Dank Stammkunden gut durch die Krise

FTbasic

„Wir sind ein kleiner, feiner Laden mit Boutique-Charakter. Der Kontakt zu unseren Stammkunden ist vor allem persönlich.“ Andreas Hoyer, Geschäftsführer der Boutique HEIMAT in Köln. ©HEIMAT Köln

Interview mit Andreas Hoyer, Geschäftsführer der Boutique Heimat, Köln

Autor: Maximilian Fuchs
In unserer Serie „FTbasic“ laden wir kleine und mittelständische Händler zum Gespräch, um über das Geschäft mit der Mode in der aktuellen Situation zu sprechen. Dieses Mal waren wir in der Kölner Innenstadt bei Heimat und haben uns mit Geschäftsführer Andreas Hoyer unterhalten, der gemeinsam mit Andy Scherpereel die High-Fashion-Boutique auf dem Mauritiuswall 76-78 betreibt.

Andreas Hoyer, Geschäftsführer der Boutique HEIMAT in Köln. Illustration ©Andy Scherpereel

Fashion Today: Mit welchen Problemen sahen Sie sich in den letzten zwei Jahren, durch die Corona-Pandemie verursacht, besonders konfrontiert?
Andreas Hoyer: „Ich persönlich glaube, das größte Problem während der ganzen Zeit ist die Ungewissheit. Als es im Frühjahr 2020 mit der Pandemie losging, war die Hoffnung, dass die Lage bis zum Herbst wieder unter Kontrolle sei. Dann kam der bundesweite Lockdown im Winter und seitdem hangeln wir uns von Monat zu Monat, was wirklich anstrengend ist. Begleitet von der Sorge, welche Auswirkungen die Pandemie auf das Geschäft hat und wie die Kunden mit der Situation umgehen. Ob es überhaupt bei der kollektiven Corona-Müdigkeit zum Konsum von Mode kommt und ob die Leute Lust haben, Mode einzukaufen, oder sich nicht einfach mit Basics zufriedengeben. Vielleicht aber ist es gerade in dieser besonderen Zeit wichtig für Menschen, mit expressiver Mode dem ganzen Corona-Wahn etwas entgegenzusetzen. Was wiederum bei uns die Frage aufwarf, ob wir weniger einkaufen und unsere Ordermenge anpassen sollten – oder dann nachher möglicherweise zu wenig Ware haben, wenn die Kunden doch den Drang nach Mode verspüren. So ungewiss ging es über Monate wie in einem Pingpong-Match und es ist immer noch ganz schön wild, doch aktuell kann ich sagen: Wir haben als Unternehmen zwar finanzielle Verluste erleiden müssen, aber die sind zu verkraften. Dank unseren wunderbaren Kunden, die ich an dieser Stelle in den Himmel loben muss!

Wir haben bei Heimat fast nur Stammkunden, die uns treu bleiben und weiterhin einkaufen. Wir sind ein kleiner, feiner Laden mit Boutique-Charakter. Der Kontakt zu unseren Stammkunden ist vor allem persönlich. Bei vielen ist eine Verbindung entstanden, die weit über das Business hinausgeht. Und unsere Kunden hatten auch während der letzten zwei Jahre weiterhin Lust auf Mode und Lust auf uns – haben uns die Treue gehalten und das Geschäft am Leben erhalten. Wir sind sehr glücklich, so gut durch die Zeit gekommen zu sein.“

Also waren bei Ihnen die staatlichen COVID-19-Hilfsprogramme, als Modeeinzelhändler nicht weiter ungewöhnlich, kein Thema?
„Wir haben diesen Pauschalbetrag von 9.000 Euro im ersten Lockdown beantragt, weil es bei uns im Geschäft tatsächlich zuerst merkliche Rückgänge im Umsatz gab. Es hat sich jedoch gezeigt, dass wir die Summe – so wie viele andere Händler und Selbstständige, nicht nur im Geschäft mit Mode – vollständig zurückzahlen müssen.“

Der Trend zur Casualisierung der Mode hat in den letzten Monaten einen neuen Peak erreicht. Sehen Sie aktuell eine Gegenbewegung, dass die Kunden wieder mehr auf angezogene Styles setzen, nun, da Bars und Restaurants wieder geöffnet haben?
„Solange es keine ausgeleierte Jogginghose ist, kann Casual durchaus sehr modisch und damit chic sein. So kann wie bei Walter Van Beirendonck eine Jog Pant vorzüglich für den Bar- und Restaurantbesuch geeignet sein.

