Halten, was geht

Ausbildung

©pixabay

Autor: Markus Oess
Stell dir vor, es ist Markt und keiner geht hin. Auch wenn viele Firmen stabile Ausbildungszahlen melden, ist klar: Der Ausbildungsberuf verliert. Eine Entwicklung, die nicht erst seit letztem Januar mit dem Aufflammen der COVID-19-Pandemie in Deutschland losgegangen ist. Da ist zum einen die demografische Entwicklung, die schon rechnerisch weniger Auszubildende hervorbringt. Dann akademisiert sich unser Nachwuchs zusehends und schließlich kommt es durch den technologischen Fortschritt und gesellschaftlichen Wandel zu Strukturbrüchen. Aber COVID-19 hat die Situation weiter verschärft. Eine Bestandsaufnahme.

„Mental und emotional ist die Pandemiesituation für mich natürlich genauso eine Achterbahnfahrt wie für viele andere. Dennoch versuche ich, grundsätzlich das Positive in allem zu sehen.“ Helena Grossmann ©privat

„Mein Name ist Helena Großmann, ich bin 24 Jahre alt und habe meine komplette berufliche und akademische Laufbahn auf die Modebranche ausgerichtet. Das sind mittlerweile drei Ausbildungen und ein Studium in den Bereichen Maßschneidergeselle, Modedesign, Maßschneidermeister und Modemanagement (B. A.). Für die nahe Zukunft ist mein Berufswunsch, ein großes Mode- und/oder Lifestyleunternehmen von innen kennenzulernen, zum Beispiel in den Bereichen Produktmanagement, Business Development, Marketing, Consulting oder auch in einer hohen Assistentenstelle (beispielsweise der Geschäftsführung). Langfristig kann ich mir auch vorstellen, mich in der Unternehmensberatung selbstständig zu machen und Modeunternehmen mit meinem vielseitigen Rundumblick zu helfen.“ Helena hat ihr Studium im November 2020 abgeschlossen. Der Monat, in dem Deutschland in den Lockdown light ging, nach einem Sommer, in dem die Pandemie hierzulande bei vielen fast schon als besiegt durchging und stark steigende Fallzahlen im Oktober den Optimismus kurzerhand abschnürten. Seit Mitte Februar 2021 sucht Helena aktiv ihren ersten richtigen Job. Und wir befinden uns immer noch im Lockdown.

Die große Veränderung

Helena hat konkrete Vorstellungen für ihren ersten Karriereschritt: „Ich möchte in ein großes Unternehmen, das Weiterentwicklungsmöglichkeiten anbietet und den Mitarbeiter/-innen Wachstum innerhalb des Unternehmens ermöglicht. Spezifische Stellen sind zum Beispiel strategische Assistentin der Geschäftsleitung, Junior Consultant, Produktmanagement, Business Development und Marketing.“ Die Reaktionen auf ihre Bewerbung seien positiv, „wobei ich das Gefühl habe, dass die Unternehmen zurzeit mit Vorsicht und Zurückhaltung einstellen. Die Corona-Krise ist für alle eine unbekannte und unsichere Zeit, in der mehr denn je nach Sicherheit gestrebt wird. Nicht nur die Unternehmen sind zurückhaltend, auch die Bewerber/-innen sind sich sehr unsicher und warten mehr ab. Das sehe ich besonders stark in meinem Freundeskreis, wo sich viele seit Beginn der Krise nicht wirklich aktiv um einen Job gekümmert haben oder die Sicherheit in einem weiteren Studium oder Ähnlichem gesucht haben“, berichte die junge Frau. Den Schritt in die Selbstständigkeit wagen indes wenige in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis.

