekte einer steigenden Arbeitslosenquote.

Wo die einen ihr Auftragsvolumen lediglich verkleinern, gehen vor allem die Großen der Branche wesentlich robuster vor. Laut ARD-Wirtschaftsmagazin plusminus wurden in den vergangenen Monaten Aufträge in Höhe von 3,7 Milliarden US-Dollar storniert oder ins nächste Jahr verschoben. Der Anteil von PRIMARK lag dabei bei 330 Millionen US-Dollar und der von C&A bei 125 Millionen US-Dollar. Bei GAP waren es 38 Millionen US-Dollar und bei TAKKO machten zurückgezogene Bestellungen immerhin noch 10 Millionen US-Dollar aus. Zahlen, die für Zuliefererbetriebe schwere Folgen haben. Tausende Unternehmen wurden geschlossen, Millionen von Arbeitern ohne jegliche soziale Sicherung entlassen.

Stornoquote von nur 5 Prozent. Marco Lanowy, Geschäftsführer Alberto

Für die Mönchengladbacher Hosenspezialisten von ALBERTO ist eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Partnern in Tunesien, Rumänien und Polen wichtig. „Wir arbeiten mit tollen Betrieben zusammen, die sich für die Produktion unserer Herbst/Winter-Kollektion ein Bein ausgerissen haben, und so kamen wir lediglich auf eine Stornoquote von 5 Prozent. Allerdings habe ich mich bereits sehr früh mit den möglichen Auswirkungen von Corona als Pandemie beschäftigt und wir sind deshalb von Anfang an nicht die volle Produktionsleistung gefahren. Wir haben zwar alle Artikel auf Lager, jedoch den Lagerbestand halbiert, weil wir von einer sinkenden Nachfrage ausgehen“, erklärt Marco Lanowy, ALBERTO-Geschäftsführer für Retail, Sales und Marketing. Gab es Probleme mit der Auslieferung? „Nein, eigentlich nicht. Wir liegen bei einer Auslieferungsquote von 90 Prozent.“ Weitaus schwieriger gestalteten sich hier die Exporte, die rund 50 Prozent des ALBERTO-Business ausmachen. „Es war aufgrund von Lock- und Shutdowns mitunter schwierig, die Waren unseren Kunden im Ausland zukommen zu lassen. Da mussten dann individuelle Lösungen her. Zum Glück hielten sich die Schwierigkeiten in Grenzen.“

„Aus Verantwortung gegenüber Produzenten“

Die Berliner von iriedaily sind nicht nur bereits seit Jahren eine Instanz im deutschen Streetwear Game, sondern als Leader Member der Fair Wear Foundation auch Vorreiter in Sachen faire Mode. Welche speziellen Problematiken sich in Corona-Zeiten aus ihrer Sicht für Liefer- und Produktionsketten ergeben, haben wir mit Denise Graff (Brand Marketing Manager), Daniel Luger (CEO) und Isaac Waldvogel (CSR Manager) besprochen.

FT: Kurz zu eurer Produktion. In welchen Ländern lasst ihr eure Ware fertigen?
Denise Graff: „In ausgewählten Betrieben in Portugal und China.“

Sind eure Zulieferer- und Produktionsketten durch Corona derzeit gestört und, falls ja, wo liegen die Probleme?
Isaac Waldvogel: „In China gab es im Februar geschlossene beziehungsweise nicht auf voller Kapazität laufende Fabriken, in Portugal waren Produktionsstätten um Ostern teilweise zwei Wochen geschlossen. Bei all unseren Produzenten musste natürlich umgerüstet werden, um die Hygiene-Richtlinien bezüglich Corona einzuhalten. Neben möglichen Lieferproblemen hatten wir hier aber auch die Situation der Arbeiter im Blick. Befürchtungen, nach denen aufgrund von Produktionsverschiebungen speziell in China die Gefahr von übermäßig vielen Überstunden bestanden hätte, haben sich nach Auswertung der Anwesenheitslisten aber nicht bestätigt. Die Produktion lief dort bereits ab Mitte März wieder voll an. Es wurde also kaum Zeit verschenkt. Die Arbeiter in Portugal und China erhielten zudem trotz vereinzelter Lockdowns ihre Lohnfortzahlung.“

Wie sieht es denn mit der Anlieferung der Kollektion aus? Hängen Teile im Transit fest?
Daniel Luger: „Es gab keine Schwierigkeiten bei der Anlieferung. Weder aus der Produktion noch im Zoll. Das einzige Problem waren die überbuchten Flugzeuge im April. Hier kam es zu Verzögerungen bei der Luftfracht.“

Habt ihr eure Herbst/Winter-Kollektion im Zuge von Corona noch kurzfristig umgestellt oder verkleinert?
Denise Graff: „Die Stückzahlen für die Wintersaison hatten wir bereits vor dem Lockdown bei unseren Produzenten in Auftrag gegeben. Aus Verantwortung gegenüber unseren Produzenten stand das Thema Cancellation von Styles nicht im Raum.“

Es gab also auch keine Verlagerung der Produktion?
Denise Graff: „Definitiv nicht! Als Leader Member der Fair Wear Foundation arbeiten wir ausschließlich mit Produzenten zusammen, die von der Fair Wear Foundation anerkannt sind und dementsprechend nur unter den Vorgaben der Fair Wear Foundation produzieren. Allein aus diesem Grunde wäre eine schnelle Verlagerung gar nicht möglich gewesen. Unabhängig davon würde so eine Vorgehensweise unserem Fair-Gedanken auch absolut widersprechen.“

Isaac Waldvogel: „Ausnahme war die Produktion bei einem neuen chinesischen Zulieferer, der uns eine Wiedereröffnung nach der Krise nicht garantieren konnte. Es bestand das Risiko, dass unsere Order an einen Produzenten weitergegeben werden würde, den wir nicht kennen und der möglicherweise die FWF Code of Labour Practices – acht Arbeitsnormen, die sich aus den UN-Menschenrechtskonventionen und den Vereinbarungen der International Labour Organization ergeben – nicht eingehalten hätte. Wir sind daher in Absprache mit der FWF auf einen langjährigen Geschäftspartner ausgewichen.“

Gab es für solche Fälle interne Notfallpläne oder seid ihr von Corona kalt erwischt worden?
Denise Graff: „Corona ist eine absolut unvorhersehbare Situation. Einen richtigen Notfallplan kann man da eigentlich gar nicht haben. Wir haben uns mit allen Verantwortlichen an einen Tisch gesetzt und gemeinsam relativ schnell Strategien entwickelt. Der Vorteil von iriedaily ist sicherlich, dass wir als eigentümergeführte Brand kurze Kommunikationswege haben und somit ein schnelles Handeln möglich ist. Darüber hinaus sind wir sehr schnell in direkte Gespräche mit unseren Lieferanten und Händlern gegangen, um gemeinsam die individuellen Probleme auf beiden Seiten zu bewältigen.“

Welche Auswirkungen hat Corona auf eure Sommer-2021-Kollektion?
„Wir haben uns dazu entschieden, einige neue Styles nicht in die Sommer-2021-Kollektion aufzunehmen und stattdessen Carryovers aus dem aktuellen Sommer einzubinden. Die Idee dahinter ist zum einen, dass neue, nicht verkaufte Frühjahr/Sommer-2020-Styles nicht gleich im Sale landen, sondern auch im nächsten Sommer noch relevant sind, und zum anderen sehen wir es auch als Möglichkeit, den wahnsinnig kurzen Halbwertzeiten in unserer Branche ein Stück weit entgegenzuwirken.“

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