Steiner & Madlaina – Cheers

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Maueraufweichende Melancholodien der zwei Klang- und Wort-Zauberinnen ©Steiner & Madlaina
Autor: Christoph Anders
Schweizer Sinnesschwestern: Nora Steiner (r.) und Madlaina Pollina ©Steiner & Madlaina

Vom zynischen Zauber der Zweisamkeit oder: Doppelt gesungen hallt besser oder: Vom Lösen und Binden, Leiden und Finden. Nicht aus dem Nichts trifft uns dies dennoch überraschend überwältigende Volle-Länge-Debüt der beiden Schweizer Sinnesschwestern. Neben zwei Kurzform-Vorläufern und der familiären Vorbelastung, die den musikalischen Erfahrungshorizont von Nora Steiner und Madlaina Pollina weit über die eigene Lebenszeit hinaus füllt, herrscht bei dem kreativen Doppel-Kopf eine geradezu geniale Geistesverwandtschaft, die sich in einer mit knappen Worten kaum zu greifenden akustischen Ausdrucksvielfalt ergießt und ergänzt. Dabei gelingt es dem perfekten Paar mit der vielinstrumentalen Unterstützung von Alex Sprave, aus auf den ersten Blick schmal scheinenden Besetzungen mitunter gewaltige, hallreiche Klangwälle anzuhäufen, zart-zerbrechliche Anfänge in emotionsreich vehemente Wogen von mitreißender Wucht zu verwandeln, wobei sie sich in einem ungemein reichhaltigen Stilfundus bewegen, den sie trotz seiner generationsübergreifenden Vielfalt nicht einfach nur benutzen, sondern leben.

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Bei aller unwiderstehlich ohrgängigen Macht der maueraufweichenden Melancholodien der zwei Klang- und Wort-Zauberinnen, bei aller vom ersten Moment an packenden Emotionsenergie der mal in der balladesken Breite, mal in der trommelgetakteten Tanzeinladung wirkenden Weisen bemerkt der beeindruckte Lauscher erst beim Zweit- und Dritthören, wie viele Stil-Schubladen hier geöffnet werden. Seine eigensinnige Eigenart schöpft das Duo mit gewandter Hand aus mehr als sechs Jahrzehnten Populärmusik, hier wird mit 1950er-Rock-’n’-Roll-Wehmut und 60s’-Surf-Twang, 70er-Jahre-Liedermacher-Leidenschaft und 80s’-Independent-Pop-Zutaten gekocht, verletzliche Folk-Momente wirken neben gefühlsgreifenden Untiefen von Walker-Brothers-werter Weite; packend-perfekte Ohrwürmer, glorreich gleißende Hymnen und Balladen-Bombast von nahezu tragischer Größe werden ebenso mit Leben und Leidenschaft gefüllt wie mal unterschwellig, mal offensichtlich schlagwerkgetriebene Rhythmus-Offerten.

Christoph Anders ist der Mann für die CD-Kritik bei Glitterhouse ©Glitterhouse

Aber selbst die verführerischste Verlockung zum Tanz ist gespickt mit verbalen Stolperfallen, mal zweifelsreichen, mal zynischen Alltagseinblicken, die in ihrem zum Teil ernüchternden Realismus im schmerzhaft reizvollen Kontrast zur melancholisch-melodischen Wohlklangfülle stehen. Vorwiegend von Klavier- und Gitarrenklang getragen, aber auch immer wieder von ausufernden Saiten-Attacken, farbreichen Tasten-Tupfern und polternd-packender Perkussion befeuert, wachsen die beiden sich mal gefährlich gleichenden, sich mal so eigen, so eigensinnig gebenden Gesangsschwestern umso herzhafter im wohlklangverliebten Vokal-Paarflug zusammen, um auch zwischen zerbrochenem Glas und rücksichtsvollem Schweigen noch die Hoffnung spendende Kraft der Harmonie leuchten zu lassen. Eine von Twang und Tragik, Schwermut und Charme, Gleichklang, Größe und erstaunlicher Erfahrung geprägte Liedersammlung zweier kongenialer Kollaborateurinnen, immer ein Tick mehr Rock (’n’ Roll) als Pop, stets eher Singer-Songwriter-Chanson als Folk-Ballade, bei aller wirklichkeitsnahen, dreisprachig gereichten Wortkunst von derart deutlicher musikalischer Wucht und Wärme getragen und getrieben, dass zwischen Stil-Stühlen, Schranken und Schubladen ein leidenschaftliches Liedwerk von Genuss, Charme und bleibender Bedeutung entsteht.

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Wahrer aus Westfalen

Seit mehr als drei Jahrzehnten – ein im Independent-Musikwesen nahezu biblisches Alter – kümmert sich das Glitterhouse von Beverungen in Ostwestfalen aus um das Gute, Wahre und Bleibende in der unabhängigen Musik. Was einst als reines, echtes Fan-Werk begann, entwickelte sich bei gleichbleibender Faszination über die Jahre auf mehreren Gleisen (wobei neben Glitterhouse-Label und -Mailorder vor allem das Orange Blossom Special Festival sich innerhalb und außerhalb Deutschlands einen bemerkenswerten Ruf erspielen konnte) bis hin zur Auszeichnung „Bestes Label“ bei den VUT Indie Awards 2015. Nahezu ungebremst durch Ruhm oder Reichtum, ist man weiterhin auf der Suche nach musikalischem Neuland und berichtet von nun an monatlich an dieser Stelle von entdeckenswerten Entdeckungen.

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