Autor: Andreas Grüter
Punk im Ratinger Hof, Popstar in Frankreich, obdachlos in New York, Bankräuber in Düsseldorf – Peter-William „Pete“ Meyer hat in den letzten 50 Jahren mehr erlebt als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben. Im Interview erzählt der gebürtige Kalifornier, der heute unter anderem als Prison Coach arbeitet, warum ihm seine Eitelkeit womöglich das Leben gerettet hat und weshalb er stets nur mit einem halb gefüllten Koffer auf Reisen geht.

FASHION TODAY: Wie viel Zeit investierst du morgens in dein Outfit?
Pete: „Maximal zwei Minuten. Ich kenne den Inhalt meines Kleiderschranks gut und weiß, welche Teile zusammenpassen. Dementsprechend muss ich mir auch längst nicht mehr so viele Gedanken über mein Outfit machen wie früher. Der entscheidende Punkt am Morgen ist die Wahl der Hose. Sobald die feststeht, ergibt sich der Rest quasi von selbst.“
Wie umfangreich ist deine Garderobe?
„Ich habe viele Caps, viele Westen und sehr viele T-Shirts. Hinzu kommen noch ein paar exzentrische Bühnenklamotten, die ich heute allerdings kaum noch trage. Ich muss nicht mehr um jeden Preis auffallen. Da ich weder der klassische Hemdentyp bin noch beruflich Anzüge tragen muss, findest du davon auch nur sehr wenige in meinem Kleiderschrank.“
Wo kaufst du ein?
„Ich kaufe gerne in Skateshops ein und nehme bei Konzerten regelmäßig T-Shirts mit. Vor ein paar Jahren war ich häufiger in Hamburg unterwegs und bin dort ziemlich regelmäßig bei Tk maxx fündig geworden – vor allem bei Hosen und sogar bei ein paar guten Anzügen. Wenn ich eine Jeans brauche, greife ich gerne zu PIKE BROTHERS, und für gute Boots schaue ich im RED-WING-Store vorbei. Insgesamt kaufe ich aber eher wenig. Ich halte es beim Konsum mit Vivienne Westwood: ,Buy less, choose well, make it last‘.“
Was zeichnet deinen Look aus?
„Mein Look lebt von Offenheit. Auch mit 61 bin ich immer noch neugierig auf Neues. Im Herzen bin ich nach wie vor ein Kid. Ich kleide mich nicht meinem Alter entsprechend, sondern ziehe an, wonach ich mich fühle. Ich könnte gar nicht anders und möchte das auch nicht, weil ich mich sonst verkleidet fühlen würde. Das Wichtigste ist, eine eigene stilistische Linie zu haben und authentisch zu bleiben, und ich glaube, das bekomme ich ganz gut hin.“
Woher nimmst du deine modischen Inspirationen?
„Eigentlich von überall. Ich gehe mit offenen Augen durchs Leben. Was ich auf der Straße sehe, kann mich genauso inspirieren wie Filme oder Bands. Früher habe ich viele Modemagazine gelesen, aber diese Zeit ist vorbei. Dieser permanente Anreiz zum Konsum interessiert mich nicht mehr – und ich halte ihn ehrlich gesagt auch für gesellschaftlich problematisch.“
Du warst im Glam und Punk ebenso unterwegs wie im Hip-Hop und Pop. Welche Subkultur und welches Jahrzehnt haben dich modisch am nachhaltigsten geprägt und was hallt bei dir am meisten nach?
„Ich würde sagen, der Hip-Hop. Beim Punkrock war ich zwar dabei und habe mein Abitur damals quasi im Ratinger Hof gemacht, aber ich war nie ein richtiger Punk. Hip-Hop hat mich wirklich abgeholt. Ich komme ja aus den USA und Rap hat mich sofort gepackt und mir viel mehr gegeben als Punk. Es war einfach sexyer. Außerdem war ich schon immer Fan von Musik aus der afroamerikanischen Community. Letztlich bin ich Mitte der Achtziger nicht zuletzt auch wegen Hip-Hop nach New York gezogen. Dort bin ich ziemlich schnell über PHAT FARM gestolpert, das Modelabel von Russell Simmons, dem Mitbegründer von Def Jam Records. Eines der Shirts von damals habe ich heute noch – und ich trage es immer noch gerne.“
Einige deiner Pieces hast du seit Jahrzehnten. Gab es nie das große Ausmisten?
