Autorin: Tays Jennifer Köper-Kelemen
Ob Alltags-Outfits auf den Straßen oder Designerkreationen auf den Laufstegen – immer wieder neu fallen Looks ins Auge, die mit Referenzen an vergangene Jahrzehnte wohlige Nostalgie-Gefühle und Erinnerungen an vermeintlich „einfachere“ Zeiten wecken. Und dies gefühlt nicht erst seit heute oder gestern, vielmehr schon seit vorvorgestern.
Die Sneaker im ungezwungenen 1970er-Stil, das Poloshirt im adretten 1950er-Chic und die Lederjacke mit starken 1980er-Vibes – sicherlich alles zeitlos ikonische Styles, doch rechtfertigt diese Tatsache allein, dass sie als Trend fortwährend neu aufgelegt werden? Die Anknüpfung an Vertrautes wirkt vielversprechend im Hinblick auf kommerziellen Erfolg – gerade in schwierigen Krisenjahren. Doch Kritiker verweisen nicht unbegründet darauf, dass ein stumpfes Kopieren der Vergangenheit, zulasten von Kreativität, eben doch auch genau das Gegenteil von gewinnbringender Anerkennung hervorrufen kann, ein Stagnieren, das ausgerechnet in der Mode ganz und gar nicht funktioniert. So gesehen, darf das Stilmittel „Retro“ als Dauerbrenner in den Kollektionen eigentlich überhaupt als Trend und wichtiger Impulsgeber Gültigkeit haben?
Wichtig zu verstehen ist: Ein Retro-Trend ist dann ein gutes „Retro“-Motiv, wenn es als solches wegweisend die Gegenwart aufbricht, stilistisch neue Eindrücke und Wechselwirkungen schafft, unerwartete Bilder entwirft. Es geht in der Sache ganz klar um Reaktualisierung, nicht um Replikation. Der momentan wachsende und boomende Secondhand-Markt treibt das Interesse für Designs an, die mit früheren Epochen in Verbindung stehen, und umgekehrt. Ein Beweis für die real existierende Sehnsucht nach dem Gestern. Dabei muss man zwischen echten Vintage-Teilen und Retro-Mode unterscheiden. Während einerseits originale Schnitte, Individualität und eigene Geschichte die Basis bilden, sind es andererseits moderne Passformen und historische Ästhetiken. Prinzipiell kommt es für beide Kategorien darauf an, eine Kombination zu treffen, die nicht einfach nur bereits Dagewesenes nachahmt. Doch für Retro-Mode scheint diese Auflage noch einmal mehr zu gelten. Es sind die Fragen nach dem „Warum“ und „Wie“, die sich im Abgleich zum Original verstärkt aufdrängen: Warum belebt man einen Look neu? Und wie integriert man ihn gestalterisch sinnvoll in ein Gesamtkonzept? Und erst, wenn diese Fragen kreativ und schlüssig beantwortet sind, schafft man einen Sprung über die Zeit hinweg – von gestern bis hin zu heute und morgen.
