„Das ‚Wir‘ zählt“

FRANKFURT FASHION WEEK

„Leider war es nicht möglich, unter den gegebenen Umständen eine Präsenzveranstaltung wie die FFW Anfang Juli abzuhalten. Wir sind aber zuversichtlich, im Januar 2022 mit einem innovativen Format aufzuschlagen, das es so bisher an keinem anderen Ort der Welt gegeben hat und einmalig ist.“ Olaf Schmidt, Vice President Textiles & Textile Technologies der messe frankfurt. Alle Bilder ©Messe Frankfurt

Autor: Markus Oess
Es sollte mit einem Knall losgehen mit der FRANKFURT FASHION WEEK. Dann kam COVID-19 und brachte das Messegeschehen zum Halten. Trotz sinkender Infektionszahlen und fortschreitender Impfung zogen die Macher die Notbremse. Aus gutem Grund, noch ist der Spuk nicht vorbei und noch gibt es keine Planungssicherheit. Nun soll im Januar 2022 die Sause starten. Aber digital ist eine Menge geplant, Schaltstelle des gesamten Auftritts wird das FFW STUDIO, über das alle Events geteilt werden. Inhaltlich steht das Thema Nachhaltigkeit ganz oben auf der Agenda. Warum und wie die Frankfurter nun die gesamte globale Wertschöpfungskette in das Geschehen integrieren wollen, erklärt Olaf Schmidt, Vice President Textiles & Textile Technologies der messe frankfurt. Eine Bestandsaufnahme des textilen Weltgeschehens.

FT: Herr Schmidt, gerade wurde pandemiebedingt die FFW abgesagt. Wäre das nicht passiert, wenn die globalisierte Welt nachhaltig und gemeinschaftlich operierte?
Olaf Schmidt:Wir mussten Planungssicherheit in den Markt hinein und für unsere Partner schaffen. Leider war es nicht möglich, unter den gegebenen Umständen eine Präsenzveranstaltung wie die FFW Anfang Juli abzuhalten. Wir sind aber zuversichtlich, im Januar 2022 mit einem innovativen Format aufzuschlagen, das es so bisher an keinem anderen Ort der Welt gegeben hat und einmalig ist. Zu Ihrer Frage: Ich würde nicht so weit gehen, dass die Pandemie in einer nachhaltigeren Welt nicht passiert wäre. Globalisierung schließt Nachhaltigkeit nicht aus. Aber wenn diese Pandemie überhaupt etwas Gutes an sich hat, dann, dass man den Status quo hinterfragt und auch global nachhaltiger und gemeinschaftlicher handelt.“

Wie weit ist die Fashion-Industrie in Sachen Nachhaltigkeit wirklich?
„Hinsichtlich der Nachhaltigkeit ist in den vergangenen Jahren tatsächlich viel geschehen. Auf Ebene der Regulatoren, die die Rahmenbedingungen setzen, bei den Verbrauchern, die sich zusehends diesem Thema zuwenden, und auch bei Handel und Industrie. Schon längst ist das Thema aus der Nische in die Mitte des Marktes gerückt. Wir sehen viele Unternehmen, die sich komplett nachhaltig aufgestellt haben, aber auch die Player, die erste Schritte gehen. Sie sind auf einem guten Weg und sollten positiven Zuspruch erhalten, denn jeder kleine Schritt in Richtung Nachhaltigkeit kann eine größere Wirkung entfalten, als vielleicht anfangs gedacht. Natürlich wird es immer wieder auch negative Beispiele geben, aber so wenig, wie heute öko-faire Mode als Spinnerei Einzelner abgetan werden kann, so wenig sollten die Bemühungen der konventionellen Brands in Richtung Nachhaltigkeit pauschal als ‚Greenwashing‘ abgetan werden. Und für globale Probleme brauchen wir globale Antworten auf jeder Stufe der Wertschöpfung.“

„Wir müssen den Verbrauchern auch die Alternativen aufzeigen und proaktiv anbieten.“

