Die Vergangenheit als Versprechen

Retro

Retro is back, aber in welcher Form? ©Braxton Apana – Unsplash

Autorin: Deniz Trosdorff

Von Mode und Musik über Design und Film bis zu Social Media und Politik – Retro ist längst mehr als ein Trend. Wir holen uns Vergangenes zurück, weil es vertraut wirkt. Doch zwischen Inspiration und Verklärung liegt ein ziemlich schmaler Grat.

WERBUNG

Es gibt diesen Moment, in dem etwas aus der Vergangenheit plötzlich wieder sehr gegenwärtig aussieht. Eine Silhouette, die man eigentlich längst vergessen hatte. Ein Schuh, den man aus alten Fotos kennt. Ein Song, der nach Jugendzimmer klingt. Ein Möbelstück, das schon bei den Eltern stand, oder ein Kleidungsstück, bei dem man sofort denkt: Das kenne ich doch.

Retro funktioniert über Wiedererkennung und vielleicht liegt genau darin seine besondere Stärke. Denn in einer Gegenwart, die von politischen Unsicherheiten, wirtschaftlichem Druck, technologischen Umbrüchen und einer immer schnelleren digitalen Welt geprägt ist, wirkt das Vergangene verlockend. Es ist bekannt, es hat Geschichte und wir wissen bereits, wie es aussieht. Wissen wir aber auch noch, wie es wirklich war?

Die Vergangenheit als Sehnsuchtsort

Nostalgie muss nicht zwingend auf eigener Erinnerung beruhen.  © Unsplash/Joel Gutierrez

Dass Nostalgie längst mehr ist als ein persönliches Gefühl, zeigt auch die Wissenschaft. Der Marketingwissenschaftler Mayukh Mukhopadhyay hat in seiner 2024 veröffentlichten systematischen Literaturübersicht „Nostalgia marketing – a systematic literature review and future directions“, Journal of Marketing Communications, 139 wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Nostalgia Marketing ausgewertet. Im Mittelpunkt standen unter anderem die Auswirkungen von Nostalgie auf Konsumentenverhalten, Identität und Markenkommunikation.

Das Interessante daran: Nostalgie muss nicht zwingend auf eigener Erinnerung beruhen. Wir können uns nach Dingen sehnen, die wir selbst gar nicht erlebt haben. Eine Generation, die die 1990er allenfalls als Kind kennengelernt hat, entdeckt plötzlich deren Ästhetik für sich. Junge Menschen tragen Vintage-Handballschuhe, hören Vinyl oder interessieren sich für Modearchive, obwohl ihre eigene Erinnerung an diese Zeit fehlt. Die Vergangenheit wird damit zum kulturellen Rohstoff.

Insbesondere die Mode ist ein besonders guter Seismograf dafür. Für Frühjahr/Sommer 2027 hat der T-Fashion Runway Index 4.855 Menswear-Looks von 166 Designern ausgewertet. 270 Looks von 80 Designern wurden dem Thema „70s Retro“ zugeordnet. Das entspricht 5,6 Prozent aller analysierten Looks, im Vergleich dazu 4,6 Prozent in der Vorsaison. Retro ist damit nicht nur ein Gefühl. Es lässt sich auf den internationalen Laufstegen ziemlich konkret beobachten. Die spannendere Frage lautet allerdings: Was genau holen wir da eigentlich zurück?

Gutes Retro, schlechtes Retro kopiert

Tauchen wir doch in die F/S-2027-Kollektionen ein, die zeigen, dass es darauf sehr unterschiedliche Antworten gibt. Die italienische Fashionbrand ZEGNA beispielsweise nahm für Frühjahr/Sommer 2027 eine inzwischen fast verschwundene italienische Tradition zum Ausgangspunkt: die „villeggiatura“, also den sommerlichen Aufbruch ganzer Familien in eine Strandvilla. ZEGNA-Chefdesigner Alessandro Sartori übersetzt diese Erinnerung in eine ausgesprochen 1970er-Jahre-geprägte Menswear. Weitere Hosen, Safari-Jacken mit markanten Kragen, Grandfather-Cardigans, Strick-Shirtjacken und Braun- sowie Karomuster riefen eine Zeit herauf, die modisch längst mehrfach wiedergekommen ist. Doch Sartori beließ es nicht bei der nostalgischen Oberfläche. Historische Jacquard-Webstühle aus den 1950er- und 1960er-Jahren wurden mit modernen ZEGNA-Garnen kombiniert. Leder wurde waschbar, Strick teilweise aus Leder gefertigt. Vergangenheit und Materialinnovation trafen aufeinander. Das Entscheidende ist deshalb nicht, dass ZEGNA die 1970er zitiert, sondern wie. Die Auswahl beweist vorbildlich, dass Nostalgie nicht nur rezitiert, sondern historische männliche Kleidungsarchetypen neu formuliert werden. Gutes Retro schaut zurück, um nach vorn zu kommen.

