Die Zukunft ist hybrid

FRANKFURT FASHION WEEK

„Die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen, wie Ausgangsbeschränkungen, Kontaktverbote und Reiserestriktionen, haben uns allen gezeigt, dass digitale Messeangebote als Add-on längst überfällig waren.“ Detlef Braun ©Frankfurt Fashion Week/Fotograf: Lottermann and Fuentes

Autor: Markus Oess
Als die Menschen dachten, die Erde sei eine Scheibe, bestanden keine Zweifel: Wer Grenzen überschreitet, fällt herunter. Nun ist klar, Herunterfallen ist nicht. Trotzdem bleibt es immer wieder aufs Neue spannend, Grenzen neu auszuloten oder sie zu sprengen. Die FRANKFURT FASHION WEEK ist mit einem globalen Anspruch an die Modewelt angetreten und wurde von COVID-19 gestoppt – für einen Moment wenigstens. Dann stellten die Macher, die messe frankfurt und die PREMIUM GROUP, ein digitales Format als Alternative auf die Beine, mit dem Ergebnis, dass physische Messen ohne digitales Pendant aus dem Gleichgewicht geraten. Die Alternative wird Teil des Konzepts. Detlef Braun will die FFW zum „Davos der Mode- und Textilindustrie“ machen. Braun über Kommunikation und Coopetition.

Drei Konferenzen, über 60 Panels, mehr als 72 Stunden Diskussionen, Talks und Präsentationen mit mehr als 150 Speakern und digitale Beiträge von rund 20 führenden Marken. alle Bilder ©Frankfurt Fashion Week

Fünf Tage Talks, virtuelle Konferenzen und eine Vielzahl von Live Performances. Zufrieden blicken die Veranstalter (messe frankfurt und PREMIUM GROUP) auf die Resonanz des FFW STUDIOS, der digitalen Klangkörper der FRANKFURT FASHION WEEK, nachdem die physische Ausgabe abgesagt werden musste. „Frankfurt hat überzeugend geliefert und wird zu dem Place to be für die zukunftsorientierte Mode- und Textilindustrie“, freuten sich die Messemacher. Die digitale Ausgabe der neuen FRANKFURT FASHION WEEK (5. bis 9. Juli 2021) sei ein voller Erfolg gewesen. Drei Konferenzen, über 60 Panels, mehr als 72 Stunden Diskussionen, Talks und Präsentationen mit mehr als 150 Speakern und digitale Beiträge von rund 20 führenden Marken hätten gezeigt, dass die Mode- und Kreativwelt bereit sei, die notwendigen Schritte zu unternehmen, um die aktuell stattfindende Transformation der Branche erfolgreich zu meistern.

„Hybride Messen und Fashion Weeks sind die Zukunft“, sagt Anita Tillmann, Managing Partner der PREMIUM GROUP. „Dieser Trend hat sich bereits vor der Corona-Pandemie abgezeichnet. Dass die Messen in den Januar 2022 verschoben werden mussten, hat bei uns diesen Prozess beschleunigt.“ Jetzt will man im Januar 2022 in Frankfurt an diesen Erfolg anknüpfen. „Die Mode- und Textilbranche braucht neue Wege. Sie braucht neue Türen, neue Lösungen, neue Inspirationen. Das System Fashion Week wird nur dann überlebensfähig sein, wenn genau das gelingt, was wir hier in Frankfurt angestoßen haben: Partnerschaften zwischen Mitbewerbern; mit der Stadtgesellschaft und der Politik; mit globalen Institutionen, Kampagnen und Verbänden. Ein ganzheitliches Ecosystem, das Wirtschaftsinteressen, Wissensvermittlung, Innovationen, Orientierung, Networking sowie selbstverständlich Fashion und Design miteinander vereint“, sagt Detlef Braun, Geschäftsführer der messe frankfurt.

FT: Herr Braun: Fünf Tage digitale FRANKFURT FASHION WEEK. Würden Sie sagen, alles richtig gemacht?
Detlef Braun:Das FFW STUDIO war ein voller Erfolg. Wir freuen uns sehr, dass die Branche das Format so positiv aufgenommen hat – das Echo ist bisher bemerkenswert. 25.000 Besucher und Besucherinnen an fünf Tagen aus 60 Ländern. Die Talks, Diskussionen und Präsentationen stehen weiterhin on demand auf www.frankfurt.fashion zur Verfügung. Ich bin unglaublich beeindruckt davon, was wir gemeinsam mit der PREMIUM GROUP unter diesen herausfordernden Bedingungen in den letzten Monaten auf die Beine gestellt haben – klar gibt es auch Learnings für uns, die wir in die kommende Saison mitnehmen werden. Wir geben weiterhin alles, um im Januar 2022 in Frankfurt an diesen Erfolg anzuknüpfen und endlich wieder einen Begegnungsort für den persönlichen Austausch zu bieten.“

Was sind die Key Learnings aus diesen fünf Tagen?
„Nach unserem ersten Aufschlag wissen wir nun noch besser, welche Besucherinnen und Besucher sich für welche Art von Content des FFW STUDIOS besonders interessieren. Daraus können wir viel für die künftige User Experience ableiten. Ein Key Learning ist auch, dass man mit Kreativität und Zusammenhalt viel erreichen kann. Wir haben in den letzten Monaten so viel dafür gearbeitet, der Branche trotz Corona eine Plattform der Inspiration zu bieten. Und die harte Arbeit hat sich ausgezahlt. So etwas klappt aber nur, wenn alle trotz unterschiedlicher Voraussetzungen an einem Strang ziehen: Coopetition ist das Zauberwort.“

Was leiten Sie daraus für die anderen Veranstaltungen der messe frankfurt ab?
„Im vergangenen Jahr mussten leider viele unserer Veranstaltungen ausfallen oder konnten nur digital stattfinden. Auf der einen Seite war das schmerzhaft. Auf der anderen Seite haben wir dadurch sehr viel lernen können und mussten in kürzester Zeit passende Lösungen finden. Die Zukunft der Messen ist hybrid – es wird keine rein physischen Events mehr geben. Und ich denke, wir sind bestens aufgestellt, um diese Zukunft maßgeblich mitzugestalten.“

Von der Alternative zum Teil des Konzeptes

Die gesamte Wertschöpfungskette soll in Frankfurt vereint werden.

