Die deutsche Wirtschaft zeigt 2026 erste Anzeichen einer leichten Erholung, die maßgeblich von der Binnennachfrage getragen wird. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) prognostiziert für 2026 ein Wachstum von 1,0 Prozent – trotz der bereits eingepreisten Belastungen durch den Iran-Krieg und die damit verbundene Ölpreisexplosion. „Öl- und Gaspreise werden in den kommenden Monaten wegen des Iran-Kriegs wohl auf einem höheren Niveau liegen, danach aber graduell wieder sinken“, schreibt das DIW im März 2026. Die Institute gehen davon aus, dass die Energiepreise bis Ende des ersten Halbjahres 2026 erhöht bleiben, sich danach jedoch wieder normalisieren werden. Die Inflation dürfte dadurch um etwa 0,4 Prozentpunkte höher ausfallen, das Wirtschaftswachstum um 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte gedämpft werden. Der Aufschwung werde weiterhin von der Binnenwirtschaft getragen, während die exportorientierte Industrie mit strukturellen Schwächen kämpft. Die Wirtschaftsweisen und die Bundesregierung bestätigen dieses Szenario: Die Binnennachfrage bleibt trotz der externen Schocks der zentrale Wachstumstreiber, gestützt durch fiskalische Impulse, steigende Reallöhne und staatliche Investitionen. „Die Erholung wird maßgeblich von der binnenwirtschaftlichen Dynamik getragen“, heißt es im Jahreswirtschaftsbericht 2026.
Und die Modebranche? Tut sich vorsichtig ausgedrückt schwer: Der Umsatz im deutschen Bekleidungshandel stieg 2025 nur leicht von 56,54 auf 57,14 Milliarden Euro – ein nominales Plus von rund 1 Prozent. Online Pure Player legten zu, während der stationäre Fachhandel stagnierte und andere stationäre Vertriebsschienen Rückgänge verzeichneten. „Die Entwicklung ist wirklich dramatisch und wir müssen aufpassen, dass noch bestehende stationäre Handels- und Versorgungsstrukturen unserer Branchen nicht vollends wegbrechen“, warnt BTE-Präsident Mark Rauschen. Besonders betroffen ist der Schuhhandel: Das Marktvolumen sank um 1,5 Prozent auf 11,48 Milliarden Euro, 67 Prozent der Händler arbeiten operativ defizitär.
Der Branchenverband GermanFashion meldet für 2025 einen Umsatzrückgang von 1,4 Prozent, wobei der Inlandsumsatz um 2,1 Prozent und das Auslandsgeschäft um 0,5 Prozent zurückgingen. „Über nahezu alle Produktgruppen hinweg verzeichnen wir rückläufige Ausfuhrzahlen“, sagt Thomas Lange, Hauptgeschäftsführer von GermanFashion. Die Beschäftigtenzahl ging um 1,3 Prozent zurück, auch infolge von Insolvenzen. Die Branche fordert von der Politik schnelle Maßnahmen zur Ankurbelung des privaten Konsums, steuerliche Entlastungen und Bürokratieabbau.
Nun hat die Bundesregierung ein Energie-Sofortprogramm beschlossen, um Bürger und Unternehmen angesichts der durch den Iran-Krieg gestiegenen Sprit- und Energiepreise zu entlasten. Die zentralen Maßnahmen umfassen: die Senkung der Energiesteuer auf Diesel und Benzin um 17 Cent pro Liter – befristet für zwei Monate. Diese Maßnahme soll Verbraucher und Wirtschaft um insgesamt 1,6 Milliarden Euro entlasten. Eine Steuer- und abgabenfreie Entlastungsprämie von 1.000 Euro, die Arbeitgeber 2026 an ihre Beschäftigten zahlen können. Die Erhöhung der Tabaksteuer 2026 zur Gegenfinanzierung der steuerlichen Mindereinnahmen. Die Verschärfung des Kartellrechts, um die Weitergabe der Steuerentlastung an die Verbraucher zu sichern und Preismanipulationen zu verhindern.
Zusätzlich wird eine große Reform der Einkommensteuer für 2027 vorbereitet, um kleine und mittlere Einkommen dauerhaft zu entlasten. Kritik gibt es von Opposition und Ökonomen, die die Maßnahmen als zu spät und teilweise ineffizient bewerten, da ein Großteil der Entlastung nicht bei den Verbrauchern ankomme, sondern bei den Mineralölkonzernen lande und nicht sicher sei, ob die Entlastungen komplett durchgereicht würden.
