Leidenschaft statt Trendjagd

Order Frühjahr/Sommer 2027

„Am Ende zählen für uns vor allem die Begeisterung des Produzenten und die Leidenschaft hinter dem Produkt.“ @Kameratypin/Vivian Gleß

Autorin: Deniz Trosdorff

Wie viel Bauchgefühl verträgt eine gute Order? Für Raimar Bradt ist diese Frage schnell beantwortet: Trotz aller Zahlen und Analysen spielen Leidenschaft, Erfahrung und die Geschichte hinter einem Produkt eine entscheidende Rolle. Im Interview zur Orderrunde Frühjahr/Sommer 2027 erklärt der Inhaber des Stores eRBe in Fürth, wie er sein Budget verteilt, neue Marken entdeckt und warum persönliche Begegnungen, authentische Beratung und echte Einkaufserlebnisse für ihn wichtiger sind als jede kurzfristige Modeerscheinung.

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FASHION TODAY: Die Orderrunde für Frühjahr/Sommer 2027 läuft an. Wie gehst du aktuell mit deinen Limiten um? Nach welchen Prioritäten verteilst du dein Budget auf bestehende Sortimente, neue Themen und mögliche Neuzugänge?
Raimar Bradt: „Unser Budget ist dasselbe wie im Jahr zuvor. Da wir ein sehr kleiner Laden sind, können wir je nach Verkäufen flexibel reagieren und entscheiden, ob wir Ware nachbestellen oder es bei der ursprünglichen Order belassen. Oft teilen wir das Budget so auf, dass unsere etablierten Marken ihren festen Anteil erhalten, wir aber immer auch einen Puffer für Neuzugänge oder spontane Einkäufe einplanen.“

Nach welchen Kriterien triffst du grundsätzlich deine Orderentscheidungen? Auf welche Produkte, Warengruppen oder Entwicklungen richtest du in der Saison Frühjahr/Sommer 2027 einen besonderen Fokus?
„Bei uns ist die Geschichte hinter jedem Produkt enorm wichtig. Am liebsten beziehen wir unsere Ware so regional wie möglich, sodass man die Produktion auch spontan besuchen kann und gegebenenfalls sogar exklusive Produkte erhält. Unsere Warengruppen reichen von der Socke bis zur Mütze und umfassen nahezu alles. Gleichzeitig sind wir für neue Warengruppen immer offen. Unser Hauptgeschäft besteht natürlich aus Oberbekleidung und Hosen. Da wir selten nach Trends arbeiten, haben wir keinen besonderen Fokus auf bestimmte Produktgruppen.“

„Wichtig ist, den eigenen Beruf mit Überzeugung auszuüben und diese Begeisterung bestmöglich an die Kundinnen und Kunden weiterzugeben.“ ©Chris Frenz

Erfolgreiche Umsatzträger auf der einen Seite, neue und spannende Marken auf der anderen: Wie findest du die richtige Balance zwischen bewährten Konzepten und frischen Impulsen? Und worauf kommt es an, damit eine neue Marke bei dir eine Chance bekommt?
„Bei neuen Marken suchen wir in erster Linie nach etwas, das wir noch nicht im Laden haben. Dabei suchen wir nicht nach Konkurrenz zu den Labels, die wir bereits führen, sondern nach einer eigenen Geschichte und Identität. Außerdem versuchen wir, junge Menschen und junge Unternehmen zu unterstützen, beispielsweise durch verschiedene Events, bei denen wir ihnen Reichweite bieten können. Am Ende zählen für uns vor allem die Begeisterung des Produzenten und die Leidenschaft hinter dem Produkt, da unser Konzept davon lebt, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die dieselbe Leidenschaft teilen wie wir.“

Nach vielen Jahren im Einkauf: Vertraust du bei einer Orderentscheidung am Ende eher den Zahlen oder deinem Bauchgefühl? Und welche Rolle spielt Erfahrung heute im Vergleich zu harten Abverkaufsdaten?
„Am Ende ist es natürlich auch immer eine Absprache mit dem Steuerberater und ein Blick in das Warenwirtschaftssystem. Der große Vorteil dabei ist, dass man sehen kann, was sich besonders gut verkauft. Dennoch treffen wir viele Entscheidungen aufgrund von Bauchgefühl und Erfahrung. Da wir das Glück haben, ein sehr kleiner Laden zu sein, können wir vieles noch gut selbst steuern. Ich finde, dass Warenwirtschaftssysteme in größeren Läden manchmal problematisch sein können, weil Produkte, die sich anfangs schlechter verkaufen, trotzdem wichtig sein können, um ein bestimmtes Image aufzubauen. Am Ende zählen natürlich dennoch die Verkaufszahlen.“