Nachhaltigkeit hört für viele Verbraucher bei der Lieferanten-Händler-Beziehung auf. KiK, aber auch Brands wie BOSS kaufen Ware in Bangladesch ein, es kommt zur Brandkatastrophe, die Menschen sind bestürzt und nach wenigen Monaten dreht sich die Maschinerie wieder in gewohnten Bahnen. So gesehen, ist Nachhaltigkeit zu kurz gedacht, oder?
„Fairerweise muss man sagen, dass Nachhaltigkeit in der textilen Wertschöpfung ein sehr komplexes Thema ist. Das fängt beim Garn an und hört beim fertigen Produkt, den Umständen seiner Fertigung bis zum Transport in den Laden oder nach Hause auf. Gerade nach Rana Plaza 2013 wurde viel angestoßen und der Transformationsprozess hat einen neuen Anschub bekommen. Nehmen Sie nur die Verpflichtung zu fairen Löhnen, die auch deutsche Marken inzwischen eingegangen sind. Nicht alles ist perfekt und wir haben noch eine große Strecke vor uns, aber wir sind auf dem richtigen Weg. Und die Verknüpfung der globalen Wertschöpfung von der Baumwollpflanze über das fertige T-Shirt bis hin zur Reinigung ist es, die uns als messe frankfurt antreibt, ist das, wo, global betrachtet, unser USP liegt. Natürlich kann ein T-Shirt, das im Laden 3, 4 Euro kostet, nicht nachhaltig produziert und transportiert werden. Aber bei Shirts für 20 bis 30 Euro sieht das schon anders aus. Wir müssen den Verbrauchern auch die Alternativen aufzeigen und proaktiv anbieten.“

Wenn Sie von Texpertise sprechen, wie würden Sie die Wertschöpfungskette beschreiben, die diesem Netzwerk zugrunde liegt?
„In China sind wir mit der Aufnahme der Durchführung von Veranstaltungen schon wieder ein Stück weiter, aber das Corona-Virus hat es ja tatsächlich geschafft, dass die Welt stillsteht. Auf rund 60 Veranstaltungen weltweit zeigen wir, was die Branche bewegt. Ganz egal ob hier in Frankfurt, Paris, Shanghai, Moskau oder New York. Wir sind weltweit unbestrittener Marktführer, wenn es um Veranstaltungen der gesamten textilen Wertschöpfung geht. Wir organisieren Messen und Konferenzen vom Garn bis hin zum Fertigungsprozess mit, zum Beispiel die texprocess. Die techtextil zeigt wiederum innovative Entwicklungen bei Bekleidungstextilien unter dem Aspekt Performance und Smart Textiles. Nun haben wir mit der FRANKFURT FASHION WEEK in Frankfurt den Kreis der kompletten Wertschöpfungskette geschlossen. Mit dem neuen Format ,The Ground‘ sprechen wir ab Januar 2022 auch den Endverbraucher an und integrieren ihn in die Betrachtung der globalen Wertschöpfungskette.“

Welche Aufgabe übernimmt dabei die messe frankfurt?
„Wir haben ein engmaschiges Netz mit Partnern, Ausstellern und Besuchern geknüpft, mit dem wir immer und überall Trends aufgreifen und Innovationen befördern können. Wir verstehen uns als Teil dieser textilen Welt, als Kommunikationsplattform und als Ideen-, als Impulsgeber der Branche. Wir arbeiten mit der conscious fashion campaign und dem United Nations Office for Partnerships zusammen und haben das Ziel, dass die Sustainable Development Goals (SDGs) bis 2023 Voraussetzung für Aussteller der FFW für eine Teilnahme werden. Wir wollen Denkprozesse anstoßen, unter anderem auch mit dem Frankfurt Fashion SDG Summit, den wir gemeinsam zur internationalen Leitkonferenz für Nachhaltigkeit in der Modewelt aufbauen wollen.“

„Noch vor der Pandemie hatten viele in der Digitalisierung den nächsten Schritt gesehen, der Präsenzveranstaltungen in den Hintergrund drängt. Nun sehen wir, dem ist mitnichten so.“

Wo sehen Sie die Quick Wins, die Wertschöpfung von Bekleidung wirklich nachhaltig zu gestalten?
„Ich würde da keine einzelnen Punkte herausgreifen wollen. Es ist die Summe aller Maßnahmen, die uns weiterbringt. Manchmal erkennen wir die Fortschrittsgewinne auch erst später. Innovationen in der Fertigung – sei es mehr Umweltschutz beim Färben, seien es Cloudlösungen beim Design oder technologische Fortschritte, die Schnittabfälle auf ein Mindestmaß reduzieren – sind immer auch Innovationen, die direkt auf das Endprodukt einzahlen. Das gilt übrigens auch für technische Textilien, wo Innovationen später auch bei Outdoor oder Schuhen eingesetzt werden und der Bekleidungsbranche zugutekommen.“

