Flexibilität, Resilienz und ein umfassendes Umdenken

HDS/L

„Bürokratie frisst Kapazitäten und kostet Geld. Geld, das dringend für die Anpassungen an die neuen Gegebenheiten in der Branche benötigt wird.“ Torben Schütz, Hauptgeschäftsführer des HDS/L. Foto: © HDS/L
Autorin: Eva Westhoff

Der Bundesverband der Schuh- und Lederwarenindustrie hat seit Februar einen neuen Hauptgeschäftsführer: Torben Schütz ist Nachfolger von Manfred Junkert, der das Amt bald zwei Jahrzehnte lang bekleidete. Mit FASHION TODAY spricht Schütz über das Konsumklima, Chancen in Krisenzeiten und persönliche Ziele. Welche Unternehmenshemmnisse sieht der HDS/L, für welche Strukturreformen und Vor-Ort-Maßnahmen macht er sich stark?

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FASHION TODAY: Die aktuelle HDS/L-Konjunkturumfrage hat ergeben, dass drei von vier Unternehmen die Binnennachfrage als größtes Geschäftsrisiko betrachten. Der HDS/L fordert in diesem Zusammenhang „Strukturreformen zur Belebung der Nachfrage“. Wie könnten diese konkret aussehen, um den Haushalten zu mehr Realeinkommen zu verhelfen?
Torben Schütz: „Wir möchten Sie in diesem Zusammenhang auf eine klassische Forderung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) hinsichtlich einer Sozialversicherungsbremse hinweisen. Darin heißt es unter anderem: ‚Wir brauchen eine Sozialversicherungsbremse und einen klaren Fahrplan, wie die Beitragssätze zukünftig wieder auf unter 40 Prozent begrenzt werden können. In kaum einem anderen Land bleibt den Beschäftigten so wenig von ihrem erwirtschafteten Einkommen wie in Deutschland. Vor allem die hohen Sozialbeiträge sind dafür verantwortlich, dass netto so wenig für die Beschäftigten bleibt.‘  

Aus aktuellem Anlass möchte ich außerdem das Thema Mehrwertsteuer erwähnen und fordere ganz konkret: bloß keine Erhöhung der Mehrwertsteuer! Vielmehr könnte sich die Politik Gedanken über eine Mehrwertsteuersenkung machen. Aus meiner Sicht kann eine Stärkung des Konsums zur Krisenbewältigung beitragen. In dem Zusammenhang möchte ich auch auf die sehr hohe Sparquote in Deutschland hinweisen. Diese lag im Jahr 2024 bei 20,0 Prozent – ein im internationalen Vergleich hoher Wert. Die durchschnittliche Bruttosparquote der privaten Haushalte in der Europäischen Union lag 2024 lediglich bei 14,6 Prozent.“

Der Konsum hängt auch mit Psychologie zusammen, positiv gesprochen mit Zuversicht. Haben wir in Deutschland eine Vertrauenskrise und was können wir dagegen tun?
„Man könnte lapidar antworten: den Kopf nicht hängen lassen. Aber konkret: Was wir brauchen, ist Stabilität. Denn Stabilität schafft Vertrauen. Wenngleich man sagen muss, dass Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern, wo gar Kriege herrschen oder dauerhaft politische Krisen mit zahlreichen Regierungswechseln stattfinden, ein verhältnismäßig stabiles Land ist.“

Wie kann der Handel konkret entlastet oder besser noch gestärkt werden?
„Hier möchte ich auf die Forderungen des BTE hinweisen: https://www.bte.de/2026/02/10/modehandel-fordert-konsumschub-und-abbau-von-unternehmenshemmnissen-durch-politik/ 

BTE-Chef Rauschen fordert einen Konsumschub, der mit deutlichen Steuerentlastungen und weiteren Senkungen der Energiekosten für alle Menschen einhergeht. Die Leute brauchen effektiv mehr Geld in ihren Portemonnaies, um es auch bei uns ohne große Sorgen und Überlegungen mit Freude ausgeben zu können. Wir leben in der Masse von der Mittelschicht und die muss vor allem entlastet beziehungsweise gestärkt werden.

