In Deutschland steckt B Corp noch in den Anfängen, besonders in der Modebranche. Doch mit Marc O’Polo konnte ein erster großer Player gewonnen werden. „Mode ist ein strategisches Handlungsfeld“, betont Armelle Duvieusart, Community & Impact Lead B Lab Germany, gegenüber FASHION TODAY. Die nachhaltige B Corp-Zertifizierung setzt auf einen ganzheitlichen Ansatz: Statt einzelne Produkte oder Bereiche zu prüfen, wird das gesamte Unternehmen bewertet – von Arbeitsbedingungen bis Klimaschutz. „Unser Ziel ist es, Unternehmen kontinuierlich zu verbessern“, sagt Duvieusart. Nun soll auch das deutsche Netzwerk zügig ausgebaut werden.

FASHION TODAY: Frau Duvieusart, was unterscheidet die B Corp-Zertifizierung grundsätzlich von anderen Nachhaltigkeitslabels im Markt?
Armelle Duvieusart: „Vor allem ist es der ganzheitliche Ansatz. Wir betrachten das Unternehmen als ganze Einheit, die wir zertifizieren – und nicht wie diverse Bio-, ISO- oder andere Zertifikate, die einzelne Bereiche oder Produktsegmente abdecken. Natürlich heben wir auf die drei Säulen der Nachhaltigkeit ab und helfen den Unternehmen dabei, nach innen wie nach außen ihr Managementsystem so aufzusetzen, dass das Unternehmen insgesamt in Richtung Nachhaltigkeit kommt. Wir begleiten die Zertifizierung und nach einem Prüfungsprozess ist die Zertifizierung drei Jahre gültig. Dann muss sie rezertifiziert werden und wir arbeiten kontinuierlich an den Standards, sodass dann härtere Kriterien angelegt werden. Über die Anforderungen zur kontinuierlichen Verbesserung haben wir gewährleistet, dass die Zertifizierung Unternehmen fordert, ihre Leistung zu erheben, um den gesellschaftlichen und ökologischen Herausforderungen entgegenzuwirken. Die juristische Satzänderung, die von allen B Corps umgesetzt werden muss (Mission Lock), stellt sicher, dass die Berücksichtigung aller Stakeholder rechtssicher im Unternehmen verankert bleibt. Was uns außerdem unterscheidet, ist die Community. Das heißt, wir arbeiten im Netzwerk und fördern ganz gezielt die Kommunikation zwischen Unternehmen und Branchen. Wir finanzieren uns als Non-Profit-Organisation über die Lizenzgebühren, die wir für unsere Arbeit benötigen. Unser Ziel ist es nicht, Gewinne zu erwirtschaften, sondern unseren Teil dazu beizutragen, die Welt, auch die ökonomische, zu verbessern.“
In Deutschland ist B Corp noch in den Anfängen – zumindest in der Modebranche. Welche Learnings haben Sie ziehen können?
„Dass wir branchenunabhängig agieren, ist ein Nachteil, wenn es um die Spezialisierung auf bestimmte Marktsegmente geht. Aber der große Vorteil ist die Branchenunabhängigkeit. Durch die Universalität lässt sich der Wandel sehr viel leichter vollziehen und später auf Unternehmensgröße und Sektor zuschneiden. Schließlich geht es um die gesamte Unternehmensführung – und das global. Da wir internationale Standards anlegen und schon viele Zertifizierungsprozesse durchlaufen haben, wissen wir sehr genau, was wir tun und wie wir es tun. Aber natürlich hat jedes Land seine Eigenheiten, gerade auch in der Kommunikation. Weltweit haben wir bereits mehr als 10.000 Unternehmen zertifiziert und arbeiten in diversen Arbeitsgruppen sektoriell und natürlich regional zusammen. Stärker sind wir, was Mode angeht, in Italien und Benelux – das ist historisch bedingt. Aber genau das wollen wir ändern und verstärkt in die Kommunikation gehen.“
Wie funktioniert das B Corp Assessment konkret? Welche Kriterien werden angelegt?
„Wir haben sieben Bereiche definiert, in denen die Unternehmen eine Prüfung durchlaufen. Das geht über die Arbeitsbedingungen bis hin zum Thema Klimaschutz, kollektives Handeln, Gleichberechtigung und so weiter. Über unsere B-Impact-Plattform können Unternehmen sich gegen die Mindestanforderungen unserer Standards in den sieben Bereichen bewerten, es dient auch als Nachhaltigkeitsmanagementtool. Die Prüfung erfolgt über Fragebögen – also digital – und über Besuche vor Ort. Und genau diese sieben Kriterien oder Bereiche werden auch bei der Rezertifizierung wieder abgefragt – mit zusätzlichen Anforderungen – und geprüft. Alle Standards sind gleich gewichtet und es müssen auch alle Mindestanforderungen erfüllt werden. Es gibt keinen Kompensationsmechanismus zwischen den einzelnen Standards. B Lab wurde 2006 in den USA gegründet. 2014 haben wir das erste Unternehmen in Europa zertifiziert. Seit 2021 sind wir in Deutschland vertreten und seit vergangenem Jahr haben wir den Zertifizierungsprozess auch ins Deutsche übertragen. Vorher gab es lediglich die Prüfungssprachen Englisch, Spanisch und Portugiesisch – auch das ist historisch durch den Ursprung in Amerika und Südamerika begründet. Nun wollen wir in Deutschland das Netzwerk auf- und ausbauen.“
Welche weiteren Entwicklungen oder Anpassungen des Assessments sind aktuell geplant?
