„Margenarbeit ist jetzt Überlebensarbeit“

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Vier Anwendungen werden laut h+p im Bekleidungshandel Standards setzen. ©Ronald Candonga auf Pixabay

Autor: Markus Oess

Jeder zweite stationäre Modehändler schrieb 2025 laut BTE rote Zahlen. Plattformen wie TEMU und SHEIN, eine anhaltende Rabattspirale und Kosten, die sich nicht weitergeben lassen, setzen die Marge unter Druck, höhere Preise lassen sich kaum durchsetzen. Christoph Schwarzl und Felix Groß-Vallee von h + p sehen den Hebel deshalb in den Prozesskosten und damit in der IT. Im Interview mit FASHION TODAY erklären sie, wie eine moderne IT-Struktur aufgebaut sein sollte, warum schlechte Stammdaten das größere Problem sind als alte Systeme und weshalb gerade kleine Häuser mit nur einem Standort Software besser mieten als bauen. Sie sprechen über den Datenaustausch mit Lieferanten, die neuen Pflichten durch die NIS2-Richtlinie und die Risiken offener Zugänge entlang der Lieferkette. Außerdem geht es um die KI-Anwendungen, die im Modehandel in zwei bis drei Jahren Standard sein dürften, und um die Frage, was Händler investieren müssen. Laut EHI fließen im Handel knapp 2 Prozent des Nettoumsatzes in die IT.

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„Entscheidend ist Datendisziplin, nicht Systemgröße.“  Christoph Schwarzl ©h+p

FASHION TODAY: Wie schätzen Sie die aktuelle Margensituation im Handel ein und wo drückt der Schuh am meisten?
Christoph Schwarzl: „Dramatisch und zugleich struktureller Natur. Jeder zweite stationäre Modehändler schrieb 2025 laut BTE rote Zahlen. Plattformen wie TEMU und SHEIN, eine anhaltende Rabattspirale und nicht weitergebbare Kosten drücken aufs Ergebnis. Margenarbeit ist jetzt Überlebensarbeit. Preiserhöhungen lassen sich schwerer durchsetzen, aber in den Prozesskosten liegt noch Potenzial. Ob das gelingt, entscheidet auch die IT-Struktur. Eine leistungsfähige IT macht den Unterschied bei Transparenz, Tempo und Entscheidungsqualität und sie zeigt, wo Ware und Marge tatsächlich liegen, und verkürzt die Reaktionszeit von Wochen auf Tage.“

Wie sollte die IT-Struktur eines modernen Handelsunternehmens heute idealerweise aussehen?
Felix Groß-Vallee: „Drei Schichten, klar getrennt: erstens ein standardnahes Kern-ERP, im besten Fall ohne Eigenentwicklungen. Zweitens eine zentrale Daten- und Integrationsschicht auf GS1-Standards, aufgebaut nach dem API-First-Prinzip, mit einem Bestand als Single Source of Truth über alle Kanäle. Drittens austauschbare SaaS-Satelliten für Kasse, Shop, Disposition und Analytics. Querschnittlich bedeutet das: Eine moderne IT-Struktur braucht Informationssicherheit und Identity Management als übergreifende Basis und muss bei Best-of-Breed-Ansätzen von Anfang an ein Integrationsbudget vorsehen.“

Dass größere Unternehmen IT und Daten zur Margenverbesserung nutzen, ist klar. Aber wie sieht es bei kleineren Häusern mit nur einem Standort aus?
Schwarzl: „Hier gilt es zu mieten, statt zu bauen. Cloud-Warenwirtschaft mit integrierter Kasse und automatischer Disposition ist heute Commodity und ohne eigene IT-Abteilung betreibbar. Entscheidend ist Datendisziplin, nicht Systemgröße. Der eigene Vorteil sind kurze Entscheidungswege. Unser Rat: ein System, wenige Prozesse, konsequent durchgehalten.“

Wo hakt es in der Praxis am häufigsten: veraltete Systeme, fehlende Schnittstellen oder mangelnde Datenqualität?
Groß-Vallee: „In dieser Reihenfolge: Datenqualität, Schnittstellen, Systemalter. Bei mehreren Hundert Attributen je Artikel werden fehlerhafte Stammdaten zum Engpass aller Folgeprozesse. Schnittstellenprobleme sind meist Folge, nicht Ursache. Und ein gepflegtes altes ERP schlägt ein neues mit schlechten Daten. Deshalb: erst Datenverantwortung, dann Integration, zuletzt Systemwechsel.“

Wie gut funktioniert der Datenaustausch mit Lieferanten aktuell und wo sehen Sie den größten Nachholbedarf?
Groß-Vallee: „Wir sehen den Datenaustausch zweigeteilt. Mit A-Lieferanten läuft EDI weitgehend automatisiert. Im Longtail dominieren Mail, PDF und Telefon und genau dort entstehen die Bestandsfehler. Größter Nachholbedarf sind Verfügbarkeits- und Lieferzeitdaten in Echtzeit. Der Hebel liegt nicht in neuen Formaten, sondern in verbindlichen Service-Levels für die Datenlieferung.“