Stichwort COVID-19 – gibt es ein „Weiter so“ oder müssen wir die Wertschöpfung neu denken?
„Ein ‚Weiter so‘ wird es sicher nicht geben. Aber die Pandemie hat den Regimewechsel in der Wertschöpfung zu Nachhaltigkeit nicht verursacht oder angestoßen, sondern bestimmte Entscheidungsprozesse beschleunigt und die Bereitschaft erhöht, das Thema nun mit einer größeren Ernsthaftigkeit anzugehen.“

Was sind Ihre Lehren aus der Pandemie für die messe frankfurt?
„Auch losgelöst von der Messegesellschaft sehen wir, dass die Menschen wieder zusammenkommen wollen. Wir sind soziale Wesen und der soziale physische Kontakt ist ein wichtiger Impulsgeber für Messen und ihre Organisatoren. Noch vor der Pandemie hatten viele in der Digitalisierung den nächsten Schritt gesehen, der Präsenzveranstaltungen in den Hintergrund drängt. Nun sehen wir, dem ist mitnichten so. Die Digitalisierung ist eine sinnvolle und starke Ergänzung für physische Messen, aber sie kann Messen nicht ersetzen. Das ‚Wir‘ zählt.“

Wieso bietet ausgerechnet die FRANKFURT FASHION WEEK die richtigen Hebel, um nachhaltige Veränderungen zu erwirken?
„Weil wir erstmals die gesamte Wertschöpfung in Frankfurt, eine Stadt, die Internationalität geradezu lebt, abbilden. Wir haben mit der PREMIUM GROUP den richtigen Partner und mit der Stadt Frankfurt und dem Land Hessen Förderer, die den Prozess nicht nur begleiten, sondern aktiv voranbringen wollen, und wir haben mit der UN und der conscious fashion campaign auch international die richtigen Sprachrohre für unser Anliegen. Diese Kombination macht uns einzigartig auf der Welt.“

Was unterscheidet Frankfurt von anderen Messen mit Blick auf die Vorstufe und auf ihre komplette Integration in die globale Wertschöpfung?
„Es sind das weltumspannende Netzwerk, das wir über die Jahre aufgebaut haben, und unsere Kompetenz als Impulsgeber der im positiven Sinne globalisierten Welt. Wir halten engen Kontakt auf jeder Stufe der Wertschöpfung. Transparenz ist hier das Zauberwort und der zentrale Game Changer für die nächsten Jahre. Nicht im Sinne von Transparenz als Marketingtool, sondern im Sinne von Transparenz innerhalb der Wertschöpfungsstufen.“

Schließen sich Nachhaltigkeit und technischer Fortschritt nach der reinen Lehre aus?
„Natürlich nicht. Technologischer Fortschritt und Nachhaltigkeit gehen für mich Hand in Hand. Nur mit Innovationen und neuen Denkweisen können wir die Branche in den Bereichen der wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit langfristig revolutionieren. Ohne technischen Fortschritt lassen sich auch die UN-Nachhaltigkeitsziele nicht erreichen.“

Wie kann Technologie helfen, die Wertschöpfung nachhaltig zu gestalten, und das dauerhaft?
„Auch da können wir Fortschrittsgewinne auf jeder Stufe realisieren. Vom Rohstoff, wie zum Beispiel botanischen Fasern, dem 3-D-Bodyscanner, der dabei hilft, Passformen zu verbessern, bis hin zum Recycling, das dazu beiträgt, sparsam mit unseren Ressourcen umzugehen.“

„Mit unserem FFW STUDIO werden wir alle Themen bespielen, die wir auch physisch geplant hatten: Brand-Inszenierung und -Experience, Konferenzen, Schauen und Entertainment. Alles unter einem Dach und alles sorgfältig zusammengestellt.“

Was muss dafür die Industrie mitbringen, was der Handel und welche Rolle übernimmt überhaupt der Verbraucher bei dem ganzen Spiel?
„Wir müssen alle drei Parteien gewissermaßen synchronisieren. Die Industrie müssen wir bei ihrem Transformationsprozess proaktiv begleiten und unterstützen, um so die Bereitschaft zur Veränderung zu stärken und den Handel bei seinen Bemühungen um nachhaltige Mode sichtbarer zu machen. Denn wenn der Verbraucher erst zu einem Shirt greift, weil es ihm gefällt, und dann erfährt, dass es auch noch nachhaltig ist, haben wir unser Ziel erreicht, auch die Verbraucher zu überzeugen. Und die sind es schließlich, die dann mit dem Konsum von nachhaltigen Textilien den Kreis erst schließen.“