Wir haben uns in der Branche umgehört und Stellungnahmen von den Verbänden BTE, textil+mode sowie den Verbundgruppen KATAG und Ek Retail eingeholt. Den Fragebogen haben wir verschickt, bevor im Zuge des Iran-Krieges das Maßnahmenpaket der Bundesregierung zur Entlastung der Bürger angekündigt wurde und ist folglich in den Antworten nicht berücksichtigt.
Das sagt Sönke Padberg, Geschäftsführer des BTE:

FASHION TODAY: Wie bewerten Sie generell die aktuelle Nachfragesituation in Deutschland gerade auch im Vergleich zu anderen EU-Staaten?
Sönke Padberg: „Allem voran konstatieren wir im Textil-, Schuh- und Lederwarenhandel erhebliche Einbrüche beim Konsum in Deutschland. Seit langer Zeit hangelt sich der Handel daher von Jahr zu Jahr: Auf eine Krise folgt eine weitere Verschlechterung, dann erneut eine Krise. Die Branche ist seit der Corona-Pandemie stark gebeutelt. Die Umsätze verbleiben unter den vor Corona erzielten Werten.
Zur Nachfragesituation in anderen EU-Staaten liegen uns keine Daten vor. Aber wir sehen, dass einige Nachbarstaaten resilienter gegenüber externen Krisen zu sein scheinen. Ein Beispiel sind die volatilen und hohen Benzin- und Dieselpreise in Deutschland, die wir im europäischen Ausland so nicht haben. Dort werden externe Schocks politisch besser abgefedert, durch andere Regularien, Sanktionsoptionen, Höchstpreisbestimmungen oder weniger Abgaben. Allein die äußerst zögerliche Reaktion auf die hohen Spritpreise in Deutschland ist ein Sinnbild für eine wenig entschlossene Politik, vor allem, wenn es um die Unterstützung zentraler Handelssparten in den Bereichen Bekleidung und Textilien geht.“
Was sind die Gründe für die aktuelle Situation?
„Verbraucher sind derzeit so preissensibel wie noch nie. Tagtägliche belastende Negativmeldungen und extreme geopolitische Spannungen verunsichern massiv, gleichzeitig schlagen hohe Kosten direkt im Alltag durch. Entsprechend wird strikt kalkuliert: Bekleidung wird immer mehr als reines Bedarfsprodukt angesehen. Sie wird immer häufiger nur dann gekauft, wenn sie tatsächlich benötigt wird. Die Anschaffung neuer Bekleidung, Schuhe und Lederwaren wird zunehmend aufgeschoben, es wird auf Abverkäufe und Rabatte gewartet und jede einzelne Ausgabe wird kritisch hinterfragt. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil es schlichtweg notwendig ist. Günstigere Alternativen werden bei asiatischen Billigstplattformen mit schadstoffbelasteten Produkten gesucht, die jedoch den heimischen Handel, den fairen Wettbewerb und die EU-Standards konterkarieren.
Es scheint, als ob die Bundesregierung in Anbetracht der Fülle an Krisen resigniert. Die Politik bleibt völlig untätig. Die neue Bundesregierung liefert keine Entlastung für Wirtschaft und Konsumenten – obwohl genau das nach dem Aus der Ampel-Regierung erwartet wurde. Maßnahmen zur Stärkung der Binnenkonjunktur fehlen vollständig. Seit Jahren erlebt der Einzelhandel für Textilien, Schuhe und Lederwaren Umsatzrückgänge, Insolvenzen und Geschäftsschließungen. Diese Entwicklung ist in vielen Innenstädten mittlerweile deutlich sichtbar. Wahlversprechen hinsichtlich der Belebung der Konjunktur und zum Zwecke der Konsumbelebung wurden seitens der neuen Bundesregierung bisher nicht eingehalten.
Dabei müssen Innenstädte belebte und gelebte Orte des Wohlfühlens sein. Dafür braucht es deutlich mehr Engagement von Kommunen, Ländern und dem Bund. Stattdessen herrscht Stillstand. Es ist mitunter abstrus, dass viele Händler noch immer mit der Rückzahlung von Corona-Hilfen konfrontiert werden, während die nächsten Krisen bereits vor der Tür stehen.“
Reichen die von der Bundesregierung in Aussicht gestellten beziehungsweise schon beschlossenen Maßnahmen aus, die Ausgabebereitschaft der Menschen in Deutschland zu steigern und ihnen mehr Geld auf dem Konto zu lassen?
