Autor: Markus Oess
BRÜHL-Geschäftsführer Maro Nachtrab sieht den deutschen Bekleidungsmarkt in einer strukturellen Krise. Im FASHION-TODAY-Gespräch kritisiert er die Wirtschaftspolitik der Bundesregierung, fehlende Konsumimpulse, zunehmende Bürokratie und den Preiswettbewerb im Handel. Gleichzeitig warnt der Geschäftsführer des Hosenspezialisten vor einer weiteren Belastung der Industrie durch Forderungen des Handels nach Preisgarantien, Konsignation und Margenverbesserungen. Für BRÜHL setzt er auf finanzielle Stabilität, Export, Private Label und eine klare Positionierung im Markt.
Die Stimmung bei Maro Nachtrab ist vorsichtig ausgedrückt angespannt. Der Geschäftsführer des Hosenspezialisten BRÜHL aus Rotenburg an der Fulda blickt mit Sorge auf die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland und spart nicht mit Kritik an der Politik. Nach einem Jahr neuer Bundesregierung ist der Manager ernüchtert: „Bundeskanzler Friedrich Merz galt als Mann der Wirtschaft, aber er nutzt ganz offensichtlich seine Richtlinienkompetenz nicht und zeigt auch nicht die Entschlossenheit eines Gerhard Schröders mit seiner Agenda 2010. Es passiert zu wenig, und was passiert, zu falsch“, moniert Nachtrab. Maßnahmen wie die Senkung der Unternehmenssteuer, Turbo-Abschreibungen oder steuerfreie Zusatzverdienstmöglichkeiten für Rentner bedeuteten keinen grundlegenden wirtschaftspolitischen Kurswechsel.
Stattdessen konstatiert Nachtrab fehlende Planungssicherheit und zunehmende Regulierung. „Von einem Ruck merke ich nichts, der durchs Land gehen sollte, wie es dereinst Bundespräsident Roman Herzog gefordert hatte“, so Nachtrab weiter. Besonders der Mittelstand werde politisch alleingelassen. Unternehmen könnten sich nicht auf Unterstützung verlassen und müssten stärker denn je auf Eigenverantwortung setzen. Gleichzeitig beobachtet Nachtrab eine zunehmende Bürokratisierung auf nationaler wie europäischer Ebene. Viele Regelungen aus Berlin und Brüssel seien schwer nachvollziehbar und würden Investitionen eher verhindern als fördern. „Das ewige Hin und Her und Vor und Zurück sorgt für Verunsicherung. Wer will heute noch investieren?“, fragt Nachtrab.
Nachtrab beklagt vor allem ein massives Nachfrageproblem in der Republik. Die Kaufzurückhaltung der Verbraucher sei inzwischen zum zentralen Belastungsfaktor der Wirtschaft geworden. Nachtrab fordert deshalb ein groß angelegtes Konjunkturprogramm, das den Konsum stützt und schnell umgesetzt wird. Die Lage vieler Haushalte lasse aus seiner Sicht kaum noch Spielraum für Modekäufe. Gleichzeitig steige der Kostendruck entlang der gesamten Wertschöpfungskette weiter an. „Wir stehen vor massiven Kostenexplosionen, nicht nur durch die Energiekosten, sondern auch durch die gestiegene Sockelinflation im hoch zweistelligen Bereich. Wir sind noch lange nicht auf dem Niveau von 2019“, sagt er. Besonders Familien mit kleinem und mittlerem Einkommen stünden zunehmend unter Druck. Dadurch breche der Konsum weg. Hinzu kämen Insolvenzen, Probleme in der Automobilindustrie, geopolitische Krisen und die wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels, die zusätzlich auf die Konsumlaune durchschlügen.
Nachtrab sieht die deutsche Bekleidungsbranche von dieser Entwicklung besonders stark betroffen. Zudem habe Bekleidung aus seiner Sicht im Konsumverhalten vieler Verbraucher deutlich an Bedeutung verloren. „Die Mitte gerät unter Druck. Es wird nur teuer oder sehr billig gekauft“, sagt er. Vor allem mittelpreisige Marken und mittelmodische Händler stünden dadurch vor strukturellen Problemen. Gleichzeitig kritisiert Nachtrab die mangelnde Differenzierung im Handel. Viele Häuser führten identische Markenportfolios, wodurch eine maximale Vergleichbarkeit entstehe. Das Internet verschärfe diese Entwicklung zusätzlich. „Dies führt zu einer maximalen Preistransparenz, die getrieben durch das Internet eine Kaufentscheidung eben nur durch den Preis und das billigste Angebot herbeiführt“, warnt Nachtrab. Der Handel setze zu stark auf Sicherheit und scheue unternehmerisches Risiko, auf neue Marken oder Konzepte einzugehen. Dadurch entstehe eine dauerhafte Preisspirale nach unten.
