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Äthiopien

Textil ist eine der wichtigen Industriezweige Äthiopiens. Doch die politische Lage im Land ist fragil. Alle Bilder ©Solidaridad

Autor: Markus Oess
BOTTOM UP! ist eine Projektinitiative in Äthiopien, die eine nachhaltige Baumwoll- und Textilwertschöpfungskette von den äthiopischen Baumwollfeldern bis zu den europäischen Verbraucherinnen und Verbrauchern aufbauen soll. Das Projekt wird von verschiedenen Partnern auch mit Geldern der EU unterstützt. Mit an Bord ist die Entwicklungsorganisation Solidaridad. Wir haben mit dem Projektleiter Kalayu Gebru gesprochen. Nach dem Waffenstillstand in der Region Tigray hoffen alle auf dauerhaften Frieden. Ob der kommt, bleibt offen. Dennoch geht das Projekt weiter.

Heute steht Äthiopien vor einem Neubeginn. Und mit ihm das Horn von Afrika und der ganze Kontinent“, sagt der frühere Präsident Nigerias, Olusegun Obasanjo. Tagelang hatte Obasanjo die Verhandlungen zwischen Vertretern der äthiopischen Regierung und der Volksbefreiungsfront von Tigray TPLF geleitet. Mit Erfolg. Die beiden Kriegsparteien einigten sich auf einen Waffenstillstand. Das könne der Auftakt zu einem Friedensprozess sein, so TPLF-Sprecher Getachew Reda. Das war Anfang November letzten Jahres. Im November 2020 eskalierten die Konflikte um die Machtverteilung zwischen Bundes- und Regionalregierungen, in deren Folge die Tigrayer eine Basis der äthiopischen Armee angriffen. Daraufhin schickten der äthiopische Premier Abiy Ahmed und der Nachbarstaat Eritrea Truppen nach Tigray. Ein brutaler Krieg begann, bei dem Schätzungen zufolge Hunderttausende Menschen getötet wurden. Da Eritrea nicht an den Gesprächen teilnahm und bei dem Abkommen auch keine Erwähnung fand, ist nicht ganz klar, wie sich das Land verhalten wird. Die Hoffnung auf Frieden wächst, denn zwei Monate nach dem Waffenstillstand sind nach Augenzeugenberichten eritreische Soldaten aus mehreren Provinzen abgezogen, wie die Nachrichtenagentur Reuters meldet.

Ziel ist …

Mit mehr als 120 Millionen Einwohnern ist Äthiopien nach Nigeria das bevölkerungsreichste Land Afrikas. Die GTAI (Germany Trade & Invest ist die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland für Außenwirtschaft und Standortmarketing) nennt für 2022 ein geschätztes BIP von 111,2 Milliarden US-Dollar. Die Inflation liegt bei etwa 33,6 Prozent. Es ist ein junges Land, die Hälfte der Bevölkerung ist jünger als 24 Jahre. Die Ernennung des Premierministers Abiy Ahmed im April 2018 hatte zu einer Aufbruchstimmung im Land geführt. Äthiopien sollte die Nähstube der Welt werden. Es wurden über das Land verteilt acht Industrieparks errichtet, um Investoren anzulocken und die Produktion anzukurbeln. Landesweit sind in der Textilbranche etwas mehr als 120 Fabriken angesiedelt mit rund 37.000 Beschäftigten, dazu kommen weitere 450.000 informelle Arbeitskräfte. Bis 2022 sollten nach dem Willen der Regierung 350.000 neue Jobs im Sektor und bis 2025 über 30 weitere Industrieparks geschaffen werden.

Mit einigen Ausnahmen wie der Phillips-Van Heusen Corporation (Calvin Klein und TOMMY HILFIGER) oder H&M waren aber vor allem chinesische Investoren gekommen. Der große Zug westlicher Marken, wie 2015 unter anderem vom Beratungsunternehmen McKinsey angekündigt, ist ausgeblieben. Manche Faktoren schrecken ab: eine langsame Bürokratie, die instabile Stromversorgung, der fehlende Seehafen, Devisenknappheit etwa und vor allem die international betrachtet niedrige Produktivität. Die Probleme Äthiopiens sind vielfältig: Krieg, Armut, Hunger, Dürre, Inflation. Eine Krisenregion, die auch in Deutschland als solche bekannt ist, und zwar nicht erst, seit Karlheinz Böhm vor über 40 Jahren mit seiner Aktion ,Menschen für Menschen‘ langfristige Hilfsprojekte initiiert hat“, schrieb die Tagesschau unlängst zum Besuch der Außenministerin Annalena Baerbock und ihrer französischen Amtskollegin Catherine Colonna, bei dem es um Hilfsleistungen, aber genauso um handfeste europäische politische Interessen und den Hunger der Europäischen Union nach Rohstoffen ging.

