„Wir produzieren einfach viel zu viel“

Textilmüll

Viola Wohlgemuth recherchiert auch vor Ort. Gebrauchte und neue Kleidung wird aus Europa und China nach Kenia geschickt, um als sogenannte "Mitumba" verkauft zu werden, aber oft landen sie aufgrund der riesigen Menge auf Deponien und Müllhalden, wie hier auf der Dandora Mülldeponie in Nairobi. ©Kevin McElvaney Greenpeace

Autor: Markus Oess
Viel Zeit bleibt nicht, mahnt Viola Wohlgemuth im FT-Interview. Sie arbeitet bei Greenpeace Deutschland als Konsum-Expertin mit den Schwerpunkten Ressourcenschutz, Plastikmüll und internationale Lieferketten. Nicht nur, dass Kleidung, Fast Fashion vor allem, immer noch unter teils katastrophalen Bedingungen produziert wird, auch die riesigen textilen Müllberge sind schon lange ein Riesenproblem. Der globale Norden entsorgt billig seinen „textilen Sondermüll“ im globalen Süden. 30 bis 50 Prozent der Textilien, die nach Afrika verschifft werden, landen auf dem Müll oder gleich in der Natur, weil sie tragbar beziehungsweise nicht recyclingfähig sind. Für Wohlgemuth ist klar, die Industrie muss in die Pflicht genommen werden, um textiles Recycling auf nennenswerte Größen zu bringen. Secondhand-Mode mitsamt einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft ist für die Greenpeace-Expertin die Lösung für einen sinnvollen Konsum und auch die Antwort auf billige Fast Fashion. 

FT: Frau Wohlgemuth, kaufen Sie auch gebrauchte Mode?
Viola Wohlgemuth: „Ich bin ein großer Fan davon und habe seit zehn Jahren kein neues Teil mehr gekauft. Ich nutze digitale Angebote, aber auch sehr gerne ganz normale Kleidertauschpartys, da informiere ich mich über unsere Website kleidertausch.de, wo die nächste Kleidertauschparty läuft. Manches miete ich auch, zum Beispiel Ski-Kleidung, etwa wenn ich in den Winterurlaub fahre.“

Inzwischen sind wir lange weg von muffigen Secondhand-Läden und Flohmarktatmosphäre. Die Anbieter von gebrauchter Kleidung haben sich im Zuge der Digitalisierung professionalisiert. Wenn Sie auf Anbieter wie Kleiderkreisel beziehungsweise Vinted oder momox schauen – wie nachhaltig ist das Geschäftsmodell tatsächlich, wenn die Ware auf Artikelebene hin und her geschickt wird?
„Das stimmt, aber Sie müssen dagegenrechnen, wie unglaublich groß die Ressourcenverschwendung für die Neuproduktion eines Textils ist. 2.700 Liter Wasser für ein T-Shirt, die durchschnittliche Tragedauer eines Party-Tops liegt inzwischen bei 1,7-mal – und das wurde dafür noch aus Asien nach Deutschland transportiert. Welch eine Verschwendung! Außerdem kann man Mehrwegverpackungen für den Versand wie zum Beispiel die Momo-Box nutzen, sodass nur der Versand selbst übrig bleibt. Und auch Mietmodelle sind immer die bessere Alternative zum Neukauf, gerade wenn das Teil nur ein oder wenige Male gebraucht wird.“

Haben Sie einen Überblick, wie viel Bekleidung in Deutschland tatsächlich einen neuen Besitzer findet, also aufgearbeitet und weiterverkauft wird?
„Tatsächlich gibt es keine offizielle Zahl. Viele Anbieter sind zu klein, um die Zahl systematisch erfassen zu können. Schätzungen gehen davon aus, allerdings haben in einer neuen Umfrage 71 Prozent der befragten Konsumentinnen und Konsumenten angegeben, dass sie inzwischen weniger Geld für Neuware ausgeben, weil sie stattdessen Secondhand-Kleidung gekauft haben, und es wird geschätzt, dass sich der Markt für Secondhand bis 2025 noch mal verdoppelt.“

Billige Entsorgung

Greenpeace berichtet, dass ein Großteil der gesammelten Altkleider nach Afrika oder Osteuropa verschickt und dort verbrannt wird, weil die Ware defekt, unbrauchbar ist und die Textilien nicht recyclingfähig sind. Das schafft auch in den Ländern Probleme von zerstörten Marktstrukturen bis hin zur Umweltverschmutzung. Wir sprechen nun zwar von gebrauchter Mode, aber was sind, in kurzen Sätzen, die größten Probleme?
„Ich komme gerade aus Kenia und Tansania, um vor Ort zu recherchieren. Seit den 1980er-Jahren hat man damit begonnen, gebrauchte Kleider im größeren Stile nach Afrika zu exportieren. Anfangs kam die Ware aus Europa, inzwischen zählen auch die USA und Asien zu den Exporteuren. Häufig wird auch Ware aus Überproduktion verschifft, die heute bei 40 Prozent liegt. Diese Länder werden regelrecht geflutet. Wir produzieren einfach viel zu viel. Das zweite Problem ist, dass die Ware unkontrolliert in die Länder kommt. 30 bis 50 Prozent der Textilien sind nicht tragbar und landen auf der Müllhalde oder gleich in der Natur, weil sie auch nicht recyclingfähig sind. Das ist quasi Sondermüll, der nur noch verbrannt werden kann.“