Wohin geht aus Ihrer Sicht die Reise? Wird sich die Branche insgesamt verändern, weil sie gesamthaft betrachtet wird, oder bleibt es doch bei Veränderungen der einzelnen Wertschöpfungsstufen, also etwa beim Anbau der Baumwolle, bei der Herstellung von Denim oder in der Näherei?
„Ich denke, wenn einzelne Teile der Produktion sich verändern, wird sich auch die gesamte Wertschöpfungskette verändern. Wir müssen handeln und sollten nicht warten, bis der große Wurf über alle Stufen der Wertschöpfung kommt. Dazu haben wir keine Zeit und ich wüsste auch nicht, wer den vollbringen soll. Dazu ist das Thema einfach zu komplex.“

Wir haben es eben schon gesagt, die physische FFW fällt aus. Was bleibt, was wird auf den Januar verschoben?
„Da wir auf physische Formate verzichten müssen, konzentrieren wir uns auf unseren digitalen Auftritt. Dieser wird sehr stark contentgetrieben sein. Mit unserem FFW STUDIO werden wir alle Themen bespielen, die wir auch physisch geplant hatten: Brand-Inszenierung und -Experience, Konferenzen, Schauen und Entertainment. Alles unter einem Dach und alles sorgfältig zusammengestellt. Wir werden in den nächsten Wochen die Inhalte und Formate bekannt geben. Zwei Highlights möchte ich dennoch hervorheben: Das ist zum einen die Frankfurt Fashion SDG Summit presented by conscious fashion campaign in Zusammenarbeit mit dem United Nations Office for Partnerships und zum anderen die durch die ,New European Bauhaus‘-Initiative der Europäischen Union inspirierte Konferenz ,The New European Bauhaus – Werkstatt der Zukunft‘, die vom Fashion Council Germany in Kooperation mit der FRANKFURT FASHION WEEK organisiert wird. Wir werden darüber hinaus das FFW STUDIO bis zum Januar 2022 dazu nutzen, immer wieder wichtige Inhalte der FRANKFURT FASHION WEEK zu präsentieren.“

Hintergrund

©Messe Frankfurt

Olaf Schmidt absolvierte ein Studium zum „Diplom-Textilingenieur“ und „Master of Business Administration (MBA)“. Seine Karriere begann er beim Textilunternehmen rohi stoffe GmbH in Geretsried. 2003 wechselte Schmidt in den Vorstand der Spinnerei Lampertsmühle AG in Kaiserslautern. Seit Oktober 2006 ist Schmidt Vice President Textiles & Textile Technologies der Messe Frankfurt und verantwortet in dieser Funktion weltweit rund 60 Veranstaltungen in den Bereichen technische Textilien, Heimtextilien, Bekleidungsstoffe, Fashion und textile Verarbeitung. Dazu zählen internationale Leitmessen wie heimtextil, techtextil und texprocess in Frankfurt am Main sowie Fachmessen in Paris, New York, Shanghai, Tokyo oder Moskau. Zudem zeichnet der Manager für die FRANKFURT FASHION WEEK verantwortlich.

Die messe frankfurt organisiert weltweit 58 Veranstaltungen für Bekleidungsstoffe, Mode, Wohntextilien, technische Textilien, Textilverarbeitung und -pflege. Die messe frankfurt ist damit weltweit Marktführer für Fachmessen der Textilbranche. Unter dem Kommunikationsdach „Texpertise Network“ werden sämtliche Textilmessen vereint. 2019 nahmen mehr als 23.000 Aussteller und mehr als 600.000 Besucher an den Veranstaltungen der Frankfurter teil. Das Messeangebot umfasst die gesamte Wertschöpfungskette der Textilindustrie: Als zentrale Kommunikationsplattform bietet Texpertise Network Informationen zu den Messemarken und Serviceleistungen der messe frankfurt. Seit 2019 kooperiert die messe frankfurt im Rahmen des Texpertise Network mit der „conscious fashion campaign“ und dem United Nations Office for Partnerships und unterstützt die nachhaltigen Entwicklungsziele der UN.