„Klassiker lassen sich nicht planen“

Modeklassiker

„Jeans, weißes T-Shirt, Trenchcoat, Leder- und Bomberjacke, Parka, Poloshirt, Hoodie, Anzug und natürlich der Sneaker gehören für mich zu den großen Klassikern.“ Prof. Dipl.-Des. Joel Horwitz, Modedesigner und Professor für HAKA & Sport an der Hochschule Niederrhein / Foto: ©Bernhard Ludewig
Autorin: Katja Vaders

Jeder von uns hat ein oder mehrere absolute Lieblingsteile im Schrank, die wir bereits seit Jugendtagen tragen und immer wieder neu kaufen. Viele von diesen Pieces sind längst zu Modeklassikern avanciert, die eine oder gleich mehrere Generationen geprägt haben und von den Marken immer noch im gleichen Look produziert werden wie vor 20, 50 oder sogar 100 Jahren. Ob LEVI’S 501, Chucks oder der 8-Ösen-Stiefel von Dr. Martens: Manche Fashion Items sind einfach nicht totzukriegen und damit zu textilen Legenden geworden. Aber was genau macht ihre Faszination aus und eine einfache Jeans oder einen Sneaker zu einem Modeklassiker? FASHION TODAY fragte Prof. Dipl.-Des. Joel Horwitz, Modedesigner und Professor für HAKA & Sport an der Hochschule Niederrhein, zu seiner Einschätzung.

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FASHION TODAY: Herr Horwitz, wenn wir uns die letzten 100 Jahre der Modegeschichte anschauen: Welche Modeklassiker hat diese Zeit hervorgebracht? Und was macht einen Klassiker in diesem Zusammenhang überhaupt aus?
Professor Joel Horwitz: „Jeans, weißes T-Shirt, Trenchcoat, Leder- und Bomberjacke, Parka, Poloshirt, Hoodie, Anzug und natürlich der Sneaker gehören für mich zu den großen Klassikern. Interessanterweise kommen viele ursprünglich aus Arbeit, Militär oder Sport und wurden erst später zu Mode. Ein Klassiker ist ein Entwurf, dessen Grundidee über lange Zeit funktioniert. Materialien, Proportionen und Styling können sich verändern, trotzdem bleibt er erkennbar. Mit der Zeit wird ein solcher Entwurf zusätzlich mit Geschichten, Erinnerungen und Emotionen aufgeladen. Klassiker sind also nicht Produkte, die unverändert bleiben, sondern Entwürfe, die Veränderung aushalten.“

Welche Parameter machen ein Fashion Piece inzwischen im Vergleich zu früher zu einem Klassiker? Kann es sein, dass dieser Vorgang im letzten Jahrtausend häufiger einem Zufall geschuldet war, während er heutzutage eher forciert wird? Was sind Ihre Beobachtungen?
„Klassiker lassen sich nicht planen. Aber heute lässt sich Aufmerksamkeit wesentlich stärker forcieren. Kollaborationen, limitierte Drops und Social Media können ein Produkt innerhalb kürzester Zeit global sichtbar machen. Man kann heute Ikonizität produzieren, aber ob daraus wirklich ein Klassiker wird, entscheidet die Zeit. Ein echter Klassiker muss mehrere Trends und Generationen überstehen.“

Welche Rolle spielt hier Secondhand, insbesondere aktuell, da Vintage Shopping zum absoluten Trendthema geworden ist?
„Secondhand macht Modegeschichte unmittelbar verfügbar. Ein Kleidungsstück aus den 1980er- oder 1990er-Jahren landet nicht im Archiv, sondern wird von einer neuen Generation getragen und häufig völlig anders interpretiert. Spannend ist dabei die Verbindung mit dem Digitalen: Social-Media- und Resale-Plattformen funktionieren inzwischen wie riesige, ständig neu kuratierte Modearchive. Dadurch können längst vergessene Produkte plötzlich wieder relevant werden.“

Welche Teile, Modelle, Brands sind Ihrer Ansicht nach moderne Klassiker?
„Besonders interessant finde ich aktuell Sports- und Performancewear. Running Sneaker, Fleece, Puffer Jackets oder technische Outdoor Shells sind längst im Alltag angekommen. Vielleicht entstehen hier gerade Klassiker des 21. Jahrhunderts.“

Wie sieht es bei Möbeln oder Autos aus – sehen Sie in diesen Bereichen ähnliche Dynamiken?
„Absolut. Einen Porsche 911 oder Möbelklassiker wie das Togo von ligne roset erkennt man oft allein an ihrer Silhouette. Sie wurden technisch und gestalterisch immer wieder weiterentwickelt, ohne ihre Identität zu verlieren.“