Fast Fashion wird immer wieder als einer der Treiber dieser negativen Entwicklung genannt. H&M nimmt jetzt auch gebrauchte Kleidung zurück. Anbieter wie zalando und ABOUT YOU haben das Thema auch schon für sich entdeckt. Wie bewerten Sie diese Aktivitäten?
„Das ist Greenwashing. H&M, zalando oder auch ABOUT YOU ändern ihr Geschäftsmodell ja nicht. Es geht immer noch darum, die Leute auf die eigene Website oder in die Läden zu locken und sie zum Kauf neuer Kleidung zu bewegen. Fast Fashion, die unter sehr fragwürdigen Bedingungen produziert wird.“ 

HUGO BOSS will in Kürze auch gebrauchte Ware verkaufen. Ist das eine gute Sache oder halten Sie es für einen PR-Gag?
„Auch das Engagement von HUGO BOSS verbuche ich – so, wie es gerade aussieht – erst mal unter Greenwashing. Secondhand ist immer eine gute Idee, wenn es ernsthaft als neues Geschäftsmodell aufgebaut oder integriert wird. Solange es nur als Feigenblatt dient, möglichst viel Neuware zu verkaufen und sich selbst den Anschein zu geben, nachhaltig zu agieren, halte ich davon nicht viel. Im Grunde geht es um den terminierten und klar nachzuvollziehenden Wandel vom Händler zum Dienstleister, also langlebige Bekleidung zu vermitteln, Secondhand oder als Mietmodell. Davon sind wir aber weit entfernt.“

Nur 0,1 Prozent der Bekleidung wird recycelt. Was müsste sich tatsächlich schon bei der Produktion der Ware ändern, um Müllberge zu vermeiden?
„Die Kleidung muss von Anfang an so konzipiert werden, dass sie langlebig ist und sich eine Reparatur lohnt. Der zweite Punkt ist die Recyclingfähigkeit. Wir müssen wegkommen von Mischgeweben und es müssen dazu die passenden Rücknahmesysteme etabliert werden.“

Aber der Preis entscheidet immer noch über den Kauf, gerade in Deutschland. Trägt der Konsument nicht auch eine Mitschuld, wenn munter Bekleidung gekauft wird, die dann nutzlos herumliegt und wieder entsorgt wird?
„Natürlich trägt auch der Konsument eine Mitverantwortung, wenn er munter bei PRIMARK T-Shirts für 2 Euro kauft. Ihm müsste klar sein, dass bei diesem Preis gute Produktionsbedingungen vom Umweltschutz bis hin zur fairen Entlohnung einfach nicht möglich sind.“

„EU-weit müssen bis zum Jahr 2025 verpflichtend Rücknahmesysteme etabliert werden, um auch das Recycling in richtige Bahnen zu lenken, es überhaupt erst in nennenswertem Umfang zu etablieren. Dazu zählt auch der Produktpass, der alle wichtigen Informationen des betreffenden Teils dazu aufführt. Wir sollten endlich anfangen, viel Zeit bleibt nicht.“

Was also tun?
„Wir können es uns einfach nicht mehr leisten, so viel zu produzieren – diese Massen sind nicht nachhaltig produzierbar und wären natürlich auch als öko-faire Mode viel teurer. Es ist aber auch nicht die Lösung, von Massen an schlechter Billigware auf Massen an Biomode umzubauen. Wir müssen die Alternativen zum Neukauf ausbauen, die sind dann auch gleichzeitig preisgünstige Alternativen: Leihmodelle, Tauschmodelle oder Secondhand. Dazu müssen wir die Verbraucher noch mehr aufklären als bisher und wir müssen dafür sorgen, dass die Angebote auch erreichbar sind, immer und überall. Ein hipper Secondhand-Laden in der Stadt reicht nicht.“