Für Helena habe sich seit Anfang der Krise sehr viel geändert, sagt sie: „Vorher hatte ich den Wunsch, im Ausland (Italien) für ein Luxus-Label zu arbeiten. Das ist so momentan nicht mehr der Fall. In der Hinsicht strebe ich in den unvorhersehbaren Zeiten also auch die Sicherheit an, in einem vertrauten Land beruflich Fuß zu fassen. Mental und emotional ist die Pandemiesituation für mich natürlich genauso eine Achterbahnfahrt wie für viele andere. Dennoch versuche ich, grundsätzlich das Positive in allem zu sehen. Zudem hoffe ich, dass wir jetzt im Frühling wieder Energie tanken können. Besonders fehlt mir der persönliche Kontakt zu anderen motivierten und ehrgeizigen Menschen aus der Branche.“ Unterstützung erfahre sie von der Familie und von Freunden und von ihrer Mentorin Sandra Volz von der FCC-Karrierefabrik.

Ob sie an eine schnelle Öffnung glaube? Der Druck auf die Politik steige immer weiter, sagt Helena, und erste Öffnungsschritte seien ja schon vollzogen worden. In die nahe Zukunft schaut sie mit einem gewissen Pragmatismus zwar, aber durchaus selbstbewusst und positiv: „In einem Jahr werden wir sehen, was wir hätten besser machen können. In der Digitalisierung sowie bei Innovationen von Geschäftsmodellen und Vertriebsmöglichkeiten sind wir auch jetzt schon weit gekommen. Ich bin gespannt auf die vielen Dinge, die wir in den dann zwei Jahren mit Corona gelernt haben. Abschließend kann ich dazu nur sagen, dass es neben den schrecklichen Seiten dieser Pandemie auch Chancen und Möglichkeiten gibt. Darauf sollte man sich fokussieren und schauen, welche positiven Konsequenzen die notwendigen Einschränkungen für einen persönlich haben könnten. Bei mir sind es mehr Zeit für Familie und Freunde und die Möglichkeit, in Deutschland in einer höheren Position einzusteigen, als das bei meinen ursprünglichen Auslandsplänen möglich gewesen wäre.“

Ausbildung im Abwärtstrend

„Sie dürfen nicht vergessen, dass viele Betriebe gerade um ihre Existenz kämpfen, und da haben ganz andere Fragen Priorität. Trotzdem sagen 80 Prozent der Unternehmen in der Textil- und Modeindustrie, sie wollten die Ausbildungsplätze möglichst erhalten.“ Christiane Reuter, BIBB ©privat

Auch auf dem Ausbildungsmarkt hat sich im vergangenen Jahr die Corona-Pandemie bemerkbar gemacht und teilweise zu einem schmerzhaften Rückgang des Ausbildungsangebotes geführt. Wenn Firmen in die Kurzarbeit gingen, viele Menschen im Homeoffice arbeiteten oder im Lockdown seien, sei eine Ausbildung im herkömmlichen Sinn oft nur eingeschränkt oder manchmal auch gar nicht mehr möglich, selbst wenn sich viele Firmen um ihre Auszubildenden bemühten, sagt die wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), Christiane Reuter. Laut Zahlen des BIBB ist im Vergleich zum Vorjahr das kaufmännische Ausbildungsangebot bei den Kaufleuten im Einzelhandel um 11 Prozent gegenüber 2019 gesunken. Bei den Kaufleuten im Groß- und Außenhandelsmanagement liegt der Rückgang bei 16 Prozent und auch bei den Kaufleuten im E-Commerce gab es ein Minus von rund 8 Prozent. Auch in der Modebranche zeigen die Zahlen nach unten. Die dualen Ausbildungsplätze für Textil- und Modenäher/-innen sind um 22,6 Prozent gesunken, die für Textil- und Modeschneider/-innen um 17 Prozent. Im Handwerk sind es beim Maßschneider sogar 45 Prozent. „Allerdings gibt es auch Branchen wie Tourismus mit minus 60 Prozent, Veranstaltung mit minus 36 Prozent oder Hotellerie mit minus 30 Prozent. Branchen, die noch stärker unter Druck geraten sind. Es gibt aber auch Gewinner wie zum Beispiel die Zweiradbranche oder die ,grünen‘ Berufe“, sagt Reuter. „Allerdings ist wie bei vielen anderen negativen Entwicklungen wie dem Ladensterben die Pandemie nicht Ursache, aber ein sehr wirksamer Beschleuniger der bestehenden Trends.“