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Es lässt sich beobachten, dass beliebte Brands, die in den 1980er-/1990er-Jahren Modelle herausgebracht haben, die zu Klassikern wurden, in den letzten Jahren an große, global agierende Unternehmen verkauft wurden. Beispiele hierfür sind Dr. Martens, Vans, Chucks oder Birkenstocks. Diese Verkäufe gehen nicht selten mit einer großen Preissteigerung einher, viele Fans betrauern zudem, dass sich auch die Qualität ihrer Lieblingsteile – leider oft nicht zum Besseren – verändert hat. Wie kann es dennoch sein, dass diese Teile und Marken zu Klassikern geworden sind?
„Produkte wie Dr. Martens, Vans, Chucks oder Birkenstock-Sandalen sind über Jahrzehnte mit Geschichten, Emotionen, bestimmten Szenen und persönlichen Erinnerungen aufgeladen worden. Diese Bedeutung verschwindet nicht durch einen Eigentümerwechsel. Gerade darin liegt natürlich auch ihr wirtschaftlicher Wert für große Unternehmen: Sie erwerben nicht nur ein Produkt oder Logo, sondern ein Stück Kulturgut und den Zugang zu gewachsenen Communitys. Mit der Skalierung entsteht aber auch die Verantwortung, glaubwürdig mit dieser Geschichte und Identität umzugehen.“

Es lässt sich beobachten, dass einige dieser Kleidungsstücke oder Schuhe früher vor allem von Subkulturen getragen wurden, heute aber im Mainstream angekommen sind. Wie kam es dazu?
„Viele Klassiker wurden nicht von Unternehmen zu Klassikern erklärt, sondern von ihren Trägerinnen und Trägern dazu gemacht. Punk, Skateboarding, Hip-Hop oder andere Jugend- und Sportkulturen haben Produkte aus ihrem ursprünglichen Kontext genommen und ihnen eine neue Bedeutung gegeben. Heute beschleunigen Social Media diesen Prozess enorm. Was früher vielleicht Jahre brauchte, kann innerhalb weniger Saisons weltweit sichtbar und Teil des Mainstreams werden.“

Welche Rolle spielen Prominente wie Musikerinnen und Musiker, Schauspielende, Influencerinnen und Influencer beziehungsweise Content Creators auf Social Media in diesem Zusammenhang?
„Prominente haben Mode schon immer beeinflusst. Neu sind vor allem die Geschwindigkeit und Reichweite. Heute entsteht eine permanente Rückkopplung zwischen Marke, Celebrity, Creator sowie Konsumentinnen und Konsumenten. Interessant wird zukünftig auch, welchen Einfluss KI und virtuelle Welten darauf haben. Eine Silhouette kann heute digital millionenfach sichtbar werden, bevor sie überhaupt physisch in größerer Stückzahl existiert. Vielleicht verändert das langfristig auch unsere Vorstellung davon, wie eine Modeikone entsteht.“

Zum Abschluss: Im Design heißt es „Form Follows Function“. Inwiefern lässt sich dieser Leitsatz in Klassikern wiedererkennen – und trägt die Umsetzung dieser Formel zur Bildung von Klassikern bei?
„Wenn wir auf die Klassiker aus Workwear und Sportswear zurückkommen, hatten diese ursprünglich oft eine konkrete Funktion. Aus diesen funktionalen Anforderungen entstand ihre charakteristische Form. Genau dieses Zusammenspiel von Gestaltung, Konstruktion, Material und Körper beschäftigt uns auch in der Ausbildung zum Design-Ingenieur Mode an der Hochschule Niederrhein. Wir untersuchen, wie Materialeigenschaften und Konstruktion die Form und Bewegungsfreiheit eines Kleidungsstücks beeinflussen und wie sich diese Zusammenhänge heute bereits im digitalen Entwurfsprozess simulieren und überprüfen lassen.“

Vielen Dank für das Gespräch und Ihre Expertise!

Prof. Dipl.-Des. Joel Horwitz ist Modedesigner und Professor für HAKA & Sport mit dem Schwerpunkt analoge und virtuelle Kollektionskonzeption an der Hochschule Niederrhein. Nach seinem Modedesign-Studium an der Universität der Künste Berlin arbeitete er international unter anderem für adidas in Deutschland und China sowie für J.LINDEBERG. Später verantwortete er die Eigenmarken von zalando und zuletzt als Design-Direktor das Sortiment von FILA Europe. Seine Schwerpunkte liegen in Menswear und Sports Performance sowie in der Verbindung klassischer Design- und Entwicklungsprozesse mit 3D-Technologien und künstlicher Intelligenz.