Look back

EDITORIAL

Markus Oess ©FT

Wer sagt, früher war alles besser, dem antworte ich: Früher war alles aus Holz. Mir jedenfalls verursacht es schon körperliches Unwohlsein, wenn ich auf die Ereignisse in Sachsen-Anhalt schaue. Wie ist es nur möglich, mit einer völkischen Ideologie und entsprechend inhaltslosen, sinnentleerten, rassistischen Parolen Wahlen in unserem historisch so stark vorbelasteten Land zu gewinnen? Dazu kommen die Verklärung von Ostdeutschland und Gesinnungsfahrten mit dem ostdeutschen Kultmoped Simson. Ausgerechnet! Simson geht auf eine jüdische Familie aus Suhl in Thüringen zurück. Die Brüder Löb (Loeb) und Moses Simson gründeten das Werk Mitte des 19. Jahrhunderts. Unter den Nationalsozialisten wurde die Familie verfolgt und 1936 gezwungen, das Werk zu verkaufen. Sie floh in die USA. In der DDR wurde der Betrieb zum Volkseigenen Betrieb und dort entstanden besagte Mopeds. Die Nachfahren leben heute in den USA und wehrten sich im Februar 2026 öffentlich dagegen, dass die AfD die Mopeds als politisches Symbol nutzt. Familiensprecher Dennis Baum sagte laut dpa: „Wir empfinden jegliche Verbindung mit der AfD als abstoßend und als eine Beleidigung unseres Namens.“ Er nannte die Nutzung eine „Verhöhnung unserer Geschichte“. Der Name dürfe auf keinen Fall zum Symbol der AfD werden.

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Mindestens ebenso erschreckend ist, wie sich die CDU selbst zerlegt und mit Stimmen aus ihren Reihen einen Landtagspräsidenten und dessen Stellvertreter wählt, die einer gesichert rechtsextremen Partei angehören. Mit Stimmen aus der, wohlgemerkt, Christlich Demokratischen Union. Was ist daran christlich und was demokratisch? Doch statt seinen Laden in den Griff zu bekommen, fabuliert Bundeskanzler Friedrich Merz lieber von „False Flag“. Vertreter dritter Parteien, die der anerkannt rechtsradikalen AfD zur Macht verhelfen, nur um der CDU zu schaden? Ernsthaft? Dass die Rechtsradikalen auch noch Unterstützung vom angeblich linken BSW erhalten, macht es eben auch nicht besser. Ich will nicht schon wieder die vielen Punkte auflisten, weshalb die AfD eben nicht durch die Demokratie geschützt werden darf, denn sie will diese abschaffen und durch ein autoritäres, rassistisches und revisionistisches System ersetzen. Und nein, sie wird sich nicht selbst entzaubern und scheitern. Diese Partei muss verboten werden! Ein Verbot ist ein legitimes Mittel, um Gefahr von unserer Demokratie abzuwenden. Genau dafür wurde es geschaffen. Selbst wenn ein Verbotsverfahren an den hohen Hürden scheitern sollte, dürfte sich die AfD kaum noch stärker als Retterin des Landes stilisieren, als es ohnehin schon der Fall ist. Der Maler Max Liebermann wohnte direkt am Pariser Platz und sah von dort aus zu, wie die Nationalsozialisten am Abend des 30. Januar 1933 mit einem Fackelzug durch das Brandenburger Tor zogen. Dabei soll er auf Berlinerisch gesagt haben: „Ick kann gar nich so ville fressen, wie ick kotzen möchte.“ Wir sollten auch deutlich benennen, dass vorgebliche Protestwähler einer anerkannt rechtsradikalen Partei ihre Stimme gegeben haben: Diese Menschen gefährden mit ihrer Stimme unseren Staat und das sollten sie sehr wohl wissen, wenn die nächsten Wahlen anstehen. Sie können in die Mitte der Gesellschaft zurückkehren, statt eine rechtsradikale Partei in die Mitte der Gesellschaft zu zerren.

Themenwechsel: Mein Kollege Márton Liszka wagt in seinem Beitrag den Blick zurück: „Retro in der Mode ist kein Zurückspulen, sondern ein Spiel mit Erinnerungen. Es erlaubt uns, etwas wiederzuerkennen und trotzdem neu zu tragen.“ Gleichzeitig warnt auch er: „Schwieriger wird es, wenn Retro mehr sein will als Stil. Wenn aus einer ästhetischen Sehnsucht eine historische Behauptung wird. Wenn aus ‚Das hatte etwas‘ plötzlich ‚Damals war alles besser‘ wird. Dann beginnt Verklärung. Und Verklärung ist nicht Erinnerung. Erinnerung sagt: Es gab etwas Schönes. Verklärung sagt: Es war schöner, weil es früher war.“ Wir haben uns diesmal mit Schönem befasst und untersuchen, warum es Evergreens gibt. „Man kann heute Ikonizität produzieren, aber ob daraus wirklich ein Klassiker wird, entscheidet die Zeit. Ein echter Klassiker muss mehrere Trends und Generationen überstehen.“ Das sagt Prof. Dipl.-Des. Joel Horwitz, Modedesigner und Professor für HAKA & Sport an der Hochschule Niederrhein, im Interview mit meiner Kollegin Katja Vaders. Sie geht der Frage nach, was genau die Faszination von Klassikern ausmacht.

Eva Westhoff hat mit Stefan Kunze, Architekt und Ladenbauer, über Retrokonzepte für den stationären Einzelhandel gesprochen und darüber, ob es Stilepochen gibt, die im Storedesign dominieren. Maximilian Fuchs macht sich Gedanken über den Kleiderschrank als Zeitmaschine. Und Deniz Trosdorff schreibt darüber, wie Retro funktioniert und warum wir uns damit Vergangenes zurückholen: Weil es vertraut wirkt. Doch zwischen Inspiration und Verklärung, betont sie, liegt nur ein ziemlich schmaler Grat. Außerdem schauen wir auf die inzwischen gestartete Menswear von zero und darauf, wie gut sie angenommen wird. Björn Krüger, Division Head zero, gibt Antworten. Zudem erklärt Mike Pedersen, Country Manager Deutschland und Österreich, warum Les Deux auf Vollpreisabverkauf statt auf Reduzierungen setzt und was hinter Soft Shops und Pop-up-Basketballplätzen steckt. Wie immer haben wir auch den traditionellen Musiktipp für Sie.

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Viel Spaß beim Lesen

Ihr

Markus Oess