Bad, not bad?

Auch das britische Kultlabel BURBERRY zeigt, wie sich ein Traditionshaus mit seiner eigenen Vergangenheit auseinandersetzen kann, ohne in ihr stecken zu bleiben. Kreativdirektor Daniel Lee holte für die Kollektion Frühjahr/Sommer 2027 die britische Textildesignerin Celia Birtwell ins Boot, die Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre gemeinsam mit Ossie Clark die britische Mode prägte. Ihre floralen Muster und charakteristischen Illustrationen wurden in die BURBERRY-Welt übersetzt. Gleichzeitig löste Lee die bislang sehr stark auf Trenchcoat und klassische Gabardine konzentrierte Ästhetik auf: Gewaschener Denim, technische Materialien, florale Prints, sportivere Elemente und bewusst zerknitterte, teilweise „unperfekt“ wirkende Oberflächen kamen hinzu. Das Ergebnis ist interessant, weil das Haus seine Geschichte nicht versteckt, sondern sie erweitert. Lee formulierte es sinngemäß als Suche nach dem Menschlichen: Rüschen, Unregelmäßigkeiten und kleine Imperfektionen sollten Luxus weniger glatt und kontrolliert wirken lassen. Auch hier wird Vergangenheit also nicht zum Museum, sondern wird zum Ausgangspunkt.

WERBUNG

Modisches Bewusstsein

Von der Mode zur Musik

Dass Retro so gut funktioniert, liegt allerdings nicht allein an der Kleidung. Musik macht seit Jahrzehnten vor, was Mode gerade wieder besonders intensiv betreibt: Sie sampelt, zitiert, zerlegt Bestehendes und setzt es neu zusammen. Vinyl, analoge Fotografie, alte Kameras, Kassetten, Polaroids oder Möbelklassiker erleben Aufmerksamkeit, obwohl die technischen Alternativen längst bequemer und effizienter sind. Vielleicht liegt darin ein Teil der Erklärung. Das Analoge besitzt etwas, das der digitalen Gegenwart fehlt: Materialität. Eine Schallplatte muss aus ihrer Hülle genommen werden, eine analoge Kamera braucht Film. Was wäre ein altes Möbelstück ohne Gebrauchsspuren, die Erinnerungen mit sich bringen? Ein Vintage-Kleidungsstück erzählt allein durch seine Oberfläche bereits eine Geschichte. Das bedeutet nicht, dass früher alles besser war, sondern bedeutet vielmehr, dass wir wieder stärker Dinge schätzen, die eine Spur von Zeit tragen.

Und vielleicht erklärt das auch, warum Retro gerade in einer von KI und digitaler Perfektion geprägten Gegenwart so attraktiv ist: Das Alte wirkt nicht automatisch besser. Aber es wirkt häufig menschlicher, weil es seine Entstehung sichtbar macht.

„Babylon Berlin“ und die schöne Illusion

@Frédéric Batier/X Filme Creative Pool/ARD Degeto Film/WDR/SWR/HR/Radio Bremen/Beta Film/BDA Creative/Hintergrund KI-generiert (S2+)

Kaum ein Beispiel zeigt die Ambivalenz von Retro besser als die deutsche Kultserie „Babylon Berlin“. Die Serie macht die späten 1920er-Jahre zu einem audiovisuellen Erlebnis: Mode, Musik, Architektur, Clubs und Straßenbilder. Die Weimarer Republik wird greifbar, glamourös und düster zugleich. Doch gerade deshalb ist „Babylon Berlin“ kein einfaches Nostalgieprodukt. Die Medienwissenschaftler Andreas Blödorn und Stephan Brössel beschreiben die Serie als eine filmische „(Re-)Modellierung“ der Weimarer Republik. Die Vergangenheit wird also nicht einfach abgebildet, sondern aus heutiger Perspektive neu konstruiert. Das macht die Serie so interessant. Denn hinter Charleston, Maßanzügen und Nachtleben liegen politische Gewalt, soziale Ungleichheit, Antisemitismus, wirtschaftliche Not und der Aufstieg radikaler Kräfte. Das schöne Bild der Vergangenheit wird permanent von ihrer Realität gestört. Vielleicht brauchen wir genau diese Störung. Denn Retro wird problematisch, wenn nur noch die Oberfläche übrig bleibt.