Kritisch sieht Nachtrab die zunehmenden Rabattaktionen im Markt. Dass bereits kurz nach Beginn der Saison mit Preisnachlässen gearbeitet werde, hält er für falsch. Händler, die weiterhin am klassischen Schlussverkauf festhalten und ihre Lager nur zweimal im Jahr räumen, bewertet er dagegen positiv. „Ich bin der festen Überzeugung, die Abschaffung des Schlussverkaufes war die dümmste Entscheidung für den Handel und für die gesamte Branche“, sagt Nachtrab. Auch das Verhältnis zwischen Industrie und Handel steht aus seiner Sicht zunehmend unter Druck. Nachtrab kritisiert Forderungen nach Preisgarantien, Margenverbesserungen oder Konsignationsmodellen. Die Belastungen würden dadurch immer stärker auf die Hersteller verlagert. Die Industrie selbst kämpfe ebenfalls mit steigenden Kosten und könne diese nur teilweise weitergeben. Als Beispiel nennt Nachtrab die Entwicklung bei BRÜHL. „Beispielsweise sind unsere Hosen um die 80 Cent teurer geworden. Wir konnten dem Handel aber nur 50 Cent weiterreichen. Den Rest mussten wir durch Prozessoptimierungen und Kosteneinsparungen selbst tragen“, sagt er. Diese Anstrengungen würden im Handel häufig nicht ausreichend wahrgenommen. Nachtrab verweist darauf, dass auch die Industrie heute mit geringeren Deckungsbeiträgen arbeite als noch vor einigen Jahren. Und er warnt vor den Folgen für die textile Vorstufe. Viele Unternehmen hätten den Markt bereits verlassen. Sichtbar werde das unter anderem auf Stoffmessen wie der MUNICH FABRIC START, die mit sinkenden Ausstellerzahlen und Frequenzen zu kämpfen hätten. „Wir müssen auch aufpassen, dass wir als Industrie unsere Zulieferer, also die Vorstufe, leben lassen“, betont Nachtrab.
Risikoscheu
Kritisch äußert er sich zudem zum hohen Anteil von Concession-Flächen bei großen Filialisten. Dass manche Händler mittlerweile bis zu 80 Prozent ihres Umsatzes über Concession-Modelle erzielten, bewertet er skeptisch. „Im Grunde genommen ist das Konzessionsgeschäft ein einfaches Geschäft und es ist vor allen Dingen risikofrei“, sagt Nachtrab. Die Risiken würden zunehmend auf die Industrie verlagert. Sein Appell lautet deshalb: „Leben und leben lassen, und zwar entlang der gesamten Wertschöpfungskette!“
Für BRÜHL selbst sieht Nachtrab das Unternehmen dennoch stabil aufgestellt. Der Hosenanbieter verfüge weiterhin über eine hohe Eigenkapitalquote von 92 Prozent und arbeite mit langjährigen Handelspartnern zusammen. Strategisch konzentriert sich BRÜHL weiterhin auf das Thema „Fashion meets Function“. Die Zielgruppe solle verjüngt werden, ohne den bestehenden Kundenstamm aus dem Blick zu verlieren. Gleichzeitig setzt das Unternehmen auf Export und den Ausbau des Private-Label-Geschäfts. Nachtrab zufolge ordern inzwischen auch kleinere Kunden bei BRÜHL. Flexible Produktionsmengen seien dabei ein Vorteil. „400 Teile pro Farbe sind für uns kein Problem“, sagt er. Durch die Zusammenarbeit mit nikatex habe BRÜHL zudem Synergien geschaffen und sei inzwischen zum zweitgrößten Anbieter im Private-Label-Bereich hinter der OSPIG-Gruppe aufgestiegen.
Stammabteilung oder Komplettlook?
Trotz vieler Diskussionen um Komplettlooks bleibt Nachtrab außerdem ein Verfechter der klassischen Hosenabteilung im Handel. „Der Mann will wissen, wo er seine Hosen kaufen kann, und er sucht gezielt nach ihnen, nicht nur nach Komplettlooks“, sagt er. Parallel dazu hat BRÜHL sein Sortiment erweitert und bietet inzwischen auch Pullover, Hemden sowie Wirk- und Strickwaren in Produktpartnerschaften an. Der Ausbau dient jedoch dem Outlet-Geschäft am Firmenstandort. Bei der Preisgestaltung setzt BRÜHL nach eigenen Angaben weiterhin auf Kontinuität. Die Preise seien in den vergangenen Jahren insgesamt moderat um rund 10 Prozent angehoben worden. Der Schwerpunkt liege aktuell bei Verkaufspreisen zwischen 89 und 99 Euro.
Trotz der schwierigen Marktlage blickt Nachtrab nun auf die kommenden Termine der Branche. Besonders die Sommerausgabe der Pitti sieht er als wichtigen Austauschpunkt. „Ich freue mich jetzt auf eine erfolgreiche Ausgabe der Sommer-Pitti und auf – hoffentlich – gute Gespräche, die den Faden wieder aufnehmen“, sagt Nachtrab.


