Näher an Nordeuropa

Maroc in Mode

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Autor: Markus Oess

Preislich kann das Land mit den Fertigungsstätten seiner großen internationalen Konkurrenten kaum mithalten. Also setzt Marokkos Textilindustrie auf andere Stärken: Fast Fashion, flexible, kleinere Losgrößen und schnelle Transportwege aufgrund der geografischen Nähe zum alten Kontinent.

Die Messe hat ihre Flughöhe erreicht.

Auch der marokkanische Industrieminister Moulay Hafid Elalamy war gekommen. Nicht ganz grundlos, schließlich zählt die Textilindustrie zu den bedeutendsten Wirtschaftszweigen des Landes. Mit mehr als 185.000 Angestellten ist sie der größte industrielle Arbeitgeber in Marokko. Rund 140 marokkanische und internationale Aussteller präsentierten sich auf der diesjährigen Maroc in Mode – MAROC SOURCING in Marrakesch. Rund 1.000 Fachbesucher kamen zu dem Messegelände der Rennstrecke Moulay El Hassan in Marrakech aus Ländern wie Spanien, Frankreich, Portugal, Italien, Großbritannien und Deutschland. Und die zeigten dabei besonderes Interesse an den Themen Fast Fashion und Nachhaltigkeit. „Wir haben dieses Jahr beim Besuch der Maroc in Mode unseren Fokus auf die nachhaltige Produktion gelegt. Für diesen Bereich konnten wir Kontakte zu einigen interessanten Firmen im Jersey- und Jeansbereich knüpfen“, sagt Frau Petra Meierjohann, Produktmanagerin Görgens Gruppe. „Die Messe ist für uns eine gute Gelegenheit, einen Überblick über das Produktionsangebot Marokkos zu bekommen und die relevanten Betriebe zu treffen. Marokko bietet günstige Rahmenbedingungen für schnelle Lieferzeiten außerhalb von Europa.“

Peter Ressel, Head of Product and Quality, CreÏation Gross, war das erste Mal auf der Messe, wie er betont. „Wir suchen Produzenten für Casualwear und haben hierfür interessante Anbieter gefunden. Im Anschluss an die Messe haben wir noch Firmen in Casablanca besucht, organisiert von amith (Verband der marokkanischen Textil-Industrie, die Red.).“ Ressel hat zwei Betriebe gefunden, mit denen die Franken zusammenarbeiten werden. „Wir werden zeitnah mit Chinos starten und in der nächsten Saison um Wintermäntel erweitern. Die Produktion in Marokko bietet ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, wobei wir noch preisgünstigere Transportmöglichkeiten finden müssen. Mit Marokko erhoffen wir uns ein Land, welches längerfristig für uns Casualwear produzieren kann und mit schnellen Rücklieferungen punktet.“

Maroc in pics

  • Warten af die ersten Gäste

 

Neues Personal an der Verbandsspitze

Rund 140 marokkanische und internationale Aussteller

Mit Blick auf die Aussteller hat die Messe nun keine revolutionären Ereignisse zu berichten, die Veranstaltung hat seit Längerem ihre Flughöhe erreicht. So stellten Produzenten aus sechs Ländern ihr Produktionsangebot in den Bereichen Fast Fashion, Denim, Strick, Tailoring und Corporate Fashion vor, darunter Firmen aus China, Portugal und der Türkei. Letztere betrachten die Marokkaner neben Bangladesch und Tunesien als einen der großen Wettbewerber in der internationalen Textilindustrie. Immerhin rangierte Marokko 2018 bei den Bekleidungsexporten in die EU mit einem Volumen von rund 2,73 Milliarden Euro auf Rang sieben und konnte die Exporte um 3,1 Prozent steigern. Vor Tunesien zwar, aber deutlich hinter der Türkei (Rang drei mit einem Volumen von 9,78 Milliarden Euro). Preislich kann das Land mit den Fertigungsstätten ihres großen Konkurrenten kaum mithalten. Also setzt die Industrie auf andere Stärken: Fast Fashion, flexible, kleinere Losgrößen und schnelle Transportwege aufgrund der geografischen Nähe zum alten Kontinent.