Nun hat die Pandemie das Thema Nachhaltigkeit befördert. Aber sind wir tatsächlich so weit, dass eine Selbstverpflichtung der Industrie und ein Bewusstseinswandel der Konsumenten reichen? Sie fordern staatliche Regelungen, um das gesamte Modegeschäft zu bremsen und nicht weiter Müllberge aufzuhäufen. Was konkret sind Ihre Forderungen?
„Die Nachhaltigkeit ist zwar wichtiger geworden, aber eine Selbstverpflichtung der Industrie hat noch nie funktioniert. Der Reiz, einfach nur Greenwashing zu betreiben, ist zu groß. Das zeigt auch wieder unser neuester Report. Wir brauchen verpflichtende Vorgaben wie das Lieferkettengesetz. Die Vorgaben der neuen Textilstrategie der EU müssen schnell und konsequent umgesetzt werden. Es muss verpflichtend sein, schon bei der Produktion auf Langlebigkeit und Recyclingfähigkeit zu achten. Wir brauchen eine Textilsteuer, die neue Textilien angemessen bepreist, um über den Preis eine Lenkungsfunktion zu erzielen. Je umweltschädlicher ein Teil ist und je unfairer es produziert wird, umso teurer muss es werden. Wir brauchen im Gegenzug die Subventionierung von Secondhand-Mode. Gelder aus dem Green Deal oder Überbrückungshilfen ließen sich zum Beispiel dafür einsetzen. Bis 2030 sollten 10 Prozent der innerstädtischen Flächen mit gebrauchter Bekleidung belegt sein. EU-weit müssen bis zum Jahr 2025 verpflichtend Rücknahmesysteme etabliert werden, um auch das Recycling in richtige Bahnen zu lenken, es überhaupt erst in nennenswertem Umfang zu etablieren. Dazu zählt auch der Produktpass, der alle wichtigen Informationen des betreffenden Teils dazu aufführt. Wir sollten endlich anfangen, viel Zeit bleibt nicht.“

Hintergrund

©Greenpeace

Auch die jüngste Vor-Ort-Recherche der Non-Pofit-Organisation Greenpeace bestätigt, dass die Überproduktion der Fast-Fashion-Industrie immer größere Müllberge im globalen Süden verursacht. Der Report „Vergiftete Geschenke“ deckt am Beispiel von Kenia und Tansania auf, wie Altkleiderexporte zur Entsorgung von Textilmüll missbraucht werden, mit verheerenden Folgen für Mensch und Umwelt. „Die Fast-Fashion-Industrie hat Kleider zu nicht recycelfähigen Plastikwegwerfartikeln gemacht, wie eine Plastiktüte“, sagt Viola Wohlgemuth, Expertin für Ressourcenschutz von Greenpeace. „Wir decken mit unserer Recherche auf, wie sich die Länder und Firmen des globalen Nordens ihrer Verantwortung für diesen Sondermüll entziehen. Sie lassen die Menschen in Ostafrika mit dem exportierten Plastik-Textilmüll allein – ohne jede Infrastruktur für die Entsorgung.“

Zwar habe sich der öffentliche Druck auf die Fast-Fashion-Industrie erhöht. Doch von der „Kreislaufwirtschaft“, die viele Firmen jetzt propagieren, ist die Branche wie kaum eine andere entfernt. Weniger als 1 Prozent aller Kleidungsstücke werden aus recycelten Textilfasern neu hergestellt. Und das Produktionsvolumen steigt jährlich immer noch um 2,7 Prozent. Allein in Deutschland werden jährlich mehr als 1 Million Tonnen Altkleider gesammelt. Weniger als ein Drittel wird den Angaben zufolge in Deutschland als Secondhand-Ware weiterverkauft. Der Großteil wird nach Osteuropa und Afrika exportiert. Die Greenpeace-Recherchen haben ergeben, dass 30 bis 40 Prozent der Importe nicht mehr verkauft werden können. Die Teile landen gemeinsam mit der Überproduktion auf Mülldeponien, in Flüssen oder werden unter freiem Himmel verbrannt, weltweit eine Lkw-Ladung pro Sekunde.

Viola Wohlgemuth ©Jiri Rezac/Greenpeace

Viola Wohlgemuth ist approbierte Pharmazeutin und arbeitet seit 2018 bei Greenpeace Deutschland als Konsum-Expertin mit den Schwerpunkten Ressourcenschutz, Plastikmüll und internationale Lieferketten. Bereits während ihres Studiums der Pharmazie an der Universität Marburg und ihrer anschließenden Forschungsarbeit zur Biosynthese von Antibiotika und zu Protein-Engineering war sie ehrenamtlich bei Greenpeace Deutschland aktiv. Bei Greenpeace steht sie unter anderem hinter der Textil-Kampagne „Detox“ für eine giftfreie Produktion von Kleidung. Ob Fashion oder Plastik, ihr Credo lautet: „Weniger ist mehr“. So kämpft sie für einen Bewusstseinswandel bei Konsumentinnen und Konsumenten, die Abschaffung von Einweg-Verpackungen und für gesetzliche Regulierungen der globalen Produktionsketten und des Warentransports.