Nach ihrer coronabedingt erzwungenen Digitalpremiere wird die FRANKFURT FASHION WEEK vom 17. bis 21. Januar 2022 die gesamte Branche erstmals „phygital“ on-site und online in Frankfurt zusammenbringen. Das digitale FFW STUDIO wird dafür dauerhaft in das in Frankfurt geplante ganzheitliche Fashion-Week-Ecosystem integriert. So soll ein Mix aus kontemporären Messekonzepten, multidisziplinären Konferenzen, innovativen Runway-Formaten, der Aktivierung des öffentlichen Raums und einem verbindenden Plattformgedanken entstehen. Dazu will die FRANKFURT FASHION WEEK alle Player der Mode- und Textilbranche zusammenbringen: von Topmanager*innen und Entscheidungsträger*innen über Einkäufer*innen bis hin zu Produktmanager*innen und Designer*innen. Dabei soll die gesamte Wertschöpfungskette in Frankfurt vereint werden. Neben der Präsentation von Mode in Runway Shows und Kollektionen sollen daher auch innovative Vorstufenunternehmen und Ingredient Brands von den Rohstoffen über die Fertigung bis hin zu Services in das FFW Ecosystem integriert werden. Die beiden zentralen Zukunftsthemen der Branche: Sustainability & Digitisation seien ein vielversprechender Ausblick auf Januar 2022. Die Inhalte des FFW STUDIOS bleiben weiterhin on demand verfügbar.

FT: Herr Braun, Sie sprechen nicht mehr von Messe als eindimensionalem Raum, sondern von einem Ecosystem, das die gesamte Wertschöpfungskette abbildet. Sind die Stakeholder, also Marken, Handel und Endkonsumenten, schon so weit für diesen Auftritt?
„Aber sicher! Es ist genau das, worauf die Branche gewartet hat und wonach sie immer wieder fragt. Es macht den Markt übersichtlicher und erleichtert das Business. Alles wird zu einer Zeit an einem Ort gebündelt und die Messe beziehungsweise die FRANKFURT FASHION WEEK wird tatsächlich zu einem Treffpunkt für alle. Aber klar ist auch, das passiert nicht von heute auf morgen. Wir befinden uns auf einer Reise und laden alle Shaker und Maker ein, dabei zu sein.“

Unser Anspruch ist es, Frankfurt zum Davos der Mode- und Textilindustrie zu machen.

Das FFW STUDIO wird als weiterer Baustein in die FFW integriert. Was als Alternative gedacht war, ist nun Teil des Systems. Was versprechen Sie sich davon?
„Wir haben eben schon über das Ecosystem gesprochen, das die gesamte Wertschöpfungskette abbildet – mit dem FFW STUDIO digitalisieren wir dieses Ecosystem. Die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen, wie Ausgangsbeschränkungen, Kontaktverbote und Reiserestriktionen, haben uns allen gezeigt, dass digitale Messeangebote als Add-on längst überfällig waren. Zu einer globalisierten Welt gehört auch, dass Interessierte, die nicht vor Ort sein können, trotzdem digital teilhaben können. Und: Das FFW STUDIO bietet eine dauerhafte Plattform für wertvolle Insights. Alle Videos und Inhalte der vergangenen Ausgabe werden ab sofort sukzessive und on demand auf www.frankfurt.fashion zur Verfügung gestellt. Somit verlängern wir die FFW nicht nur in den digitalen Raum – sondern auch zeitlich. Wie gesagt, die Zukunft der Messen ist hybrid und das FFW STUDIO ist unsere Antwort auf die Frage, wie eine Messe online und on-site aussehen kann.“

Im Januar kommt die FRANKFURT FASHION WEEK auch als physische Veranstaltung. Was kann die Branche, was der Endverbraucher erwarten?
„Nach der Fashion Week ist vor der Fashion Week: Wir starten direkt in die Planung der Formate im Januar. Für die kommende Ausgabe sind endlich wieder physische Messen, Konferenzen, Showcases und Events geplant, natürlich nur, wenn die pandemischen Rahmenbedingungen es zulassen. Gemeinsam mit der PREMIUM GROUP setzen wir im Januar nicht nur unsere bestehenden Messen PREMIUM, SEEK und NEONYT sowie die bestehenden Konferenzen in Frankfurt um, sondern lancieren neue Messeformate für die Fashion Community. Außerdem wird die FRANKFURT FASHION WEEK ab Januar 2022 in die City verlängert: Frankfurter Gastronomie, Hotellerie, Klubszene, Museen, Festivals und der Einzelhandel. Lassen Sie es mich so sagen: Es ist für alle etwas dabei. Wir freuen uns schon sehr darauf!“

Sie sind international vernetzt und kennen das globale Messegeschehen, wo wird sich die FRANKFURT FASHION WEEK dort einordnen?
„Ich sage es immer wieder: Unser Anspruch ist es, Frankfurt zum Davos der Mode- und Textilindustrie zu machen. The place to be. Die FRANKFURT FASHION WEEK richtet sich an die gesamte Industrie – national wie international. Ich bin fest davon überzeugt, dass die FFW bald ihren Platz im internationalen Kontext gefunden haben wird.“