Wie wichtig wird Datensicherheit, wenn Handel und Lieferanten enger vernetzt werden?
Schwarzl: „Sie wird von der IT-Aufgabe zur Vorstandspflicht. Seit Dezember 2025 gilt NIS2 für rund 30.000 Unternehmen, verbunden mit Meldepflichten, Lieferkettensicherheit und Bußgeldern bis 10 Millionen Euro, die Geschäftsleitung ist ausdrücklich verantwortlich. Je enger die Vernetzung, desto mehr wird Sicherheit zum Lieferantenkriterium. Entsprechende Nachweise gehören daher in die Rahmenverträge.“

Wo lauern die größten Risiken beim Datenaustausch entlang der Lieferkette?
Groß-Vallee: „Nicht im EDI-Format, sondern in den Zugängen: offene Fernzugänge von Dienstleistern, ungepatchte Portale, Schnittstellen-Accounts ohne Multifaktor-Authentifizierung, unverschlüsselte Cloud-Konnektoren. Das schwächste Glied ist meist der kleinste Partner. Gegenmittel: Netzsegmentierung, zeitlich begrenzte Zugänge, Multifaktor-Authentifizierung und getestete Wiederherstellung.“

Wie wird künstliche Intelligenz aktuell im Bestandsmanagement eingesetzt?
Schwarzl: „Im Modehandel dort, wo die Marge entschieden wird: bei Größen, Verteilung und Abschriften. Verbreitet sind KI-gestützte Erst- und Nachallokation auf SKU-Ebene, also nach Größe und Farbe je Filiale, Umlagerungsvorschläge zwischen Standorten und Reduzierungssteuerung innerhalb der Saison.“

„Wir sehen den Datenaustausch zweigeteilt. Mit A-Lieferanten läuft EDI weitgehend automatisiert. Im Longtail dominieren Mail, PDF und Telefon und genau dort entstehen die Bestandsfehler.“ Felix Vallee ©h+p

Welche KI-Anwendungen erwarten Sie in den kommenden zwei, drei Jahren als Standard?
Groß-Vallee: „Vier Anwendungen werden im Bekleidungshandel Standard: erstens filialgenaue Größenkurven statt pauschaler Größenschlüssel im Einkauf. Zweitens KI-gesteuerte Abschriften, also wann, wo und wie stark reduziert wird. Drittens Prognosen für Neuware ohne Verkaufshistorie über vergleichbare Artikel. Viertens Assistenz für Verkaufspersonal mit Echtzeitzugriff auf Größen und Bestände aller Filialen. Die vollautonome Order erwarten wir in diesem Zeitraum noch nicht als Branchenstandard.“

Wo sehen Sie Gefahren beim Einsatz von KI, etwa bei Fehlprognosen, Abhängigkeiten oder beim Datenschutz?
Schwarzl: „Alle drei, unterschiedlich scharf. Fehlprognosen sind mit Leitplanken beherrschbar. Gefährlicher ist der Lock-in ohne Exit-Szenario. Datenschutz und EU AI Act verlangen Transparenz und Dokumentation. Am meisten unterschätzt wird schlechte Datenqualität: Sie erzeugt plausible, aber falsche Ergebnisse, die niemand hinterfragt.“

Wie hoch sind die Investitionen, die Unternehmen für eine spürbare Verbesserung tatsächlich einplanen müssen?
Groß-Vallee: „Der Handel investiert laut EHI knapp 2 Prozent des Nettoumsatzes in IT. Wer unter 1 Prozent liegt, finanziert meist nur den Betrieb. Für ein spürbares Bestands- und Datenprojekt kalkulieren wir einmalig zusätzlich 0,2 bis 0,5 Prozent vom Umsatz über zwei Jahre und davon mehr als die Hälfte für Prozessarbeit, nicht für Lizenzen. Für Einzelstandorte bedeutet dies einen mittleren fünfstelligen Betrag. Beides sind Erfahrungswerte.“

Die Interviewpartner

Christoph Schwarzl als Partner bei hachmeister + partner ist der Experte für IT-Strategie und digitale Transformation im Handel und in der Industrie. Sein Fokus liegt auf zukunftsfähigen IT-Strukturen, effizienten Prozessen und dem strategischen Einsatz neuer Technologien, von der Analyse bis zur Implementierung.

Felix Groß-Vallee ist Partner bei hachmeister + partner und Experte für IT- und Unternehmenstransformation. Sein Fokus liegt auf der modernen Ausrichtung komplexer IT-Landschaften sowie der strategischen Weiterentwicklung von Geschäftsmodellen in Handel und Industrie.