„Definitiv nicht. Treffender als von einer Konsumflaute sollte mittlerweile von einer anhaltenden Konsumstagnation gesprochen werden. In Aussicht gestellte politische Ambitionen zur Ankurbelung der Binnenkonjunktur sind ebenfalls nicht mehr anzutreffen.
Das im Koalitionsvertrag vereinbarte Ziel dauerhaft niedriger, planbarer und international wettbewerbsfähiger Energiekosten wurde bislang nicht durch entsprechende Maßnahmen unterlegt. Die Stromsteuer wurde ausschließlich für energieintensive Unternehmen, insbesondere das produzierende Gewerbe, auf den EU-Mindeststeuersatz gesenkt. Alle anderen – Handel sowie Verbraucher – gingen leer aus. Es braucht jetzt genuine Entlastungen für alle.“
Was müsste Ihrer Meinung vonseiten der Bundesregierung noch getan werden, hier für eine Konsumbelebung zu sorgen?
„Wir haben bereits zu Beginn des Jahres auf unserer Pressekonferenz klar benannt, was sofort nötig ist. Die Frage ist: Wie lange will die Politik denn noch warten, während der Handel als einer der größten Träger der deutschen Wirtschaft unter den aktuellen Bedingungen ächzt?
Für eine spürbare Belebung des Konsums braucht es mehr Netto vom Brutto, handelstaugliche Rahmenbedingungen und eine stärkere Konjunktur. Dazu zählen niedrigere Steuern und Abgaben – insbesondere bei Strom und Sozialversicherung –, begrenzte CO₂-Kosten, die Steuerfreistellung von Überstundenzuschlägen sowie konsequenter Bürokratieabbau. Im gleichen Maße braucht es Augenmaß beim Mindestlohn, attraktive Innenstädte und finanziell handlungsfähige Kommunen.
Berlin muss aufwachen und den Ernst der Lage erkennen. Die Debatte um eine Mehrwertsteuererhöhung ist nicht nur ein fatales Signal für die Branche, sondern vor allem brandgefährlich. Sie schürt massive Verunsicherung bei Händlern und Konsumenten und verstärkt die Angst vor nicht mehr tragbaren Belastungen. Ein von der Politik in Erwägung gezogener Mehrwertsteueraufschlag forciert nicht den Weg, den der Handel jetzt dringend benötigt. Wer dem Handel eine Zukunft geben will, erreicht das nicht mit ineffizienten Vorschlägen. Wenn nicht jetzt konstruktive Vorschläge kommen, wann dann? Der BTE und der HDE treten geschlossen gegenüber der Politik auf. Sie darf ihre Probleme nicht länger auf dem Rücken der Händler austragen.“
Das sagt Dr. Uwe Mazura, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbandes der deutschen Textil- und Modeindustrie (textil+mode):

Zeit für mutige Entscheidungen – die Regierung muss Kraft für ein umfassendes Reformpaket finden. Denn den rund 1.400 zumeist mittelständischen Unternehmen der Branche läuft die Zeit davon. Eine Vielzahl von Betrieben steht wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand: Hohe Energiepreise, steigende Sozialabgaben sowie ein stetig wachsender Berg an Regulierung und Bürokratie setzen einer Industrie zu, die sich über Jahrzehnte global einen hervorragenden Ruf für hochqualitative technische Textilien und starke Modemarken erarbeitet hat.
Wachstum braucht Entlastung – Steuern reduzieren, Investitionen ermöglichen, Fehler in der Klima- und Energiepolitik eingestehen und korrigieren. Hauptgeschäftsführer Uwe Mazura unterstreicht deshalb die Dringlichkeit eines echten wirtschaftspolitischen Kurswechsels: „Wir brauchen ein Reformpaket, das sich an klaren wirtschaftlichen Prinzipien orientiert: Steuern reduzieren, Abgaben senken, Investitionen ermöglichen. Nur eine echte Entlastung der Unternehmen wird Wachstumskraft freisetzen.“
Sozialabgaben strangulieren die Wirtschaft. Die explodierenden Lohnzusatzkosten sind zur existenziellen Bedrohung für die deutsche Wirtschaft geworden. Sie wirken nicht mehr nur als Wachstumsbremse, sondern als Brandbeschleuniger für die Deindustrialisierung am Standort Deutschland. Der Verband fordert daher das Ende der kosmetischen Korrekturen und radikale Reformen der Sozialversicherungen. Ein aufgeblähter Sozialstaat, der Ineffizienz verwaltet und falsche Anreize zementiert, gefährdet die wirtschaftliche Entwicklung. „Die Politik muss die Arbeitskosten senken, statt den Industriestandort durch immer höhere Abgabenlast systematisch abzuwickeln. Nur massive Entlastungen ermöglichen wieder echtes Wachstum“, sagt Mazura.