Darüber hinaus sind sowohl übergreifende wie Vor-Ort-Maßnahmen notwendig. Eine Möglichkeit ist die Liberalisierung der Öffnungszeiten, unter anderem die Sonntags-Öffnung. Vor Ort können diverse Maßnahmen zur Innenstadtattraktivität, dazu gehören auch (bezahlbare) Parkplätze, beitragen.“

Sie mahnen konkret Bürokratieabbau an und wenden sich mit dieser Forderung an die europäische wie die deutsche Politik. Welche Maßnahmen sind notwendig und was könnten sie bringen?
„Statt punktueller Anpassungen ist ein umfassendes Umdenken bei beispielsweise den Maßnahmen des ‚Green Deal‘ notwendig. Statt einzelne Wörter und Absätze geringfügig zu verändern, ist eher ein Streichen und Aussetzen von Richtlinien und Verordnungen geboten.

Bürokratie frisst Kapazitäten und kostet Geld. Geld, das dringend für die Anpassungen an die neuen Gegebenheiten in der Branche benötigt wird.“

Bleiben wir beim Green Deal. Wie könnten praktikable Regeln aussehen?
„Gerade die Diskussionen rund um die EU-Verordnung für entwaldungsfreie Produkte (EUDR) zeigen, dass ein Umdenken dringend notwendig ist. Mit der neuen Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR) der EU wird die erweiterte Herstellerverantwortung verschärft und gleichzeitig werden die Rollen der Marktakteure klar definiert. Entscheidend ist: Wer gilt als Lieferant, Erzeuger, Hersteller und Händler und welche Pflichten sind damit verbunden? Die Herausforderung: Viele Unternehmen agieren gleichzeitig in mehreren Rollen. Und jede dieser Rollen bringt eigene Anforderungen mit sich.

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Generell frage ich mich in Bezug auf die nationale Umsetzung der EU-Abfallrahmenrichtlinie: Ist das jetzt das richtige Instrument mit Blick auf Fast Fashion?“

Für die deutsche Schuh- und Lederwarenindustrie bringt die neue US-Zollpolitik zusätzliche Kosten, Bürokratie und erhebliche Unsicherheit. Ungeachtet dessen bleiben die USA ein wichtiger Handelspartner, der Export der deutschen Schuhindustrie stieg hier 2025 um 21,3 Prozent. Welche Erklärung haben Sie dafür und wie kann die Branche auf Herausforderungen durch die US-Politik reagieren?
„Die USA sind der drittgrößte Konsummarkt von Schuhen weltweit mit 2,1 Milliarden Paar Schuhen in 2024. Für den Anstieg deutscher Schuhexporte in die USA gibt es gleich mehrere Gründe: zum einen Verschiebungen in der Wertschöpfungskette und zum anderen gewisse Vorzieheffekte (möglicherweise nach dem Motto: bevor es noch schlimmer wird).

Wie reagieren wir darauf? Denkbar sind Veränderungen in den Produktionsstätten (wegen US-Zöllen bei Import). Mit Blick auf die globalen Auswirkungen sind steigende Energie- und Rohstoffpreise als Konsequenz von beispielsweise dem Iran-Krieg zu nennen. Sie beeinflussen die Preisgestaltung unserer Produkte in hohem Maße.“

Wie kann geopolitischen Unsicherheiten und zunehmenden Handelskonflikten insgesamt begegnet werden, was raten Sie Ihren Mitgliedsfirmen?
„Unsere Mitgliedsunternehmen sind (leider) mittlerweile krisenerprobt. Ihre Resilienz beweisen sie bei all den Geschehnissen tagtäglich. Entscheidend ist in solchen Krisen eine Diversifizierung in den Wertschöpfungsketten. Die HDS/L-Mitgliedsunternehmen sind gut aufgestellt, verfügen über langjährige Erfahrungen und lassen sich nicht so schnell unterkriegen.“