Manche Branchen und Berufe hätten generell an Attraktivität verloren, sei es wegen der Arbeitsbedingungen, sei es wegen des Berufes selbst oder wegen der vergleichsweisen schlechten Bezahlung. Und: „Dazu gehört leider auch die Textil- und Modebranche, die nicht das beste Image hat und mit 400 bis 900 Euro Ausbildungsvergütung je nach Ausbildungsberuf und Ausbildungsjahr dort endet, wo andere Branchen wie die Automobilindustrie gerade anfangen. Auch die Akademisierung der zurückliegenden Jahre hat ihren Tribut gefordert“, rechnet Reuter vor. In einer ersten Prognose spricht das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) jedoch bereits von einem generellen Rückgang der Ausbildungsstellen um 10 Prozent in diesem Jahr. Die durchschnittliche tarifliche Ausbildungsvergütung lag laut BIBB im vergangenen Jahr bei monatlich 963 Euro im Monat. Schlusslicht war das Handwerk mit 850 Euro im Monat.

Lernen in Corona-Zeiten

Zwar sind Handel und Industrie in der Mode mittelständisch geprägt, aber dass Mittelständler auch besser durch die Krise kommen, lässt sich pauschal nicht sagen. „Auf der einen Seite profitieren Marken wie HUGO BOSS von ihrer Bekanntheit und ihrem globalen Auftritt. Andererseits kann eine große Organisationsstruktur auch schnell zur Belastung werden. Mittelständler sind oftmals flexibler und können schneller Trends aufgreifen. Vieles hängt von den einzelnen Unternehmen ab. Corona jedenfalls hat der Digitalisierung einen Schub verliehen. Auch Trends wie die Diskussion um Nachhaltigkeit und Fast versus Slow Fashion haben in den Köpfen vieler Verbraucher für ein Umdenken gesorgt. Auch diesen Trends müssen die Modemarken gerecht werden. Es ist also auch vieles in Bewegung geraten und am Ende des Tages müssen wir sehen, wie wir nach der Pandemie in einen Normalmodus zurückkehren können“, erklärt Reuter. Unternehmen haben Trainings, Schulungen oder zusätzliche Qualifizierungsangebote hintenangestellt. „Sie dürfen nicht vergessen, dass viele Betriebe gerade um ihre Existenz kämpfen, und da haben ganz andere Fragen Priorität. Trotzdem sagen 80 Prozent der Unternehmen in der Textil- und Modeindustrie, sie wollten die Ausbildungsplätze möglichst erhalten. Um dies zu ermöglichen, gibt es staatliche Unterstützungsprogramme, allen voran das Bundesprogramm ‚Ausbildungplätze sichern‘ mit zahlreichen Hilfen und Fördermaßnahmen“, sagt Reuter.

Beispiel HUGO BOSS AG. Bei den Metzingern ist die Zahl an Auszubildenden und DH-Studierenden geblieben. „Diese Ausbildungen sind ja auch langfristig angelegt“, sagt eine Sprecherin. Seit diesem Jahr biete das Unternehmen BWL Digital Commerce Management und noch einen weiteren Studiengang im Bereich duales Studium an. Und man sei weiterhin auf der Suche nach Nachwuchskräften. Der Einsatz digitaler Maßnahmen, um die Situation zu entspannen, hänge vom Beruf ab. In der Produktion oder der Logistik fänden die Termine mit den Auszubildenden noch persönlich statt. In anderen Bereichen, in denen aus dem Homeoffice gearbeitet werde, laufe vieles inzwischen virtuell. Das Feedback der Auszubildenden sei generell positiv, egal ob Präsenz oder virtuelle Betreuung. Einzig die Zahl der Praktikanten sei gesunken. Für sie sei die aktuelle Situation generell nicht einfach, da sie die gesamte Praktikumszeit fast ausschließlich unter Corona-Maßnahmen verbrächten.

