„Für uns ist die Arbeit wie ein Tagebuch“ - FASHIONTODAY

„Für uns ist die Arbeit wie ein Tagebuch“

BOTTER

Preisgekröntes Modedesign aus den Niederlanden ©Nass/Brauer Photos for Mercedes-Benz

Autor: Markus Oess

Das Designerduo Rushemy Botter und Lisi Herrebrugh hatte die Mercedes-Benz Fashion Week Frühjahr/Sommer 2019 im ewerk mit ihrem Newcomer-Label BOTTER eröffnet. Die beiden Designer zeigten erstmals ihre neue Kollektion „Al Fombra“ und mischten diese mit Looks aus ihrer schon mehrfach ausgezeichneten Kollektion „Fish or Fight“. Mercedes-Benz hat den beiden die Show im Rahmen des konzerneigenen Nachwuchsförderungsprogramms International Designer Exchange Program ermöglicht und ergänzend hierzu in der Halle C des ewerks eine Ausstellung mit Looks aller zehn Shortlisted Designer des 33rd International Festival of Fashion, Photography and Fashion Accessories in Hyères präsentiert. BOTTER hatte im April dieses Jahres den Grand Prix du Jury Première Vision gewonnen.

Auch in ihrer neuen Kollektion vereinen die zwei Designer einfache und wertvolle Materialien zu neuen Kombinationen. Die Schnitte sind oversized und kastig. Die T-Shirts und weite Hemden sind mit plakativen Drucken versehen und verkürzte Hosen und ausgestellte Jacken erzeugen eine eigene Silhouette. BOTTER ist ein reines Menswear-Label, allerdings gehen die Looks auch unisex durch. Die Inspiration für ihre Arbeit ziehen Lisi und Rushemy aus ihrer karibischen Herkunft und sie haben eine politische Botschaft: Schaut nicht einfach zu! Was die niederländischen Designertalente antreibt.

FT: Lisi, wie geht ihr an eine Kollektion heran?
Lisi: „Wir arbeiten jetzt vier Jahre zusammen, da spielen sich Abläufe ein, aber das ist kein durchgetakteter Prozess. Am Anfang steht die Recherche, eine Idee oder ein Gefühl. Das scribble ich und Rushemy schaut sich das an oder auch umgekehrt.“
Rushemy: „Aus dem zweidimensionalen Bild wird ein dreidimensionaler Entwurf, den wir dann in Form, Materialien und Zutaten konkretisieren. Wir arbeiten immer noch händisch und verzichten beim Design ganz bewusst auf den Computer. Mode ist Inspiration und lässt sich nicht in Recheneinheiten ausdrücken.“

Wie würdest du die neue Kollektion beschreiben?
Lisi: „Energiegeladen, ausdrucksvoll, aber auch gleichzeitig bunt, verspielt und elegant.“

Welchen Trends folgt ihr in der Kollektion?
Rushemy: „Trends sind für uns nicht wichtig. Für uns ist die Arbeit wie ein Tagebuch. Wir halten Gefühle, Gedanken und Erlebtes fest und bringen diese Dinge durch unsere Mode zum Ausdruck. Durch das Design, die Wahl der Stoffe zum Beispiel, den Kontrast von Luxus und Armut, von Basics und Avantgarde. Einfach und direkt.“

Wie wichtig ist euch eure karibische Identität?
Rushemy: „Sie ist extrem wichtig, sie ist unsere DNA. Die Materialien, die wir einsetzen, die Farben, die wir wählen, haben immer auch einen karibischen Bezug. Der karibische Mann kleidet sich mit einer lässig-natürlichen Eleganz, die wir lieben.“

Was meint ihr mit „Fish or Fight“, wie ihr eure Kollektion genannt habt, für die ihr auch ausgezeichnet wurdet?
Lisi: „Die Menschen in unserer Heimat leben traditionell vom Fischfang. Aber viele Familien schicken ihre Kinder in die USA oder nach Europa, um ihnen Bildung und die Chance auf ein besseres Leben zu verschaffen. Aber sie sind meist 16, 18 Jahre alt und müssen wirklich kämpfen, um sich in der neuen Heimat zu behaupten. Es gibt auch viele, die scheitern und zurückkehren. Sie haben die Wahl zwischen Fisch, der Heimat, in der sie geboren wurden, und dem Kampf in einem fernen Land um eine vermeintlich bessere Zukunft. Das wollen wir durch diese Worte zum Ausdruck bringen und das ist die Kernaussage unserer Kollektion, die uns unter anderem hierher nach Berlin gebracht hat. Eine aufregende Stadt übrigens, die wir auf jeden Fall wieder besuchen werden.“

Wollt ihr einmal zurückkehren?
Rushemy: „Wir wollen nicht dort leben, aber wir wollen unseren Landsleuten mit konkreten Projekten helfen. Bildung ist ein großes Thema. Wir wollen etwas von unserem Erfolg weitergeben und eine Fashion-Plattform aufbauen. Wir haben unsere Arbeit von Anfang an international verstanden, nicht auf ein bestimmtes Land beschränkt.“