Die Zahl der klassischen Modemessen nimmt weiter ab. Welche Veranstaltungen, Formate oder Informationsquellen sind für dich heute besonders wichtig, um Trends, neue Marken und relevante Kollektionen zu entdecken? Wo holst du dir aktuell die besten Inspirationen?
„Einen großen Teil unserer Inspirationen erhalten wir über Instagram, durch Anfragen oder direkte Besuche. Außerdem fahren wir sehr gerne auf Messen oder besuchen die Manufakturen direkt. Das gibt uns neue Impulse und ermöglicht uns, auch außerhalb des Ladens neue Eindrücke zu sammeln. Den Rückgang von Messen finden wir sehr schade, da dort viele spontane Inspirationen entstehen und man nicht immer nur in seiner eigenen Bubble arbeitet. Der direkte Austausch von Mensch zu Mensch ist für unser Konzept nach wie vor am effektivsten.“

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Raimar Bradt, Inhaber des Stores eRBe @Paul Gerlach

Wie nimmst du die aktuelle Konsumstimmung wahr? Rechnest du für die kommende Saison mit einer spürbaren Belebung der Nachfrage oder bleibt die Zurückhaltung der Verbraucher ein prägender Faktor? Und was können Modehändler aus deiner Sicht tun, um Kundinnen und Kunden langfristig zu begeistern und zu binden?
„Der Konsum im stationären Handel wird zwar weniger, aber die Anzahl kleiner, guter Boutiquen nimmt unserer Meinung nach wieder zu, da sich die Menschen verstärkt nach echten Einkaufserlebnissen sehnen. Für uns bedeutet ein Einkaufserlebnis, jedes Produkt zu kennen, seine Geschichte erzählen zu können und den Kundinnen und Kunden eine besondere Atmosphäre zu bieten. Das ist eine Stärke, die uns kein Onlineshop nehmen kann. Außerdem veranstalten wir viele Events und sind eng mit unseren Kunden vernetzt. Glücklicherweise kommen auch immer wieder neue Kundinnen und Kunden hinzu. Wir sind überzeugt, dass Nachhaltigkeit, Qualität und Handwerk noch lange Bestand haben werden – vorausgesetzt, der Einzelhandel hat Menschen, die diese Werte authentisch vermitteln können und Freude an ihrer Arbeit haben.“

Wenn du auf die Saison Frühjahr/Sommer 2027 blickst: Welche Trends, Farben, Materialien oder Stilrichtungen werden deiner Meinung nach besonders relevant und welche Themen werden vielleicht überschätzt?
„Bei uns entsteht vieles spontan, da wir unsere Inspirationen auch von unseren Designern erhalten und diese sich oft bereits intensiv mit neuen Entwicklungen beschäftigen. Außerdem bekommt man aktuelle Themen automatisch mit, wenn man Fachmagazine liest und informiert bleibt. Für uns stehen natürliche Materialien an erster Stelle. Wenn jedoch Kunstfasern oder Mischgewebe für eine längere Haltbarkeit sorgen und trotzdem nachhaltig produziert werden, ist das für uns ebenfalls in Ordnung. Grundsätzlich stehen wir allen Materialien offen gegenüber, solange sie fair und verantwortungsvoll produziert werden.“

Zum Abschluss: Welchen Rat würdest du anderen Modehändlern für die kommende Orderrunde mit auf den Weg geben?
„Wir raten dazu, mit Leidenschaft zu arbeiten, neugierig zu bleiben und stets die Augen und Ohren offen zu halten. Wichtig ist, den eigenen Beruf mit Überzeugung auszuüben und diese Begeisterung bestmöglich an die Kundinnen und Kunden weiterzugeben. Oftmals beschweren sich Einzelhändler über die Kunden und Kunden über den Einzelhandel. Wir glauben jedoch, dass ein respektvoller Umgang miteinander der wichtigste Schlüssel ist. Wenn wir unsere Leidenschaft für die Produkte, das Handwerk und unseren Beruf authentisch weitergeben, entsteht daraus ein positives und besonderes Einkaufserlebnis. Genau darin sehen wir die Zukunft des stationären Einzelhandels: in persönlicher Beratung, ehrlicher Begeisterung und echten Begegnungen zwischen Menschen.“

eRBe auf einen Blick

Der Store eRBe bietet auf rund 100 Quadratmeter Verkaufsfläche ein ausgewähltes Sortiment für Damen und Herren. Im Mittelpunkt stehen Qualität, Handwerk und Persönlichkeit. Statt auf Massenware setzt Inhaber Raimar Bradt auf kleine Designer, Schneider und Manufakturen, viele davon aus der Region. Zum Sortiment zählen unter anderem Kreationen der Hannoveraner Designerin Antje Aschmann, die Bamberger Mützenmanufaktur Bullani, die Schuhmanufaktur Nürnberg sowie das Berliner Label NOWRUBI.

Die Philosophie von eRBe: Kleidung soll mehr sein als ein Gebrauchsgegenstand. Persönliche Beratung, nachhaltige Produkte und die Geschichten hinter den Herstellern stehen daher im Mittelpunkt des Einkaufserlebnisses. Die Kundschaft ist breit gefächert, richtet sich jedoch insbesondere an Menschen, die Wert auf Qualität, Authentizität und Individualität legen.