Inwieweit sich die Pandemie auf die Attraktivität des Einzelhandels als Arbeitgeberbranche auswirkt, ist schwer einzuschätzen. Aber gerade deshalb setzen wir auch in Zukunft sehr stark auf unsere sehr gute und fundierte Ausbildung“, Christian Greiner, LUDWIG BECK AG

Christian Greiner, Vorsitzender des Vorstands der LUDWIG BECK AG, sagt, die Anzahl der neu eingestellten Azubis im Unternehmen sei annähernd geblieben. „Guter Nachwuchs ist für uns existenziell! Am Einstellungsprofil habe sich infolge der Pandemie nichts Wesentliches geändert“, unterstreicht Greiner. LUDWIG BECK bildet im Schwerpunkt Auszubildende und Handelsfachwirte im Verkauf aus. Beide Gruppen waren gleichermaßen stark hinsichtlich der geänderten Arbeits- und Ausbildungsabläufe betroffen. Auch LUDWIG BECK musste unter dem Lockdown Zugeständnisse machen: „Die Begleitung der Azubis kam insbesondere im Verkauf kürzer als sonst. Da unsere Azubis allerdings nicht in Kurzarbeit waren und demnach nur in ‚aktiven‘ Bereichen eingesetzt wurden, haben die hier tätigen Mitarbeiter die inhaltliche Begleitung der Azubis übernommen. Geholfen haben digitale Maßnahmen. Wir haben sehr schnell auf digitale Kommunikationskanäle – insbesondere bei Schulungen – gesetzt. Dies hat auf Anhieb sehr gut funktioniert“, erklärt Greiner.

Christian Greiner ©LUDWIG BECK AG

Sein Unternehmen stehe nach wie vor stabil hinsichtlich der Ausbildung da und erfahre viel Zuspruch, „nicht zuletzt deshalb, da wir uns über die Jahre eine entsprechende Reputation als Ausbildungsbetrieb über die Tore Münchens hinaus erarbeiten konnten. Inwieweit sich die Pandemie auf die Attraktivität des Einzelhandels als Arbeitgeberbranche auswirkt, ist schwer einzuschätzen. Aber gerade deshalb setzen wir auch in Zukunft sehr stark auf unsere sehr gute und fundierte Ausbildung“, meint Greiner. LUDWIG BECK hat die Prozesse bereits vor Corona entsprechend von der Rekrutierung über die inhaltliche Begleitung der Azubis bis hin zum Übernahmeprozess angepasst: „Wir haben die Azubis schon zu Beginn der Ausbildung getrackt, fokussiert gefördert und in einer angemessenen Geschwindigkeit in adäquate, operative Aufgaben übernommen. Das wirkt sich auch positiv auf den Nachwuchsführungsbereich aus. Zudem haben wir auf digitale Ausbildungskanäle umgestellt und den Rekrutierungsprozess entsprechend angepasst (zum Beispiel stärkere Präsenz über Social Media, Azubis werben Azubis et cetera). Ein weiterer wesentlicher Punkt ist der stets vertrauensvolle und enge Kontakt mit dem Nachwuchs, um die DNA von LUDWIG BECK weiterzuvermitteln.“

Verlustrechnung – der Ausbildungsmarkt 2020

Bei HUGO BOSS sieht man eine größere Herausforderung für Auszubildende und DH-Studenten im Homeschooling, das nicht allen ein Anknüpfen an die Leistungen unter normalen Lernbedingungen ermöglicht. Dies zeigt sich an den Noten und könnte auch die Abschlussprüfungen beeinträchtigen. Intern werden die Auszubildenden und DH-Studenten von Ausbildungsbeauftragten und Ausbildern unterstützt, die Lerninhalte vermitteln, was allerdings überwiegend aus dem Homeoffice stattfindet. Der Metzinger Konzern hat eine allgemeine Umfrage zum Thema Homeoffice unter allen Mitarbeitern gemacht, um den generellen Status quo der Zufriedenheit zu erfassen und gegebenenfalls Maßnahmen zur Verbesserung einleiten zu können. Auszubildende mit nicht ganz einfachen Situationen in der Schule erhalten bei Bedarf Unterstützung durch Azubi-Tandems aus dem gleichen oder einem höheren Ausbildungsjahr. Außerdem stellt das Unternehmen zusätzliche zielgruppenspezifische Inhalte im Intranet bereit.

