Mit Negroni und Rotkohl in die vierte Dimension

„Was mir am Anzug Spaß macht, ist nicht seine Zeitlosigkeit, sondern im Gegenteil seine immer wechselnde modische Ausprägung.“ Carl Tillessen ©Martin Mai

Autor: Andreas Grüter
Zum Start in den Herbst haben wir uns auf ein Kaltgetränk mit dem Trendanalysten, Berater, Autor, Designer und Hans Dampf in allen modischen Gassen Carl Tillessen getroffen. Im Gespräch geht es um Fluchten aus der Provinz, Rennradfahren in Berlin und das überschätzte Ritual des Morgenkaffees. Viel Spaß bei der Lektüre.

WERBUNG

FT: Der Herbst klopft an die Tür. Mit welchem Kaltgetränk wollen wir ihn begrüßen?
Carl Tillessen: „Mit einem Aperitif, der möglichst schnell betrunken macht, wie dieser Negroni hier.“

Und was kommt dazu auf den Teller?
„Ein typisches Herbstessen, das möglichst schnell wieder nüchtern macht, wie Wild mit Knödeln und Rotkohl.“

Sie haben mit der eher nüchternen BWL und der kulturell und gesellschaftlich neugierigen Kunstgeschichte zwei auf den ersten Blick recht gegensätzliche Studiengänge hinter sich.
Was hat Sie in die Arme der Mode getrieben?

„Ich fühlte mich eher magisch hineingezogen als hineingetrieben. Als analoger Kunstgeschichtsstudent musste man in Kunstbuchhandlungen gehen. Ich hätte mir dort Bildbände über Giorgio Vasari vornehmen sollen, habe mir aber welche über Giorgio Armani angesehen.“

Wie sahen die Zukunftspläne des 16-jährigen Carl Tillessen aus?
„Ich bin zu Zeiten, in denen es noch kein Internet gab, in einer provinziellen Kleinstadt aufgewachsen. Mehr als alles andere wollte ich der geistigen und ästhetischen Beschränktheit entfliehen, zu der ich dadurch verdammt war.“

„In den ersten zwanzig Jahren meiner Berufstätigkeit haben Texte gar keine Rolle gespielt. Insofern bin ich sehr überrascht darüber, mein Geld jetzt ausschließlich mit Textbeiträgen, Büchern und Keynotes zu verdienen.“

Der Anzug: Für Sie Notwendigkeit oder Passion?
„Da ich zum Beispiel zu unserem Kaltgetränk hier ohne jede Notwendigkeit einen Anzug trage, eindeutig Passion. Was mir am Anzug Spaß macht, ist nicht seine Zeitlosigkeit, sondern im Gegenteil seine immer wechselnde modische Ausprägung.“

Wenn ich das Rad der Zeit zurückdrehen könnte, würde ich Folgendes ändern:
„Vieles. Wäre ja bedenklich, wenn ich in den letzten Jahrzehnten gar nichts dazugelernt hätte.“

Das hat mein Leben nachhaltig geändert.
„Die Zusammenarbeit mit Menschen wie Daniela Biesenbach, Dirk Jacoby, Alfons Kaiser und Gerd Müller-Thomkins.“

Eine berufliche Herausforderung, die mich kicken würde.
„Einen Film drehen.“

Eine sportliche Herausforderung, die ich unbedingt noch angehen möchte.
„Im Moment bin ich fitter, als ich es jemals war. Ich hoffe, das in ein paar Jahren aufs Neue sagen zu können.“

Ein Thema, zu dem ich nie befragt wurde, wozu ich aber viel zu sagen hätte.
„Der Attitude-Behaviour-Gap bei der Geschlechtergleichstellung.“

WERBUNG

Das hätte ich mir vor zwanzig Jahren auch nicht so vorgestellt:
„In den ersten zwanzig Jahren meiner Berufstätigkeit haben Texte gar keine Rolle gespielt. Insofern bin ich sehr überrascht darüber, mein Geld jetzt ausschließlich mit Textbeiträgen, Büchern und Keynotes zu verdienen.“

Das kann ich mir für die Zeit in zwanzig Jahren ganz gut vorstellen:
„Mehr oder weniger das Gleiche zu machen wie jetzt, nur in einem selbstbestimmteren Rhythmus.“

Mein aktueller Lieblingsort ist …
„Ich bin gerade sehr anspruchslos und finde jeden Ort aufregend und exotisch, der anders ist als mein Homeoffice während des Lockdowns.“

Hierauf kann ich gut verzichten.
„Kaffee am Morgen.“

Und das ist für mich unverzichtbar!
„Dusche am Morgen.“

Ich habe drei Wünsche frei und wähle …
„Mir das vorzustellen, fällt mir gerade so schwer, wie mir die Unendlichkeit vorzustellen oder eine vierte Dimension.“

Fahrrad oder Auto?
„In Berlin kann ich alles mit meinem Rennrad machen. Außer wenn es regnet. Oder kalt ist. Oder dunkel. Oder wenn Kopfsteinpflaster oder Schlaglöcher auf der Strecke sind. Oder wenn ich mit meiner Freundin unterwegs bin. Oder mit meiner Tochter. Oder wenn ich eine Tasche dabeihabe.“

Mein größter Fehler ist …
„Da braucht es schon mehr als einen Negroni, damit ich mich traue, öffentlich über meine größten Fehler zu sprechen.“

Selbst kochen oder bestellen?
„Weder noch. Ich muss drei Jahre Auswärtsessen nachholen!“

Gitarre oder Computer, Vinyl oder Spotify? Was ist Ihr Soundtrack und wie hören Sie ihn am liebsten?
„Ich liebe Popmusik mit tollen Texten, wie zum Beispiel die von den Arctic Monkeys. Eine starke Melodie ist gut. Eine starke Melodie mit starkem Text ist besser. Eine starke Melodie mit starkem Text und starkem Video ist am besten. Ich bin gerne auf YouTube und Vimeo unterwegs.“