Besonders kritisch sieht der Verband die politische Diskussion über eine mögliche Mehrwertsteuererhöhung. Diese käme zur denkbar falschen Zeit: Die Konsumlaune ist bereits historisch schlecht, der Handel kämpft mit massiven Umsatzeinbußen.
Eine höhere Mehrwertsteuer würde weiter Kaufkraft entziehen und die ohnehin schwache Nachfrage zusätzlich dämpfen.
Bürokratieabbau statt Belastungswelle – Standort Deutschland stärken. Die Unternehmen der Textil- und Modeindustrie investieren trotz der schwierigen Lage in Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft, Digitalisierung und technologische Innovation. Doch die Politik erschwert diese Transformation zunehmend durch immer neue Pflichten, Dokumentationsanforderungen und nationale Verschärfungen, die häufig sogar über europäische Vorgaben hinausgehen. Hauptgeschäftsführer Mazura: „Die mittelständischen Industrieunternehmen verlieren wertvolle Zeit, Arbeitskraft und Wettbewerbsfähigkeit. Ein moderner Industriestaat muss Grundlagen für wirtschaftliches Gelingen schaffen, nicht immer neue Hürden aufbauen. Das gilt für die Textilindustrie in ganz besonderer Weise, die mit immer neuen Regulierungen gefesselt wird.“
Der Gesamtverband textil+mode fordert die Bundesregierung auf, jetzt die Kraft und den politischen Mut für ein umfassendes Reformpaket zu finden – eines, das nicht nur angekündigt, sondern auch umgesetzt wird und das Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und industrielle Wertschöpfung langfristig sichert. Uwe Mazura: „Wir stehen an einem Wendepunkt. Und es liegt leider nicht mehr in unserer Hand, ob es auch in Zukunft eine hochinnovative, starke Textil- und Modeindustrie in Deutschland gibt.“
Das sagt KATAG-Chef Dr. Daniel Terberger:

FASHION TODAY: Wie bewerten Sie generell die aktuelle Nachfragesituation in Deutschland, gerade auch im Vergleich zu anderen EU-Staaten?
Dr. Daniel Terberger: „Die schwache Binnennachfrage ist derzeit eines der zentralen Probleme – und sollte uns im wirtschaftspolitischen Handeln besonders zu denken geben. Bei mir entsteht immer stärker der Eindruck, dass das Vertrauen der Deutschen in die wirtschaftliche Zukunft schwindet. Besonders kritisch sehe ich die Tatsache, dass die Stimmung im Handel noch deutlich schlechter ist als bei den Konsumenten. Wenn Unternehmer selbst nicht mehr an die Zukunft glauben und deshalb Investitionen zurückstellen, droht eine gefährliche Abwärtsspirale. Vor diesem Hintergrund wirkt die politische Diskussion über eine mögliche Mehrwertsteuererhöhung wie ein zusätzlicher Belastungsfaktor. Nach den zahlreichen Krisen der vergangenen Jahre könnte ein solcher Schritt die ohnehin fragile Konsumstimmung weiter dämpfen – mit entsprechenden Folgen für Wachstum und Investitionen.“
Was sind die Gründe für die aktuelle Situation Ihrer Meinung nach – abseits der globalen Krisen und Kriege, die ein so exportstarkes Land wie Deutschland besonders hart treffen?
„Ich habe den Eindruck, dass die Menschen in Deutschland insgesamt vorsichtiger und skeptischer sind. Das zeigt sich auch daran, dass die Sparquote hierzulande vergleichsweise hoch ist – ein Zeichen dafür, dass viele lieber zurücklegen, statt zu konsumieren.