Die Brinkmann Group in Herford nehme ihre Verantwortung als Ausbildungsbetrieb auch in Corona-Zeiten sehr ernst, der Bereich Ausbildung habe bei bugatti einen hohen Stellenwert, sagt Sprecherin Tanja Bobel. „Die praktische Arbeit und der persönliche Austausch sind besonders wichtig für eine gute Ausbildung. Digitale Maßnahmen konnten in der jetzigen Situation helfen und ergänzend eingesetzt werden“, fasst sie zusammen. Corona verändert nicht, was wir lernen und wohl auch nicht die Sicht darauf, aber die Art und Weise, wie lernen: „Durch die Notwendigkeit, digitales Lehren und Lernen stärker einzusetzen und Präsenzunterricht durch Distanzunterricht – auch in der betrieblichen Ausbildung – zu ersetzen oder zu ergänzen, haben sich die Wege der Wissensvermittlung verschoben, entsprechend müssen hier Auszubildende, aber auch Lehrende Kompetenz auf- und ausbauen“, sagt Reuter. Im vergangenen Jahr wurden viele Prüfungen aufgrund des plötzlichen Lockdowns noch verschoben. Das dürfte in diesem Jahr nicht mehr der Fall sein. Reuter glaubt, dass die Abschlussprüfungen ganz normal stattfinden werden, auch wenn es bei der Benotung vielleicht einen Corona-Bonus geben könnte. „Corona setzt neue Rahmenbedingungen, aber das Virus verändert nicht die Berufsbilder. Das geschieht dann doch durch die technischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen.“ Bei HUGO BOSS geht man davon aus, dass sich die Situation wahrscheinlich erst in ein bis zwei Jahren wieder normalisieren wird. Inzwischen gibt es Anpassungen. So werden die Auswahlprozesse digital durchgeführt. Bewerber werden bevorzugt auf digitale Assessment Center für Auszubildende und DH-Studenten angesprochen, um Ausbildungsangebote zugänglich zu machen. „Auch unsere Einführungsveranstaltung für alle Neustarter im Unternehmen findet jetzt digital statt.“ Die Zahl der Ausbildungsverträge dürfte dennoch sinken. Doch die Verantwortung dafür dem Virus zuzuschieben, greift da zu kurz. Wenn die Branche attraktiver für den Nachwuchs werden soll, können dafür nur die handelnden Personen in den Unternehmen etwas tun.