„Die größte Änderung betrifft die Prüfung durch Dritte. In der Vergangenheit hatten wir eigene Ableger, die den Zertifizierungsprozess überwacht und abschließend geprüft haben. Nun sind wir endlich so weit, unabhängige Dritte mit der Prüfung zu betrauen, wie das auch von neuen EU-Direktiven gefordert wird. Das werden wir jetzt gezielt weiter ausrollen. Abseits davon haben wir fortlaufend Überarbeitungen durch die Rezertifizierung im Drei-Jahres-Rhythmus. Jetzt stellen wir den Zyklus auf fünf Jahre um (mit Zwischen-Audits) und sehen das Jahr 2026 als das Jahr null. Die in diesem Jahr zertifizierten Betriebe werden wir 2031 rezertifizieren.“
„Wir haben mit Marc O’Polo den ersten bedeutenden deutschen Player in der Fashion-Branche gewinnen und zertifizieren können. Das wollen wir natürlich als Basis für die Weiterentwicklung im Modemarkt nutzen.“
Wie streng bewertet B Lab Unternehmen im Vergleich zu anderen Zertifizierungen?
„Ich will nun nicht die Zertifizierung anderer Organisationen bewerten. Natürlich legen wir pro Zertifizierungsrunde strengere Kriterien an und unterstützen die Unternehmen in ihrer Weiterentwicklung. Aber wir sind auch kein Club der Perfektionisten. Das heißt, wir wollen auch den Unternehmen helfen, die sich auf den Weg gemacht haben, aber noch nicht so weit sind. Wir sprechen von einem Prozess der kontinuierlichen Verbesserung. So nutzen mehr als 300.000 Organisationen beziehungsweise Unternehmen unser Tool, ohne sich zertifizieren zu lassen. Kurzum: Wir wollen möglichst viele mitnehmen. Und das ist nicht perfekt, aber transparent und gut.“
Wie ist die Zusammenarbeit zwischen dem globalen B-Lab-Netzwerk und der deutschen Organisation strukturiert? Gibt es Spielräume oder sind die globalen Vorgaben bindend?
„Wir haben die Standards global entwickelt – dies aber auf breiter Basis von Stakeholdern in der ganzen Welt. Und bei der Neuauflage der Rezertifizierung haben wir mehr als 26.000 Feedbacks eingearbeitet. Die Standards sind bindend für uns alle. Aber wir haben einen Gestaltungsspielraum, wie wir eine Community im Land aufbauen. Und diesen Spielraum will ich auch nutzen, um gezielt verschiedene Unternehmen aus verschiedenen Branchen anzusprechen und zu gewinnen – und so Schritt für Schritt ein Netzwerk in Deutschland zu installieren. Auch die Mode ist ein strategisches Expansionsfeld für uns.“
Welche Rolle spielt B Corp aktuell international und wie entwickelt sich die Relevanz in Deutschland?
„Historisch sind wir natürlich in den Vereinigten Staaten, Südamerika und Kanada sehr verbreitet. In Europa ist das Vereinigte Königreich mit mehr als 2.600 Zertifizierungen besonders stark. Auch Frankreich, Benelux, Italien und Schweden zählen zu den stärkeren Ländern. Danach kommen erst Deutschland, die Schweiz und Osteuropa. Afrika ist noch ausbaufähig.“
Welche Bedeutung hat die Modebranche für B Corp?
„Aktuell haben wir 420 Unternehmen weltweit zertifiziert, die in der Fashion-Branche agieren. In Europa sind es 80, in Deutschland noch 5. Mode ist ein strategisches Handlungsfeld, weil die Branche einen großen globalen Impact hat. Wir nehmen langsam Fahrt auf. B Corp ist eine holistische Zertifizierung – sie ist leicht kommunizierbar und nachvollziehbar. Wir haben damit einen guten Hebel in der Hand, um Unternehmen ganzheitlich weiterzuentwickeln. Wir haben mit Marc O’Polo den ersten bedeutenden deutschen Player in der Fashion-Branche gewinnen und zertifizieren können. Das wollen wir natürlich als Basis für die Weiterentwicklung im Modemarkt nutzen.“
Ganzheitlich

B Lab wurde 2006 in den Vereinigten Staaten von den drei Unternehmern Jay Coen Gilbert, Bart Houlahan und Andrew Kassoy gegründet. Die Idee entstand aus der Überzeugung, dass Unternehmen nicht nur wirtschaftliche, sondern auch soziale und ökologische Verantwortung tragen sollten. Die Organisation entwickelte das B-Corp-Zertifizierungssystem, um Unternehmen zu erkennen, die hohe Standards in den Bereichen Governance, Umwelt, Arbeitsbedingungen, Kundenbeziehungen und Gemeinschaft erfüllen.
Der Hauptsitz von B Lab befindet sich in Wayne, Pennsylvania (USA).
Seit der Gründung hat sich die Organisation international ausgebreitet und ist heute in über 80 Ländern aktiv. In Europa ist B Lab seit 2014 vertreten, mit einer wachsenden Anzahl zertifizierter Unternehmen, insbesondere in Ländern wie dem Vereinigten Königreich, Frankreich, Italien und den Benelux-Staaten. In Deutschland ist B Lab seit 2021 offiziell aktiv. Weltweit sind über 10.000 Unternehmen zertifiziert, darunter 420 aus der Modebranche. In Deutschland sind es indes bisher fünf, darunter seit wenigen Wochen Marc O’Polo. „Die B Corp-Zertifizierung macht sichtbar und messbar, dass Verantwortung und wirtschaftlicher Erfolg zusammengedacht werden müssen“, sagt Maximilian Böck, CEO von Marc O’Polo.