Ein weiteres Problem liegt in den politischen Strukturen – Maßnahmen zur Stützung der Konjunktur lassen sich oft schwer und langsam umsetzen. Unser föderales System, welches historisch bewusst als Machtbalance geschaffen wurde, erschwert in solchen Situationen schnelle und einheitliche Entscheidungen. Die Siegermächte schufen damals bewusst ein System, das als Gegengewicht zur Bundesregierung fungieren sollte, um eine erneute Machtkonzentration, wie in der Zeit des Nationalsozialismus, zu verhindern.
Hinzu kommt die starke Exportorientierung der deutschen Wirtschaft. Sie war lange ein Erfolgsmodell, macht uns aber auch besonders anfällig. Die globale Nachfrage wird derzeit nicht nur durch die Entwicklung in den USA gebremst, sondern insgesamt durch geopolitische Konflikte und die Umbrüche der neuen Weltordnung deutlich gedämpft. Deutschland hat lange stark von der Globalisierung profitiert – umso härter treffen uns jetzt die negativen Effekte.
Darüber hinaus versuchen viele Interessengruppen aus der Wirtschaft, einzelnen Branchen, politischen Lagern oder auch aus dem Ausland Einfluss zu nehmen und Entwicklungen in ihrem Sinne zu steuern, nicht immer mit Blick auf das Gemeinwohl.
In dieser Gemengelage erzielt die AfD Wahlergebnisse zwischen 20 und 25 Prozent. Mitunter hat man das Gefühl, es bleibe nur noch ein letzter Versuch, um die Situation zum Guten zu wenden. Trotzdem bleibe ich Optimist und bin davon überzeugt, dass wir uns selbst wieder aus der Bredouille befreien.“
Wie bewerten Sie die von der Bundesregierung in Aussicht gestellten beziehungsweise schon beschlossenen Maßnahmen, um die Ausgabebereitschaft der Menschen in Deutschland zu steigern und ihnen vor allem mehr Geld auf dem Konto zu belassen?
„Vielleicht wäre es klüger, die Menschen nicht zusätzlich zu verunsichern und staatliche Eingriffe auf das Notwendige zu beschränken. Dieses ständige Hin und Her, das Klein-Klein – oder anders gesagt: ein übermäßiger Interventionismus – wirkt eher wie ein Störfaktor als eine echte Hilfe. Wenn der Staat eingreift und der Wirtschaft neuen Schwung geben will, dann braucht es einen großen, durchdachten Wurf – ein umfassendes Gesamtpaket. Das bedeutet aber auch, dass die Lasten breit getragen werden müssen und alle bereit sind, ihren Beitrag zu leisten.
Auf viele Entwicklungen im Ausland haben wir kaum Einfluss. Umso wichtiger ist es, sich stärker auf die eigene Binnenwirtschaft zu konzentrieren. Deutschland und Europa, beziehungsweise die EU, verfügen über ausreichend Größe und wirtschaftliche Stärke, um im globalen Wettbewerb mithalten zu können – gestützt auf einen Binnenmarkt, der uns selbst tragen kann.
Müsste Ihrer Meinung nach vonseiten der Bundesregierung noch mehr getan werden, um für eine Konsumbelebung zu sorgen?
„Natürlich wäre es wichtig, die Kaufkraft zu stärken und die Haushalte spürbar zu entlasten. Denkbar wären etwa steuerliche Erleichterungen, niedrigere Sozialabgaben oder auch gezielte Transferleistungen – beispielsweise im Zusammenhang mit steigenden Energiepreisen. Gleichzeitig sind Investitionen in Verteidigung und Infrastruktur notwendig. Entscheidend ist jedoch, dass die bereitgestellten Mittel auch tatsächlich zügig dort ankommen, wo sie gebraucht werden.
Realistisch betrachtet wäre jedoch schon viel gewonnen, wenn zusätzliche Belastungen – etwa durch eine mögliche Mehrwertsteuererhöhung – ausblieben und das politische Klein-Klein ein Ende hätte. Was es jetzt vor allem braucht, ist ein klarer Impuls: Die Bundesregierung muss endlich die Blockaden lösen und den Weg für echte wirtschaftliche Dynamik frei machen.“
Das sagt Frank Duijst, derzeit Chief Financial Officer (CFO) der EK Retail und ab dem 1. Mai 2026 Chief Executive Officer (CEO) des Unternehmens:

FASHION TODAY: Wie bewerten Sie generell die aktuelle Nachfragesituation in Deutschland, gerade auch im Vergleich zu anderen EU-Staaten?
