Männersache

Kommentar

Autor: Winfried Rollmann

Menswear ist heute eine spannende, deutlich komplexere Welt als noch vor Jahren. Traditionelle Kategorien von Tailored oder Casual lösen sich immer mehr auf zu einer Fusion, die uns Streetwear und Lifestyle beigebracht hat.

Ein prägnantes Beispiel ist HUGO BOSS. Die Metzinger sind beim Umbau eines Giganten der Formal Menswear zur Lifestylemarke für alle Gelegenheiten des modernen Lebens sehr erfolgreich weitergekommen. Das meistverkaufte Teil der ersten Kollektion unter der Ägide von Daniel Grieder war das BOSS Hoodie. Das sagt eigentlich alles. In der Verknüpfung von wertiger Streetwear mit einem entspannten Tailoring liegt die Blaupause für den modernen Mann. Der Versuch, einen klassischen Anzug mit einem Sneaker zu tunen, wirkt dagegen heute recht verzweifelt. Das reicht nicht mehr!

Die Welt des SPORTS hat der Männermode schon viel beigebracht. Die technischen Materialien, wie zum Beispiel die bedruckten Polyamid-Stretchhemden, gehören heute zu den Bestselling Performers der Business-Sortimente. Anzughosen in Tech Wool mit Tunnelzügen oder gestrickte Cashmere Hoodies sind ja mittlerweile zur Grundausstattung geworden. Der Tracksuit oder die Drei-Streifen-Hose spielen heute ganz selbstverständlich mit Sartorialem.

STREETWEAR bringt uns dabei immer wieder neu bei, wie die neue Kombinatorik funktioniert. Ein Meilenstein war hier die Kooperation von Fear of God mit Zegna. Hier wurde exquisites Tailoring auf Loose Silhouettes in Komfort übersetzt. Der Oversized Cashmere Coat überm Hoodie oder Luxury Sweats mit Edel-Jogger als New Suit. Das sind die neu austarierten Rezepte der Moderne. Sie passen zu unserem hybriden Leben mit Homeoffice und mehr Mobilität perfekt. Es mag sein, dass diese neuen Menswear-Welten auch heute noch manchen Category Manager verunsichern, aber der sollte dann entweder sein Mindset updaten oder die Frührente beantragen.

Die guten Anzugumsätze der letzten Monate sollten uns nicht darüber hinwegtäuschen, die Vergangenheit hat ausgedient.

Wenn Sport- und Street-Einfluss nicht ausreichen, gibt der GENDER SHIFT gelernter Tradition den Todesstoß. Männer beginnen weltweit, die Bandbreite ihrer Lebensmöglichkeiten auszuloten, nachdem sie ihren Macho-Panzer abgelegt haben. Neue Sensibilität zuzulassen, macht sie nicht weniger zum Mann, sondern vollständiger. Vestimentär bedeutet es, out of the Box zu denken, mehr zu wagen und sich damit ganz neue Möglichkeiten in Farben, Mustern oder Materialien zu erschließen. Den spielerischen Umgang mit seiner Garderobe, den Frauen schon lange beherrschen, lernt Mann gerade.

All diese Veränderungen bescheren der Menswear Zuwachspotenziale. Der Euromonitor International (BoF) sieht eine kontinuierliche positive Umsatzentwicklung des Sektors voraus.* In diesem Sinne wünsche ich allen Beteiligten den nötigen Mut zur Veränderung für die anstehende Ordersaison.

* BoF – Tracking the Menswear Boom – Umsatz weltweit 2022: 446,9 Milliarden US-Dollar – 2026: 547,9 Milliarden US-Dollar, Euromonitor International