„Nein, gab es nicht. Ausmisten ist überhaupt nicht mein Ding. Wenn ich allerdings irgendwo etwas vergesse oder verliere und es dann weg ist, weine ich dem auch keine Träne nach. Ich bin ein großer Freund des Loslassens.“
In einem Interview hast du dich einmal als Chamäleon bezeichnet. Gilt das auch heute noch für dich und wenn ja, inwiefern?
„Ich glaube, ein menschliches Chamäleon bleibt man sein Leben lang. Ich meine das gar nicht im modischen Sinn, sondern als die Fähigkeit, sich auf unterschiedliche Situationen einzustellen und das Beste daraus zu machen, statt sich seinem Schicksal hilflos zu ergeben. Ich war vier Jahre im Gefängnis. Das war eine harte, aber zugleich auch lehrreiche Zeit mit vielen guten Gesprächen, die mich weitergebracht haben. Auf der anderen Seite komme ich aus einer Industriellenfamilie – und auch auf diesem Parkett kann ich mich sicher bewegen.“
Hatte Stil auch in schweren Zeiten einen Platz in deinem Leben?
„Stil war mir immer wichtig und ist es bis heute. Ich war über 27 Jahre heroinabhängig, aber ich war wahrscheinlich der best-dressed Junkie östlich des Mississippi. Selbst als ich in New York obdachlos wurde, habe ich auf meinen Style geachtet und war immer halbwegs gut gekleidet. Klar, ich habe wahrscheinlich ziemlich gestunken, aber aus der Entfernung sah ich immerhin gut aus. Meine Eitelkeit hat mir vermutlich sogar das Leben gerettet. Ich habe mich aus Schlägereien herausgehalten und mir selbst in den schlimmsten Zeiten die Zähne geputzt. Das war eine Form von Selbstachtung, die ich nie ganz verloren habe.“
Du arbeitest unter anderem als Prison Coach. Welche private Kleidung ist hinter Gittern okay und von welcher würdest du Insassen abraten?
„Prinzipiell ist private Bekleidung nur in der Untersuchungshaft zugelassen. Als Strafgefangener trägt man ausschließlich Anstaltskleidung. Die meisten Insassen sind gebrochene Glücksritter, die sich haben erwischen lassen, und das verbindet auf eine gewisse Art und Weise. Hinter Gittern zählt nicht, was du trägst, sondern wer du bist. Du musst gerade sein und darfst kein Zinker sein, der andere in die Pfanne haut. Das ist drinnen entscheidend. Die Kleidung spielt dabei so gut wie keine Rolle.“
Was hast du in deinem Koffer, wenn du auf Reisen gehst?
„Ich reise heute nur noch selten. Wenn überhaupt, dann mache ich Städtetrips. Ich war schon immer mit leichtem Gepäck unterwegs und daran hat sich eigentlich nichts geändert. Ein paar T-Shirts, Pants, frische Unterhosen und gute Pflegeprodukte – mehr braucht es nicht. Ich empfehle ohnehin, mit einem halb vollen Koffer zu reisen. Dann bleibt genug Platz, um sich vor Ort vielleicht das eine oder andere schöne Kleidungsstück zu kaufen.“
Was bedeutet Freiheit für dich?
„Für mich bedeutet Freiheit, Zeit zu haben und sich nicht von seinen Gedanken versklaven zu lassen.“
Deine vier Lieblingsteile?
„Meine alte Lederjacke im New York Style der Siebzigerjahre, die bis zur Hüfte geht, mein gelb-hellblaues Boating Jacket aus London, mein Bowler Hat und auf jeden Fall ein paar meiner T-Shirts.“
Deine modischen No-Gos?
„Als Erstes fallen mir Adiletten ein. Ich kann diese Dinger einfach nicht sehen. Viele wollen damit wirken wie Profi-Fußballer nach dem Training, sehen aber einfach nur maximal stillos aus. Gar nicht geht auch dieser schnöselige Sylt-Style mit rosa Poloshirt, Bundfaltenhose und Loafern. Was ich modisch ebenfalls fragwürdig finde, sind Leute mit Prêt-à-porter-Tattoos. Frisch aus dem Katalog, direkt auf die Haut, ohne dass sie auch nur die geringste persönliche Bedeutung für den Träger haben. Und eines ist sicher: Ich würde eher sterben, als ein Shirt der Toten Hosen anzuziehen.“