Die „perfekte“ Welt der Tradwives

Geblümte Kleider, Schürzen, Backen, Einmachen, Kinder, Hausarbeit und Ehemann © Unsplash/Marisa Howenstine

Besonders deutlich wird das in den sozialen Medien. Die sogenannte Tradwife-Ästhetik arbeitet mit Bildern einer vermeintlich einfacheren Vergangenheit: geblümte Kleider, Schürzen, Backen, Einmachen, Kinder, Hausarbeit und Ehemann. Eine bewusst nostalgische Bildsprache, die das traditionelle Familienmodell als Gegenentwurf zur modernen Welt inszeniert. Dabei muss man differenzieren. Nicht jede Frau, die gerne kocht, näht, zu Hause bleibt oder ein traditionelles Familienmodell lebt, verfolgt damit eine politische Agenda. Aber Ästhetik kann politisch werden.

Die Forscherinnen Kate Scott und Lindsay Day untersuchten für ihre Studie „TikTok tradwives: femininity, reproduction, and social media“ 102 Beiträge von 61 Influencerinnen. Sie beschäftigen sich mit der Verbindung von traditionellen Geschlechterrollen, Reproduktionsvorstellungen und kolonialer Nostalgie sowie mit der Frage, wie bestimmte Tradwife-Inhalte antifeministische und rechtsextreme Diskurse normalisieren können. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass alle Tradwives rechtsextrem sind. Es zeigt aber, wie nostalgische Bilder funktionieren können: Sie lassen eine gesellschaftliche Ordnung attraktiv erscheinen, ohne automatisch mitzuerzählen, welche Menschen in dieser Ordnung weniger Rechte, weniger Möglichkeiten oder überhaupt keinen Platz hatten. Die Vergangenheit wird zur ästhetischen Kulisse. Und genau da wird Retro problematisch.

Wenn Erinnerung politisch wird

 „Früher war alles besser“© Unsplash/Annie Spratt

Damit sind wir bei der politischen Dimension. „Früher war alles besser“ ist keine neue politische Botschaft. Neu ist vor allem die Geschwindigkeit, mit der sie sich heute über Bilder verbreiten lässt. Ein Outfit reicht. Ein kurzer Film. Eine Musiksequenz. Ein sorgfältig kuratiertes Instagram- oder TikTok-Video. Nostalgie kann komplexe gesellschaftliche Entwicklungen auf eine sehr einfache Erzählung reduzieren: Früher gab es Ordnung. Früher waren Familien intakt. Früher waren Männer noch Männer. Früher wusste man, was richtig und falsch ist. Nur: für wen? Jede Gesellschaft erinnert sich selektiv. Sie bewahrt bestimmte Bilder und blendet andere aus. Der gut gekleidete Vater, die Hausfrau im geblümten Kleid, das Einfamilienhaus, die vermeintlich sichere Arbeitswelt – solche Bilder funktionieren als Sehnsuchtsmotive. Aber Vergangenheit ist kein Moodboard. Sie besteht nicht nur aus Farben, Schnitten und Musik, sondern auch aus Machtverhältnissen, Ausschlüssen, Konflikten und Entscheidungen. Vielleicht sollte man deshalb bei jedem Retro-Trend einmal genauer hinsehen und fragen: Was genau vermissen wir hier eigentlich?

Die Vergangenheit gehört uns nicht allein

Trotzdem wäre es falsch, Retro grundsätzlich als Rückwärtsgewandtheit abzutun. Denn Retro kann auch neugierig machen. Ein junger Mensch kann Punk entdecken, ohne 1977 erlebt zu haben. Eine 18-Jährige kann Vinyl hören, ohne jemals eine neue Schallplatte im Laden gekauft zu haben. Ein Designer kann sich mit Berliner Modegeschichte beschäftigen, ohne selbst eine Beziehung zu dieser Zeit zu haben. Die Vergangenheit wird dadurch nicht konserviert. Sie wird neu gelesen. Und vielleicht ist das sogar die spannendste Funktion von Retro: Jede Generation entscheidet aufs Neue, was sie aus der Vergangenheit mitnimmt, was sie verändert und was sie zurücklässt.

Wie kann Vergangenheit Gegenwart werden, ohne dass wir in ihr leben müssen? Vielleicht ist das beste Retro deshalb gar kein Zurück. Sondern ein ziemlich genauer Blick zurück. Nicht, um dort wieder zu leben. Sondern um besser zu verstehen, warum wir uns gerade jetzt danach sehnen und wohin wir vielleicht auf keinen Fall zurückwollen.