Generell finde ich die althergebrachte Idee überholt, dass ein Mann in einem klassischen Anzug als besonders chic gilt. Wir haben natürlich auch Kunden, die in eher konservativen Bereichen arbeiten. Da gilt dieser antiquierte Dresscode oft weiterhin, weil ein langweiliger schwarzer Anzug vermeintlich Seriosität ausstrahlen soll. Ich persönlich finde das albern und etwas aus der Zeit gefallen.“

Sprechen wir über das digitale Business: Einen eigenen Online-Shop betreiben Sie nicht. Was hat Sie dazu bewogen?
„Es ist eine bewusste Entscheidung gegen den eigenen Online-Shop. Ich finde diese ganze Online-Bestellerei, vielleicht oftmals auch aus Langweile geklickt, ohnehin sehr bedenklich, was die Nachhaltigkeit betrifft.

Hinzu kommt, dass wir uns unbekannten Menschen keine Teile senden möchten, die wir nach drei Wochen in möglicherweise nicht mehr ganz akkuratem Zustand zurückerhalten, und uns dann nur ärgern. Wenn uns Kunden bekannt sind, wir haben beispielsweise in ganz Deutschland und dem benachbarten Ausland ansässige, dann ist das gar kein Problem und wir versenden auch eine Auswahl per Post. Sollte zum Beispiel Herr XY anrufen und sagen, dass dieses Teil auf Instagram ihm gut gefalle und er es kaufen möchte – dann geht das Wunschteil auf seinen Weg. Eben nur nicht so anonym und ohne persönlichen Austausch, das ist nicht unser Stil.“

Kunst und Mode: Bei HEIMAT in Köln trifft man vor allem japanische Brands, fein kuratiert. Illustration ©Andy Scherpereel

Durch Probleme der internationalen Lieferketten gibt es aktuell vielerorts Lieferengpässe, gerade bei Sondergrößen. Haben Sie Schwierigkeiten, an bestellte Ware zu kommen?
„Nein, eigentlich gar nicht. Wir kaufen beispielsweise auch keine Pre-Kollektionen ein. Die Zusammenarbeit mit unseren Partnern, hauptsächlich japanischen Brands wie ISSEY MIYAKE oder COMME des GARÇONS und einigen europäischen wie zum Beispiel Walter Van Beirendonck, einem Belgier, ist sehr vertrauensvoll und langfristig – und funktioniert hervorragend. Im Juli dieses Jahres feiern wir mit Heimat unser 20-jähriges Jubiläum.“

Wie informieren und ordern Sie zur neuen Saison? Haben Sie Live-Events und Fachmessen besucht, Termine im Showroom vor Ort vereinbart – oder alles online abgehalten?
„Wir waren im letzten Jahr für eine Order von ISSEY MIYAKE in Paris, aber der Großteil spielt sich online ab. COMME des GARÇONS hat in Tokio präsentiert; dafür extra nach Japan zu fliegen, ist keine Option. Da wir jedoch die Grundstruktur der Produkte und die Schnitte kennen, ist die Auswahl am Bildschirm machbar. Schmerzlich fehlt jedoch das Zwischenmenschliche, die Energie bei den Schauen vor Ort. Bei den Herren-Defilees ist es auch immer schön, in die Teile reinzuschlüpfen und anzuprobieren. Dieses Look-and-feel der neuen Kollektionen kann online auch nur bedingt mit Stoffmustern ausgeglichen werden, die einige Designer zu ihren Online-Runways geliefert haben.“