Zweite Auflage

alle Bilder ©Seidensticker

Autor: Markus Oess

Die seidensticker group bleibt stabil und setzt auf gezielte Expansion. „Wir sind zufrieden“, sagt CEO Dr. Silvia Bentzinger im Gespräch mit FASHION TODAY MEN. Das zurückliegende Geschäftsjahr brachte leichtes Wachstum – getragen von allen drei Vertriebskanälen: Retail, Online und Wholesale. Jetzt wollen die Bielefelder neue Marktchancen nutzen. Wie, erkärt Dr. Bentzinger im FT-Gespräch.

WERBUNG
„Wir sind gezielt auf den Handel zugegangen und haben ihm die Möglichkeit einer zusätzlichen Order angeboten, um erwartbare Lieferausfälle kompensieren zu können.“  ©Seidensticker

FASHION TODAY: Frau Dr. Bentzinger, wie lief das zurückliegende Jahr für die seidensticker group?
Dr. Silvia Bentzinger: „Grundsätzlich sind wir zufrieden mit dem zurückliegenden Geschäftsjahr – und zwar sowohl im Private-Label-Geschäft als auch im Markengeschäft. Während das Private-Label-Geschäft schwankenden Kundenentwicklungen unterliegt und es dort mehr Ausschläge nach unten und oben gibt, haben wir insbesondere in den USA Wachstumspotenzial ausgemacht. Das Markengeschäft lief alles in allem stabil, trotz aller Herausforderungen im Markt. Wir liegen im Plan und haben ein leichtes Wachstum erzielt. Und dazu haben alle drei Bereiche – Retail, Online, Wholesale – beigetragen.“

Wie teilen sich umsatzmäßig das Markengeschäft und das Private-Label-Geschäft auf?
„Das Markengeschäft ist etwas stärker als Private Label.“

Wo steht die Marke seidensticker heute?
„Der Umsatz von seidensticker ist gegenüber der Vergangenheit nicht kleiner geworden, sondern sogar noch gewachsen. Allerdings haben wir das übrige Markengeschäft mit Sublabels und die Masterlizenz mit camel active vor einigen Jahren abgegeben beziehungsweise abgeben müssen. seidensticker hat sich gut nach vorne entwickelt – insbesondere im Bereich Businesswear sowie Hemd und Bluse, vor allem im DACH-Markt, den wir als Heimatmarkt betrachten. Nach Corona haben wir die Produktgruppe Casual neu aufgesetzt. Und wir haben studio seidensticker im hochwertigen Fachhandel als urbanen Look gelauncht – hochwertig und unisex. Wir sprechen über einen Total Look, der eine gewisse Modernität repräsentiert. Der Fokus der Kernmarke seidensticker bleibt davon unberührt. Wir internationalisieren und digitalisieren die Marke seidensticker kontinuierlich als verlässliche Marke im mittleren Preissegment. Nach Umsatz ist die DACH-Region die stärkste Region. Aber wir sind auch in Frankreich mit einer eigenen Tochterfirma gut unterwegs, mit Kunden wie PRINTEMPS und Galeries Lafayette. Dank eines hohen Bekanntheitsgrades sehen wir überdies Chancen im digitalen Handel.“

Sie wollen in die USA expandieren. Wohin exportiert die Marke seidensticker noch?
„Wir sind unter anderem in Kanada mit einem guten Partner vertreten. In den USA stehen wir noch ganz am Anfang. Skandinavien, insbesondere Dänemark, wird stärker – nicht zuletzt, weil sich mit dem Ausfall von ETERNA neue Wachstumschancen ergeben. Gleichzeitig wollen wir auch die Kernmärkte ausbauen, weil wir hier die Größeneffekte erwarten können. Unter anderem sind wir bei breuninger und ANSONS gelistet, ebenso bei Peek&Cloppenburg.“

Sie sind mit studio seidensticker ja auch auf der Pitti Uomo vertreten. Wie groß soll mittelfristig der Exportanteil bei seidensticker werden?
Aktuell haben wir einen Exportanteil von rund 30 Prozent über beide Marken, wobei studio seidensticker erst am Anfang steht. Die Relation soll so bleiben, das heißt, wir wollen gleichmäßig im In- und Ausland wachsen.“