2018 war der Baumwollsektor die Lebensgrundlage für fast 500.000 Haushalte in Äthiopien“ Kalayu Gebru, Projektleiter der Entwicklungsorganisation Solidaridad

2020/2021 beträgt der Exportumsatz 181,4 Millionen US-Dollar und bis 2022/2023 werden voraussichtlich 250 Millionen US-Dollar erreicht. Die Baumwoll- und Bekleidungsindustrie ist der zweitwichtigste Sektor für die äthiopische Regierung“, sagt Kalayu Gebru, Projektleiter der Hilfsorganisation Solidaridad, die sich in Äthiopien engagiert. Die NGO, die vor über 50 Jahren in den Niederlanden gegründet wurde, ist seit 2018 auch in Deutschland mit Firmensitz in Freiburg aktiv. „Baumwolle ist eine der ältesten Kulturpflanzen Äthiopiens. Baumwolle wird sowohl im bewässerten Tiefland als auch in wärmeren Mittellagen im Regenfeldbau von Kleinbauern angebaut. Rund 70 Prozent der für den Baumwollanbau genutzten Flächen sind im Besitz kommerzieller Farmen. Die restlichen 30 Prozent sind im Besitz von Kleinbauern. 2018 war der Baumwollsektor die Lebensgrundlage für fast 500.000 Haushalte in Äthiopien“, führt Kalayu Gebru weiter aus. Äthiopien stellt hauptsächlich Basisprodukte wie T-Shirts her. Die meisten Bekleidungsexporte Äthiopiens sind für Deutschland bestimmt, während andere europäische Länder kleine Mengen erhalten. Die Vereinigten Staaten erhalten auch einen Teil der Textil-Exporte. Allerdings gibt es keine genauen Zahlen. „Wir gehen davon aus, dass Kaffee das hauptsächlich exportierte Produkt ist. Gefolgt von Ölpflanzen und Mineralien, Textil- und Bekleidungsprodukten“, ergänzt der Projektleiter noch. Laut GTAI pendeln die Ausfuhren um die 3 Milliarden US-Dollar, die Einfuhren um die 15 Milliarden US-Dollar. 2021 wurden vorwiegend Nahrungsmittel (66,8 Prozent), Rohstoffe (23,4 Prozent ohne Brennstoffe), Textilien/Bekleidung (5,8 Prozent) sowie Leder und Lederwaren (0,8 Prozent) exportiert.

… die Produktion auf globalen Standart zu bringen.

Derzeit haben wir Projekte wie BOTTOM UP!, Better Mill Initiative (BMI) und Reclaim Sustainability, die die Textilproduktion in Äthiopien unterstützen“, erläutert Kulayu Gebru. BOTTOM UP! ist eine Projektinitiative, die eine nachhaltige, inklusive und transparente Baumwoll- und Textilwertschöpfungskette von den äthiopischen Baumwollfeldern bis zu den europäischen Verbraucherinnen und Verbrauchern aufbauen soll. Als Teil des European-Aid-Programms und mit finanzieller Unterstützung der EU haben sich dazu Solidaridad, die Danish Ethical Trading Initiative (DIEH), CSR Netherlands/MVO Nederland und die äthiopische Regierung zusammengeschlossen. Teil der Initiative war anfangs auch Cotton made in Africa. Auf diesem Wege sollen das Wirtschaftswachstum angeschoben, die Arbeitsbedingungen verbessert sowie Umwelt- und Arbeitsstandards und verantwortungsvolle Einkaufspraktiken in der Baumwoll- und Textilindustrie in Äthiopien und Europa gefördert werden, heißt es dazu.

