Der Platz der leeren Versprechungen

Kommentar

Andreas Grüter, ©Peter Zembol

Autor: Andreas Grüter

Fair, nachhaltig und ökologisch korrekt lauten die aktuell zugkräftigsten Marketing-Buzzwords der Branche. Leider folgen den Worten selten echte Taten.

Man kennt das ja mittlerweile. Da läuft man durch die Stadt und wundert sich, dass plötzlich überall das grüne Modegewissen ausgebrochen zu sein scheint. Da werben die großen Vertikalen massiv mit der Nutzung von „Organic Cotton“ (wobei sie leider ganz vergessen zu erwähnen: nur in Kleinstanteilen) und verweisen mit stolzgeschwellter Brust auf die endlich veränderten Arbeitsbedingungen in den Produktionsstätten, die einem streng genommen ja natürlich überhaupt nicht gehören, aber man hat seinen Einfluss als wichtigster Auftraggeber eingesetzt und jetzt rollt endlich der Rubel für die Arbeiter. Also zumindest ein bisschen. Also zumindest mehr als früher. Und auch in den Boutiquen prangt es von den Schildern: Hier wird kein schmutziger Shit verkauft. Gut so – wenn, ja wenn es so einfach und so glaubwürdig wäre.

Weißwaschen für Anfänger

Der Dschungel an Zertifizierungen und Ecosiegeln ist nach wie vor mehr als unübersichtlich. Zwar haben sich einige Standards wie GOTS als gangbare Regelwerke etabliert, gleichzeitig hantieren zig Unternehmen mit eilig zusammengeschraubten Codes of Conduct, die betriebsamen Aktivismus vorgaukeln, wo tunlichst alles beim Alten bleiben soll. Papier ist halt geduldig, der Trend geht auch wieder vorbei und wenn es denn in der Zwischenzeit beim Kunden für ein gutes Gewissen sorgt – why not? Was fehlt, ist ein Korrektiv. Eine Instanz, die am besten globale, aber zumindest nationale Regeln gestaltet und dem Markt nicht das letzte Wort überlässt. Denn dafür ist die Lage, nicht nur im Hinblick auf Umwelt und Ressourcenvernichtung, einfach zu ernst. Und die, die es wirklich ernst meinen? Die müssen sich nach wie vor mit Geiz ist geil und Co. herumschlagen. Ein ermüdendes Geschäft.

Es ist schon alles da

Die Frage, die wie der sprichwörtliche unsichtbare Elefant im Raum steht, lautet: Brauchen wir das alles überhaupt? Brauchen wir Kollektionen im Monats- und Quartalsrhythmus? Brauchen wir künstlich geschaffene Trends, die rein gar nichts mit echten kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun haben?Reichen die Winter- und die Sommerkollektionen nicht auch aus und muss man sein wirtschaftliches Heil im textilen Overkill suchen? In unserer aktuellen Ausgabe haben wir einen Kölner Secondhandstore vorgestellt, dessen Besitzer das Dilemma und vielleicht auch dessen Lösung auf den Punkt gebracht hat: „Alles, was wir brauchen, ist bereits da. Es gibt Kleidung im Überfluss – für jeden Anlass und für jeden Geldbeutel.“ Neues, so lautet sein Credo, muss nicht her, solange das Alte nicht verbraucht ist. Das rüttelt an den Fundamenten und am Selbstverständnis der Branche, aber es ist eine Überlegung wert. Nicht weniger radikal für den Status quo ist der Blick zurück in die Geschichte, als Kleidung nicht nur an ihrer Stilistik, sondern auch an ihrer Wertigkeit und Langlebigkeit gemessen wurde. Und zur Not hat man eben zu Nadel und Faden gegriffen und umgenäht oder geflickt. Das hat dann ja alles nichts mehr mit Mode zu tun, sagen Sie? Vielleicht haben Sie recht, aber gilt das dann nicht auch für H&M und Co?