WERBUNG

Seidensticker in Bildern

  • ©Seidensticker

Hierzulande wollen Sie das Markengeschäft ausbauen. Welche Chancen rechnen Sie sich dabei aus?
„Gute Chancen. Hier sehe ich vor allem zwei Ansatzpunkte. Zum einen wollen wir in der Womenswear mit einem klaren Konzept – wir starten mit NOS und Seasonals – Potenzial abschöpfen, das sich durch die aktuelle Marktentwicklung ergeben hat. Aber auch in der Menswear ergeben sich durch den Wegfall von ETERNA neue Möglichkeiten. seidensticker ist immer noch ein Hemdenspezialist mit einem gut austarierten NOS-Programm und hochwertigen Qualitäten. Wir können immer noch ganz klassisch zuverlässig den Handel mit Ware versorgen, auch im Nachzug. Neben dem angestammten Preissegment sehen wir auch im höherwertigen Preisbereich zwischen 79 und 99 Euro mit exklusiver Verarbeitung und hochwertigen Materialien – gerade auch für die nächste Order – durchaus Marktchancen. Das spreizt sich also mit einer Spanne zwischen 59 und 99 Euro im VK zu einem attraktiven Sortiment. Wir sind im Markt etabliert und haben eine solide Wachstumsbasis, die wir nutzen werden.“

Wie teilen sich die Kanäle auf?
„30 Prozent unseres Marktumsatzes laufen digital. Weitere 30 Prozent erwirtschaften wir über unseren eigenen Retail mit 25 Läden in der DACH-Region und Frankreich. Der Rest steuert das Wholesale-Geschäft bei.“

Was können Sie dem Handel anbieten?
„Einen zuverlässigen Lieferanten kombiniert mit einem verlässlichen NOS-Programm, Hemdenkompetenz und eine vernünftige Marge. Aber betrachten wir die Preislage zwischen 79 und 99 Euro als Türöffner, wobei wir hier kompetent sind und alle Produktbereiche bedienen können – vom Anlass bis hin zu Spezialgrößen. Sicher hat sich der Markt im Businesswear-Bereich konsolidiert. Aber es gibt ein Grundrauschen und einen Grundbedarf. Die Nachfrage hat sich so gesehen eingependelt. Und selbst wenn die Formel ‚Businesswear‘ etwas stärker unter Druck geraten ist, finden wir mit neuen Linien und Produkten die passenden Antworten – etwa mit studio seidensticker, mit dem wir neue Zielgruppen ansprechen. Außerdem hinterlässt die Liquidation von ETERNA im Blusensegment eine Lücke, die wir als kompetenter und zuverlässiger Lieferant schließen können und damit dem Handel Umsätze absichern.“

Was ist mit einer zweiten Orderrunde konkret gemeint?
„Wir sind gezielt auf den Handel zugegangen und haben ihm die Möglichkeit einer zusätzlichen Order angeboten, um erwartbare Lieferausfälle kompensieren zu können. Dies haben wir mit einem gut aufgestellten Programm gemacht. Die Gespräche mit dem Handel waren gut und wir konnten auch schon ordentliche Ergebnisse erzielen. Alles in allem sehe ich nun eine gute Basis für die kommende Order im Sommer.“

Hintergrund

seidensticker will die aktuelle Marktsituation nutzen und erweitert das Wholesale-Angebot. Die Bielefelder wollen ein Programm vorstellen, das dem Handel zusätzliche Ordermöglichkeiten bieten soll, heißt es in einer Mitteilung. In der Womenswear kehrt seidensticker mit einem kompakten Blusenprogramm in den Wholesale zurück. Das Sortiment umfasst NOS-Artikel, LOS-Modelle sowie saisonale Styles. Parallel baut seidensticker sein Engagement in der Menswear aus. Dafür wurde eine zweite Orderrunde eingeführt. Angeboten wird ein Programm aus saisonalen Artikeln und NOS-Produkten, das dem Handel zusätzliche Flexibilität bei der Sortimentsplanung geben soll.

Die Interviewpartnerin

Dr. Silvia Bentzinger ist seit 2020 CEO der Marke seidensticker und Sprecherin der operativen Unternehmensleitung der seidensticker group, Bielefeld. Von 2014 bis 2019 war sie Mitglied der Geschäftsführung, zuvor leitete sie von 2008 bis 2014 die Bereiche Personal, Recht und Versicherungen im selben Unternehmen. Ihre berufliche Laufbahn begann bei der ECCLESIA GRUPPE, Detmold, wo sie von 2006 bis 2008 als Direktionsassistentin der Hauptgeschäftsführung und von 2004 bis 2006 als Juristin im Bereich Personal und Recht tätig war. Nach ihrem Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Bielefeld absolvierte sie ihr Referendariat am Oberlandesgericht Düsseldorf.