So gibt es, um nachhaltige Praktiken und Standards zu etablieren, Schulungen für Baumwollerzeuger und technische Unterstützung. Die direkte Verbindung zwischen europäischen Marken und äthiopischen Fabriken soll überdies die Verwendung nachhaltiger Baumwolle fördern und den Fabriken technische Unterstützung bei der Einführung nachhaltiger Praktiken bieten. Zusätzlich werden potenzielle internationale Einkäuferinnen und Einkäufer über die Möglichkeiten und Hindernisse bei der Beschaffung von Kleidung aus Äthiopien informiert und Vermittlungsgespräche organisiert. Auch eine Verbraucherkampagne in Europa ist Teil der BOTTOM UP!-Initiative. Insgesamt fördert BOTTOM UP! 14 Baumwoll- und Bekleidungsproduzenten in Äthiopien. Darüber können 19.200 Beschäftigte und 2.000 Bauern sowie Bäuerinnen entlang der Wertschöpfungskette erreicht werden.

Das Projekt BOTTOM UP! befindet sich im vierten und letzten Jahr der Umsetzung. Das Projekt war früher als Drei-Jahres-Initiative konzipiert, aber aufgrund mehrerer Ereignisse höherer Gewalt (zum Beispiel COVID-Pandemie) wurde ein zusätzliches Jahr als notwendig erachtet, um die in der letzten Periode aufgetretenen Verzögerungen auszugleichen. Derzeit ist das BU-Projekt auf gutem Weg und das Team strebt eine erfolgreiche Erreichung der gesetzten Ziele bis zum Ende seines Zeitplans an“, betont Kulayu Gebru. Ein erster Erfolg: DECATHLON bezieht seine Produkte von Desta Garment plc und diese Bekleidungsfabrik ist einer der Nutznießer des BOTTOM UP!-Projekts.

Äthiopien sei ein besonders junger Standort für die Textilbeschaffung und gleichzeitig sehr interessant, weil die Regierung eine grüne Industriepolitik verfolge, die auf erneuerbare Energien und Öko-Industrieparks setze, wirbt Projektleiter Kulayu Gebru: „Der Fall Äthiopien zeigt die Chancen, die eine grüne Industrialisierung für einkommensschwache Länder bietet, die sich noch in den Anfängen der Industrialisierung befinden. Der Fall zeigt aber auch, vor welchen Herausforderungen solche Länder stehen. Die äthiopische Regierung versucht nicht, die bestehende Industrieproduktion ,grüner‘ zu machen, sondern von Anfang an eine grüne Industrieproduktion zu schaffen. Das Ziel von Solidaridad ist es, die Regierung beim Aufbau dieser nachhaltigen Textilproduktion zu unterstützen.“

Projektarbeit unter schwierigen Bedingungen

Mithilfe von Solidaridad wurden laut Entwicklungsorganisation Branchentreffen und Matchmaking zwischen Textilfabriken, Baumwollfarmen und Bauern durchgeführt, was dazu führte, dass 50 Prozent der Textilfabriken nach internationalen Sozialstandards (BSCI/WRAP) zertifiziert wurden. Die Dansha Cotton Producers Union (die Kleinbauern) erreichte ein Produktionsniveau von 89 Prozent nach den Kriterien von Cotton made in Africa (CmiA), die kommerziellen Farmen kamen auf eine Quote von 90 Prozent. Innerhalb der ersten drei Jahre des Projekts wurden 7.645 Hektar landwirtschaftliche Ökosysteme mit nachhaltigen Bewirtschaftungsmethoden eingeführt. Allerdings haben die Fabriken Probleme, Rohstoffe zu beschaffen. Der Mangel an Devisen und Schwierigkeiten beim Zugang zu finanziellen Ressourcen (Institutionen) machen ihnen ebenso wie die Vorlaufzeiten für den Import zu schaffen. Und ist die fragile politische Lage im Land: „Einer der größten Rückschläge des Projekts war die politische Instabilität, die in der vergangenen Zeit zu einem bewaffneten Konflikt in den Regionen Tigray und Amhara führte. Die Konsortialpartner von BOTTOM UP! waren und sind zutiefst besorgt über den Konflikt in Äthiopien und seine Auswirkungen auf seine Bürger“, sagt Kulayu Gebru. Mehrere Betriebsstandorte des Programms in Tigray mussten in die Gebiete mit geringerem Risiko nach Oromia verlegt werden, Partner stiegen aus. Die Kommunikation nach Amhara konnte indes dank moderner Kommunikationstechnologie aufrechterhalten werden. In den übrigen Regionen läuft sie ungestört. Ans Aufgeben denkt Kulayu Gebru aber nicht: „In diesem Projektjahr planen wir, den Projektbegünstigten den Zugang zu internationalen Märkten zu ermöglichen und weiteres Vertrauen bei Verbrauchern, Mitarbeitern und Partnern aufzubauen.“

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