Keine Besserung in Sicht

©Alexandra Koch/Pixabay

„Der Ausbildungsmarkt musste 2020 im Zuge der Corona-Pandemie und ihrer Bekämpfung erhebliche Einbußen verkraften“, resümiert das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn. Das Ausbildungsplatzangebot im Rahmen der dualen Berufsausbildung sank gegenüber dem Vorjahr um 8,8 Prozent auf rund 527.400 Angebote. Parallel zum sinkenden Angebot nahm auch die Ausbildungsplatznachfrage um 8,9 Prozent auf rund 545.700 Nachfrager ab. Zugleich hatten die verbliebenen Marktteilnehmer deutlich größere Schwierigkeiten, mit der jeweils anderen Seite zusammenzufinden und auf diese Weise ihren Ausbildungswunsch umzusetzen. Auf beiden Seiten des Ausbildungsmarktes nahmen ungeachtet der jeweils insgesamt geringeren Teilnehmerzahl die Zahl und der Anteil der erfolglosen Marktteilnahmen zu. Der Umfang der unbesetzten Ausbildungsstellen stieg im Vergleich zu 2019 um 12,8 Prozent. Insgesamt blieben 11,7 Prozent des betrieblichen Gesamtangebots zum Bilanzierungsstichtag 30. September unbesetzt (Vorjahr: 9,4 Prozent). Auf der Seite der Jugendlichen waren zum Stichtag 78.200 Personen als Bewerber gemeldet, die noch eine Ausbildungsstelle suchten. Die Zahl der erfolglosen Nachfrager stieg damit gegenüber 2019 um 6,1 Prozent an und der Anteil der erfolglosen Bewerber an der offiziell ermittelten Nachfrage lag 2020 bei 14,3 Prozent (Vorjahr: 12,3 Prozent). Infolge des sinkenden Angebots und der Nachfrage sowie der zunehmenden Passungsprobleme zwischen beiden Marktseiten fiel die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge um 11 Prozent auf 467.500. Es sei zurzeit offen, in welchem Ausmaß die Pandemie sowie die mit ihr verbundenen Eindämmungsmaßnahmen auch die weitere Marktentwicklung im Jahr 2021 sowie den Folgejahren beeinflussen würden. Die Erfahrungen aus der internationalen Finanzkrise würden darauf hinweisen, dass nicht mit einer automatischen Revitalisierung des Marktes auf das frühere Ausgangsniveau gerechnet werden könne, auch wenn die damalige Schrumpfung nicht nur durch die Finanzkrise, sondern auch durch starke demografische Veränderungen und den Trend zur schulischen Höherqualifizierung mitgeprägt worden sei, schätzt das BIBB.

Laut Bundesagentur für Arbeit sind gemäß Monatsbericht Februar 2021 im Beratungsjahr 2020/2021 die Zahlen an bislang gemeldeten Ausbildungsstellen und gemeldeten Bewerberinnen und Bewerbern im Vergleich zum Vorjahreszeitraum nochmals deutlich zurückgegangen. „Hier spiegeln sich auf Stellenseite die Einschränkungen und Unsicherheiten durch die Pandemie sowie die Transformationsprozesse in der Wirtschaft wider. Auf Bewerberseite muss davon ausgegangen werden, dass Meldungen unterbleiben, weil die gewohnten Zugangswege versperrt sind und durch digitale Angebote nicht vollständig ersetzt werden können. Der aktuelle Bewerberrückgang ist deshalb nicht gleichzusetzen mit einem rückläufigen Interesse junger Menschen an einer beruflichen Ausbildung“, so die BA.

Von Oktober 2020 bis Februar 2021 wurden dem Arbeitgeberservice der Bundesagentur für Arbeit und den Jobcentern in gemeinsamen Einrichtungen mit insgesamt 387.500 nochmals 9 Prozent weniger Berufsausbildungsstellen gemeldet als Folge der Pandemie sowie der damit verbundenen wirtschaftlichen Einschränkungen und Unsicherheiten. Auch die laufenden Transformationsprozesse wie zum Beispiel in der Automobil- und Zulieferindustrie dürften ihren Niederschlag finden. Seit Beginn Oktober 2020 haben insgesamt 293.900 Bewerberinnen und Bewerber die Ausbildungsvermittlung der Agenturen und der Jobcenter bei der Suche nach einer Ausbildungsstelle in Anspruch genommen. Ein Rückgang von 12 Prozent. „Während das Zurückgehen der betrieblichen Stellenmeldungen auf die aktuelle wirtschaftliche Situation und die vorhandenen Unsicherheiten zurückzuführen sein dürfte, ist zu vermuten, dass der aktuelle Rückgang an Bewerbermeldungen nicht auf eine tatsächlich rückläufige Zahl Ausbildungsuchender in diesem Umfang zurückzuführen ist“, schreibt die BA. Allerdings sei der Ausbildungsmarkt im Februar noch sehr stark in Bewegung. Zudem sei das Meldeverhalten von Anbietern und Nachfragern am Ausbildungsmarkt zeitlich nicht synchron. Dennoch dürfte der Ausbildungsmarkt weiterhin stark von den Einschränkungen durch die Pandemie-Maßnahmen geprägt sein.