Frank Duijst: „Die Nachfragesituation im deutschen Handel ist immer noch verhalten und deutlich schwächer als in vielen anderen EU-Staaten. Während der Euroraum insgesamt wieder etwas kräftiger wächst, kommt Deutschland nur langsam auf einen Erholungskurs und bleibt beim Wachstum unter dem EU-Durchschnitt. Wir sehen dies beispielsweise im Vergleich der Zahlen unserer deutschen, niederländischen und französischen Handelspartner.
Der private Konsum hat zwar leicht zugelegt, aber von einem kräftigen, selbsttragenden Aufschwung kann noch keine Rede sein. Viele angeschlossene Handelspartner von uns in Deutschland berichten weiterhin von eher zurückhaltenden Kunden, was Einkäufe und Bestellungen betrifft, und einer insgesamt nur mäßigen Investitions- und Kaufbereitschaft.“
Was sind die Gründe für die aktuelle Situation?
„Wir sehen derzeit eine Mischung aus negativen Impulsen und langfristigen strukturellen Problemen. Die Energiepreiskrise belastet unsere Partner stark, die Inflation der vergangenen Jahre hat die Kaufkraft geschwächt und viele Haushalte verunsichert sowie vorsichtiger gemacht. Dass die Verbraucherpreise im Euroraum im März im Vorjahresvergleich um 2,5 Prozent gestiegen sind, getrieben durch den Ölpreisschub, und wir damit die höchste Inflationsrate seit Januar 2025 sehen, verschärft die Situation zusätzlich. Die Unsicherheit aller bleibt entsprechend hoch.
Gleichzeitig bremsen die gestiegenen Zinsen insbesondere den Bau, den Immobilienmarkt und kreditfinanzierte Anschaffungen. Auch dringend notwendige Investitionen im Handel werden dadurch auf die lange Bank geschoben.
Hinzu kommen strukturelle Standortnachteile: hohe Energie- und Arbeitskosten, umfangreiche Bürokratie sowie lange Planungs- und Genehmigungsverfahren. Und weil Deutschland stark von Industrie und Export abhängt, wirken sich eine schwächere Auslandsnachfrage und globale Unsicherheiten hier besonders deutlich aus.“
Reichen die von der Bundesregierung in Aussicht gestellten beziehungsweise schon beschlossenen Maßnahmen aus, die Ausgabebereitschaft der Menschen in Deutschland zu steigern und ihnen mehr Geld auf dem Konto zu lassen?
„Die bisherigen Maßnahmen helfen, die Lage zu stabilisieren, aber sie reichen nicht aus, um die Ausgabebereitschaft nachhaltig und spürbar nach oben zu bringen. Entlastungen bei Energie, einzelne Steuer- und Abgabenmaßnahmen sowie höhere staatliche Investitionen verhindern einen stärkeren Einbruch und stützen die Realeinkommen. Sie wirken jedoch eher als Puffer gegen Krisenfolgen, nicht als Motor für einen kräftigen Konsum und Investitionsboom. Solange Verbraucher und auch Unternehmer das Gefühl haben, dass zukünftige Belastungen unsicher sind, wie etwa bei Steuern, Sozialabgaben oder Energie, wird ein großer Teil der Entlastung weiterhin auf dem Konto geparkt statt ausgegeben.“
Was müsste Ihrer Meinung nach vonseiten der Bundesregierung noch getan werden, um für eine Konsumbelebung zu sorgen?
„Aus meiner Sicht braucht es zusätzlich drei zentrale Voraussetzungen, um den Konsum im Einzelhandel zu beleben und damit auch die Attraktivität deutscher Innenstädte zu stärken: erstens mehr Planungssicherheit. Klare, verlässliche Leitplanken bei Steuern, Sozialabgaben und Energie- beziehungsweise Klimapolitik würden das Vertrauen stärken und größere Anschaffungen erleichtern. Zweitens eine gezielte Stärkung der Nettoeinkommen im unteren und mittleren Bereich, zum Beispiel durch eine Entlastung im Einkommensteuertarif und den konsequenten Abbau der ,kalten Progression‘ – dort ist die Konsumquote am höchsten. Drittens bessere Rahmenbedingungen für Investitionen: schnellere Genehmigungen, weniger Bürokratie und verlässliche Energiepreise. Das sorgt für mehr Beschäftigung und Einkommen und wirkt mittelbar konsumbelebend.“