Ist eure Mode auch ein politisches Statement?
Rushemy: „Unbedingt! Wir können nicht einfach zuschauen, was in unserer Welt passiert, ohne dazu Stellung zu beziehen.“
Lisi: „In der Karibik sind Lotto-Spiele sehr populär, sie lassen die Menschen träumen und hoffen. Ganze Generationen tragen ihr Geld zu diesen Lotto-Stuben. Aber diese Lotto-Gesellschaften sind kriminell. Sie zahlen überhaupt keine Gewinne aus, sondern knöpfen den Menschen mit einem extrem geringen Aufwand ihr Geld ab. Das haben wir in einem unserer Looks verarbeitet: ,Your hope is our future.‘ Dort haben wir einen Kontrast zwischen Reich und Arm geschaffen. Wir haben edle Materialien verwendet und als Gegenpol einfache Stoffe, die die Menschen tragen, um sich vor der Sonne zu schützen. Auch die Prints, die wir appliziert haben, thematisieren das Problem.“

Wie sieht es mit der Nachhaltigkeit aus, ihr produziert alles in Belgien?
Lisi: „Genau. Uns ist Nachhaltigkeit extrem wichtig. Wir sollten mit der Mode nicht unsere Umwelt belasten. Was macht es für einen Sinn, Kleidung in Containern um den halben Globus zu schicken, nur damit sie verramscht wird oder auf dem Müll landet? Wir produzieren auch nur das, was wir verkaufen. Vermeiden von Verschwendung ist auch eine Nachhaltigkeitsstrategie.“

  • Botter-Show auf der Berlin Fashion Week FS 2019 © Photo by Stefan Knauer/Getty Images for MBFW
  • Botter-Show auf der Berlin Fashion Week FS 2019 © Photo by Stefan Knauer/Getty Images for MBFW
  • Botter-Show auf der Berlin Fashion Week FS 2019 © Photo by Stefan Knauer/Getty Images for MBFW
  • Botter-Show auf der Berlin Fashion Week FS 2019 © Photo by Stefan Knauer/Getty Images for MBFW
  • Botter-Show auf der Berlin Fashion Week FS 2019 © Photo by Stefan Knauer/Getty Images for MBFW
  • Botter-Show auf der Berlin Fashion Week FS 2019 © Photo by Stefan Knauer/Getty Images for MBFW
  • Botter-Show auf der Berlin Fashion Week FS 2019 © Photo by Stefan Knauer/Getty Images for MBFW
  • Botter-Show auf der Berlin Fashion Week FS 2019 © Photo by Stefan Knauer/Getty Images for MBFW
  • Botter-Show auf der Berlin Fashion Week FS 2019 © Photo by Stefan Knauer/Getty Images for MBFW
  • Botter-Show auf der Berlin Fashion Week FS 2019 © Photo by Stefan Knauer/Getty Images for MBFW

Wie viele Händler beliefert ihr aktuell?
Rushemy: „Wir hatten jetzt in Paris einen Showroom, das hat uns schon geholfen. Zurzeit beliefern wir um die 35 Stores, darunter auch Häuser wie das Pariser Flagship von Galeries Lafayette. Leider sind wir in Deutschland noch nicht vertreten.“

Wo seht ihr euch im Markt?
Lisi: „Wir denken, Designer wie Raf Simons, Dries Van Noten oder Martin Margiela sind ein passendes Umfeld für uns.“

Zielstrebiges Duo

Rushemy Botter und Lisi Herrebrugh ©FT

Rushemy Botter wurde in Curaçao geboren, verbrachte aber den Großteil seines Lebens in Amsterdam. Sein Modestudium begann Rushemy zunächst in Arnhem, das eher technisch ausgerichtet war. Später wechselte er zur Königlichen Kunstakademie nach Den Haag. Schnell war klar, er wird weitermachen und das an der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Antwerpen. Seine Arbeiten wurden mit jedem Jahr professioneller, Rushemy gewann Preise. Mit der Kollektion seiner Masterarbeit launchte er gemeinsam mit seiner Designpartnerin Lisi Herrebrugh die Marke BOTTER. Mit Lisi arbeitete Rushemy schon während des Studiums zusammen. Die zwei kennen sich nun schon neun Jahre. Lisi ist gebürtige Amsterdamerin, pendelte aber immer wieder zwischen der Dominikanischen Republik und den Niederlanden. Lisi wuchs zweisprachig auf. Ihre Mutter stammt von der Dominikanischen Republik, ihr Vater ist Niederländer. Auch Lisi kam schnell an die Spitze ihrer Generation. Ihr Studium am Amsterdam Fashion Institute schloss sie mit „cum laude“ ab. Lisi verfeinerte ihre Fertigkeiten, als sie studienbegleitend im Atelier VIKTOR&ROLF arbeitete und an der ersten Haute-Couture-Kollektion von VIKTOR&ROLF nach 13 Jahren mitwirkte.