Zwischen Algorithmus und Bauchgefühl

KI

So effizient die Prozesse im Hintergrund laufen, funktioniert die KI auf der Verkaufsfläche nicht immer so einwandfrei. Mode, insbesondere im gehobenen Segment, ist kein rein rationales Produkt. ©KI-Bild erstellt via Canva

Autorin: Deniz Trosdorff

Künstliche Intelligenz verändert den Modehandel rasant. Doch während Algorithmen im Backoffice Prozesse optimieren, bleibt im Modehandel eine Frage essenziell: Kann ein Code die emotionale Stilberatung von Mensch zu Mensch ersetzen?

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Der Einzug der KI in den Retail ist keine Zukunftsmusik mehr. Laut der im Jahr 2025 veröffentlichten Untersuchung „Künstliche Intelligenz im Handel – Potenziale und Anwendung“ des Handelsverbandes Deutschland (HDE) in Zusammenarbeit mit Safaric Consulting hat sich der Anteil der Technologie-Skeptiker im Handel rasant minimiert: Während 2020 noch fast 80 Prozent der Unternehmen angaben, KI weder zu nutzen noch zu planen, ist dieser Wert laut der HDE-Erhebung mittlerweile auf knapp 36 Prozent geschrumpft. Allerdings zeigt sich eine deutliche Kluft nach Unternehmensgröße. Setzen bei den Branchenriesen mit über 1 Milliarde Euro Umsatz bereits fast drei Viertel (73,2 Prozent) auf KI, liegt die Quote im kleineren, inhabergeführten Fachhandel hingegen bei rund 25 Prozent.

Die klaren Schwerpunkte der Implementierung liegen laut der HDE-Studie im Marketing (40,6 Prozent), bei der IT (34,6 Prozent) sowie in der Logistik und Warendisposition (33,6 Prozent). Algorithmen analysieren riesige Datenmengen, werten historische Verkaufszahlen aus und prognostizieren Trends sowie den optimalen Warenbestand für die kommende Saison. Für Einkäufer bedeutet das: Das traditionelle Bauchgefühl wird durch präzise Datensätze gestützt. Überproduktionen und hohe Abschriften am Saisonende lassen sich so drastisch minimieren. Auch im Marketing sorgt KI für einen Quantensprung. Wo früher standardisierte Newsletter verschickt wurden, analysieren CRM-Systeme heute Vorlieben, sodass der Kunde nur noch Angebote erhält, die exakt zu seinem Stil passen.

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Die Grenze der Technologie: Emotion und Mode

So effizient die Prozesse im Hintergrund laufen, funktioniert die KI auf der Verkaufsfläche nicht immer so einwandfrei. Mode, insbesondere im gehobenen Segment, ist kein rein rationales Produkt. Kleidung transportiert Status, Identität und Emotionen. Ein Algorithmus kann zwar perfekt berechnen, welche Hemdenfarbe mathematisch am häufigsten zum Anzug kombiniert wird, aber er kann nicht „erspüren“, ob sich der Kunde in einem bestimmten Schnitt wohlfühlt.

KI optimiert das Sortiment, der Mensch personalisiert die Beratung. / ©KI-Bild erstellt via Canva

Dass Technologie auf der Verkaufsfläche den Menschen nicht eins zu eins ersetzen kann, unterstreichen die Erkenntnisse der gemeinsamen Studie „Personalization in German Retail 2025“ von Google und KANTAR. Die Marktforscher belegen darin, dass für Konsumentinnen und Konsumenten nicht der Preis, sondern eine gelungene Personalisierung der stärkste Treiber (32 Prozent) für die Differenzierung eines Händlers ist, noch vor dem Markenvertrauen (22 Prozent). Die Studie deckt jedoch eine massive Wahrnehmungslücke auf: Während Händler oft digitale Rabatte und App-Coupons forcieren, wünschen sich Kundinnen und Kunden ein echtes, modernes „Tante-Emma-Gefühl“. Sie wollen sich schlicht wahrgenommen und persönlich bestmöglich betreut fühlen. Reine Technologie-Push-Maßnahmen verfehlen diesen Kern, wenn das empathische Element fehlt. Wahre Differenzierung im Handel läuft über beratende Mehrwerte. Ein Fakt, der sich immer wieder bestätigt, vor allem in der gehobenen Menswear, die fest in der Hand menschlicher Stilberater liegt. Gerade hier spielt Vertrauen eine entscheidende Rolle. Männer kaufen oft zielorientierter, schätzen aber gleichzeitig die fundierte Expertise eines menschlichen Gegenübers. Ein erfahrener Stilberater sieht sofort, wie ein Sakko an den Schultern sitzt, und kann durch Empathie und Fingerspitzengefühl auf individuelle Wünsche eingehen. Diese zwischenmenschliche Dynamik lässt sich nicht in Einsen und Nullen übersetzen.

Hybrid-Modelle als Zukunft des Retails

Die Zukunft des gehobenen Modehandels liegt daher in einer intelligenten Symbiose. Erfolgreiche Omnichannel-Händler nutzen das Beste aus beiden Welten: Sie überlassen der KI die datengetriebene Pflicht im Hintergrund, um Freiräume für die menschliche Kür auf der Fläche zu schaffen. Wenn der Berater durch automatisierte Prozesse von administrativen Aufgaben entlastet wird, hat er mehr Zeit für das, was den Fachhandel ausmacht: exzellenten Service, ehrliche Beratung und das Schaffen eines echten Einkaufserlebnisses. KI wird den Verkäufer nicht ersetzen, aber sie wird ihn unterstützen, noch besser auf den Kunden einzugehen. Zum Abschluss lässt sich festhalten, dass KI im stationären Handel, ob Großfläche oder Boutique, die Daten und Prozesse im Hintergrund übernimmt und optimiert. Das eigentliche Verkaufen und die emotionale Stilberatung auf der Fläche bleiben aber – Gott sei Dank – reine Mensch-zu-Mensch-Sache.

KI-Praxis im Modehandel

Virtual-Try-On-App für Kundinnen und Kunden ©breuninger
  • zalando: Nutzt einen KI-gestützten „Fashion Assistant“ auf ChatGPT-Basis. Kunden können in natürlicher Sprache nach Outfits fragen (zum Beispiel für eine Sommerhochzeit) und erhalten personalisierte Empfehlungen statt starrer Filterlisten.
  • breuninger: Bietet ein „Virtual-Try-On-Tool“ in der App an. Kunden können Kleidungsstücke virtuell an fotorealistischen Avataren anprobieren, was die Passformsicherheit erhöhen und Retouren senken soll.
  • engelhorn: Setzt KI im Backoffice für prognostischen Einkauf ein, um Überproduktionen zu vermeiden. Zudem steuert eine KI das CRM-System für hochgradig personalisierte Kunden-Newsletter statt pauschaler Mailings.
  • Inhabergeführter Fachhandel: Nutzt KI primär als Effizienz-Booster im Hintergrund. Kleinere Händler automatisieren damit Produkttexte für den Onlineshop, erstellen Social-Media-Content oder optimieren die Rechnungsprüfung in der Warenwirtschaft.