Im Rahmen der Betrachtung von Perspektiven benennt der HDS/L auch die Wettbewerbsverzerrungen im Zusammenhang mit chinesischen Plattformen wie SHEIN und fordert hier gesetzgeberische Maßnahmen. Zugleich stellt sich die Frage: Was kann der stationäre Schuhfachhandel tun, um sich gegen die Konkurrenz durch den E-Commerce zu behaupten? Wie kann er seine Stärken ausspielen?
„Diese Frage richtet sich aus unserer Sicht eher an die Ansprechpartner des Fachhandels wie beispielsweise den BTE oder die Verbundgruppen.

Wie der stationäre Fachhandel seine Stärken ausspielen kann? Hier sehe ich gleich mehrere Möglichkeiten. Sicherlich spielen ein kuratiertes Angebot, kompetente Beratung und exzellenter Service eine wichtige Rolle. Ich glaube aber auch an emotionale, verkaufsfördernde Events.“

Abseits aller exogenen Schocks, wie viel Anteil an der aktuellen Lage haben die strukturellen Probleme der Schuhbranche aufseiten der Industrie und des Handels und wie können sie gemeistert werden?
„Die deutsche Schuhbranche zeichnet sich durch ihre kleinteilige, mittelständische Struktur aus. Diese Struktur bringt eine individuelle Ausrichtung mit sich. Im Vergleich zu beispielsweise vertikalen Strukturen ist eine Digitalisierung von Prozessen wesentlich aufwendiger und umfassender.“

Das Marktumfeld ist insgesamt schwierig. Doch wo sehen Sie für die Schuhbranche Chancen und wie kann Innovation in der Branche gelingen?
„Gerade mit Blick auf die herausfordernde aktuelle Lage gibt es für mittelständische Strukturen viele Vorteile. Sie zeichnen sich durch ihre enorme Flexibilität aus. Diese Flexibilität ermöglicht schnelle Lösungen.“

Wir haben über den aktuellen Branchenausblick des HDS/L gesprochen. Abschließend noch eine persönliche Frage: Welche Ziele haben Sie sich bei Ihrem Antritt als Hauptgeschäftsführer des HDS/L gesteckt?
„Lassen Sie mich einen Blick in die Vergangenheit werfen. Im April 1956 hat die erste GDS stattgefunden. Vor 70 Jahren herrschte eine gewisse Aufbruchstimmung. Ich spüre nach wie vor eine gewisse Wehmut, wenn man über die GDS spricht. Man sehnt sich nach Dialog und persönlichen Gesprächen, die im Rahmen eines solchen Branchenevents gegeben waren. Das ist für mich ein Zeichen, dass sich die Branche bewegen und austauschen will. Ich möchte dies mit verschiedenen Aktivitäten wie unter anderem sachbezogenen Veranstaltungen unterstützen. Es ist wichtig, mit der Digitalisierung Schritt zu halten, aber dabei das Produkt und den Menschen nicht zu vernachlässigen beziehungsweise aus dem Auge zu verlieren.“

 Zur Person

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Torben Schütz war von 2017 bis 2022 als Referent für Statistik, Bildung und Digitalisierung des HDS/L in der Hauptgeschäftsstelle in Berlin tätig. Von 2022 bis 2024 unterstützte der studierte Politikwissenschaftler die Betriebe der chemisch-pharmazeutischen Industrie als Referent für Energie, Klima und Transformation des Verbandes der Chemischen Industrie e. V., Landesverband Nordost (VCI Nordost), ab September 2024 leitete er die Bereiche Energie und Umwelt des VCI Nordost. Hauptgeschäftsführer des HDS/L ist Torben Schütz seit dem 1. Februar 2026, er folgte damit auf Manfred Junkert, der das Amt bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand 19 Jahre lang innehatte. Zudem fungiert Schütz seit Jahresbeginn als Geschäftsführer des Deutschen Schuhinstituts (DSI) und von cads (Kooperation für abgesicherte definierte Standards bei den Schuh- und Lederwarenprodukten e. V.).