Wenn Trends verstärkt werden

EDITORIAL

Markus Oess, ©FT

Immer noch sind wir weit weg von der Normalität. Im Interview mit FT spricht Modeexperte und McKinsey-Berater Achim Berg davon, dass wir nach Corona auch nicht mehr zurückkehren werden zu den Zeiten vor dem Ausbruch der Pandemie. Aber, und das ist die gute Nachricht, das Virus hat die Branche nicht zerschlagen, sondern bestehende Trends verstärkt. Eine Extrarunde in der Zeitmaschine gewissermaßen und dennoch steht die Welt kopf. Die Furcht vor einer Pleitewelle im September, wenn wir zum alten Insolvenzrecht zurückkehren, ist nicht unbegründet. Nicht alle Firmen werden diese Krise überstehen, aber ist das Virus eher Auslöser oder Ursache? Still in der Ecke sitzen und auf das drohende Unheil warten, bringt herzlich wenig. Entschlossenes Handeln ist gefordert, um die Dinge anzupacken und zu optimieren, die schon seit einiger Zeit auf der Liste stehen: Profilierung und Positionierung des eigenen Unternehmens, Sortimentsstruktur, Digitalisierung, Nachhaltigkeit, Finanzkraft und natürlich die Stärkung der Finanzkraft, um nur einige Themen zu nennen.

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Ein großes Thema ist die Digitalisierung. Gerade die Mode-Industrie investiert in ihre Prozesse und in neue Präsentationsmittel gegenüber Handel – und Verbraucher. Auch die Messen gehen nach vorn und versuchen, den Ausfall der physischen Veranstaltungen mit digitalen Inhalten zumindest abzufedern. Mag sein, dass es hier und da hakt, aber die Digitalisierung erleichtert vieles und der Wille zur Veränderung ist mit den Händen zu greifen. In Zukunft wird es deutlich weniger Reisen geben, wenn ein Videocall reicht. Aber reicht die Präsentation einer ganzen Kollektion auf dem Tablet? Was ist mit dem wichtigen Faktor Mensch, dem Ausspüren wichtiger Innovationen, dem – auch informellen – Austausch? Ein digitaler Markenauftritt kann kein Ersatz für Messen sein. Weder in Florenz noch in Berlin, hinter das inzwischen viele bereits für den kommenden Winter ein Fragezeichen setzen, noch für Frankfurt. Dabei werden die Veranstalter neue Formate entwickeln müssen, um den veränderten Ansprüchen gerecht zu werden. Vielleicht wird es eine Kernveranstaltung geben, die sich auf das Wesentliche fokussiert, und mit einer verkürzten Dauer, dafür aber angereichert mit digitalen Satelliten, auf die der Handel über einen längeren Zeitraum zugreifen kann.

Andererseits stehen das Bespielen der Showrooms und der Messeauftritt auch in keinem guten Kosten-Nutzen-Verhältnis, wenn kein Händler kommt. So hat es sich der Handel dann selbst zuzuschreiben, wenn die Industrie hier weiter auf die Kostenbremse tritt und die Digitalisierung weiter vorantreibt. Es geht für die Industrie eher darum, das eine zu machen, ohne das andere zu lassen. Dafür stehen die Händler sehr wohl in der Pflicht, diese Angebote auch wahrzunehmen und ihnen mit einer gewissen Verbindlichkeit, sprich Order, zu begegnen. Spätestens wenn ein Impfstoff gegen Covid-19 in der Masse verfügbar ist, fehlt die Ausrede für ein Fernbleiben. Und auch hier gilt das oben Gesagte. Corona verstärkt, beschleunigt die Trends. Über den Sinn von Messen hat die Branche auch vor dem Virus diskutiert. International stehen einige Veranstaltungen auf der Kippe. Noch hat es die Branche selbst in der Hand, ob Deutschland, das für viele Marken immer noch die Hälfte des Marktes und mehr ausmacht, zu den Ländern gehört, die künftig ohne Modemesse auskommen müssen. Nicht jeder Trend bringt für alle positive Veränderungen.

Ihr

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Markus Oess