Die marokkanische Textilindustrie muss auch technologisch aufholen und aus diesem Grund hat der Verband amith 2015 zusammen mit dem Industrieministerium den Acceleration Plan initiiert. Dabei sollen größere leistungsstärkere Unternehmen die kleineren mitnehmen in die moderne Textilfertigung. Dazu wurden in den letzten Jahren signifikante Investitionen unter anderem in Technologie und Nachhaltigkeit getätigt. Neuer Schwerpunkt ist es, den Upstream der textilen Wertschöpfungskette zu stärken und so die Wettbewerbsfähigkeit marokkanischer Produzenten zu fördern und deren Fähigkeit eines schnellen Markteintritts noch weiter auszubauen.

Fast Fashion im Fokus

Gleichzeitig meldet der amith personelle Veränderungen. Mohammed Boubouh als neu gewählter Präsident und neu auch Fatima Zohra Alaoui in ihrer Funktion als Managing Director sollen den Plänen des Verbandes neuen Schwung verleihen und die internationale Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Textilindustrie voranbringen. Als erster Schritt wurde die digitale Plattform www.gosourcing-morocco.com während der Messe gelauncht, die detaillierte Informationen zu Produzenten gibt, für Transparenz sorgt und direktes Netzwerken ermöglicht. Auch aktuelle Unternehmensnews werden hier veröffentlicht.

Zudem unterzeichnete der Verband am ersten Messetag zwei Partnerschaftsverträge mit UIT – Union des Industries Textiles und UFIMH – Union Française des Industries Mode & Habillement. Ziel ist es, die Kooperation zwischen der marokkanischen und französischen Textil- und Bekleidungsindustrie weiter auszubauen. 2017 wurde eine Partnerschaft mit dem portugiesischen Verband ATP vereinbart. Während Spanien und Frankreich schon traditionell starke Märkte sind, soll innerhalb der EU auch Nordeuropa angegangen werden, mit Skandinavien und Deutschland als strategischen Expansionszielen.

„Das müssen wir ändern“

„Viele Player im Markt haben Marokko nicht auf der Liste und das müssen wir ändern.“ Fatima Zohra Alaoui, Managing Director amith

Die Kommunikation in den strategischen Märkten der marokkanischen Textilindustrie muss intensiviert werden, sagt Fatima Zohra Alaoui, Managing Director amith.

FT: Frau Alaoui: Sie wollen die marokkanischen Textilfirmen zu vollstufigen Anbietern machen, die komplette Produktionsaufträge abwickeln. Das ist zwar kein Strategieshift, aber der Fokus hat sich doch verschoben. Wie wollen Sie das erreichen?
Fatima Zohra Alaoui: „Wir haben 2015 einen Plan (Acceleration Plan) erarbeitet, um unsere Textilindustrie gezielt zu modernisieren und Fertigungsstrategien zu entwickeln, die sie auf internationales Niveau heben sollen. Wir haben vieles erreicht, aber wir haben erkannt, dass wir das Tempo noch einmal erhöhen müssen. Wir müssen die Betriebe modernisieren, die gesamte Wertschöpfungskette abbilden und auch qualitativ ein besseres Niveau erreichen, um tatsächlich höhere Durchschnittspreise und damit ein beschleunigtes Wachstum realisieren zu können. Unter anderem geht es darum, beim Markteintritt in neue Märkte wie Deutschland zu helfen, aber auch im Sourcing den Zugang zu wichtigen Beschaffungsmärkten wie Stoffe oder Zutaten zu erleichtern.“

Können Sie uns ein kurzes Update geben, was seit 2015 geschehen ist?
„Wir wollen bis Ende 2020 rund 500 Millionen Euro in die Modernisierung unserer Textilindustrie investieren und bis zu 100.000 neue Jobs schaffen. Inzwischen haben wir in Zusammenarbeit mit dem marokkanischen Staat ein Volumen von 220 Millionen Euro realisieren können. Dabei geht es nicht nur um den Aufbau von Fabriken, sondern auch um Know-how-Transfer über Best-Practice-Modelle.“

Sie haben Nordeuropa als strategischen Markt definiert und wollen die Exporte nach Skandinavien und auch Deutschland erhöhen. Wie wollen Sie das schaffen?
„Viele Player im Markt haben Marokko nicht auf der Liste und das müssen wir ändern.“Wir sehen besonders Nachhaltigkeit und Fast Fashion als strategische Wachstumsfelder, auf denen wir auch international bestehen können. Während wir uns bei der Umsetzung der nächsten Schritte wieder stärker an unserem Acceleration Plan orientieren und unsere Mitgliedsunternehmen mehr einbinden wollen, werden wir auch die proaktive Kommunikation in den von Ihnen angesprochenen Märkten verstärken. Viele Player im Markt haben Marokko nicht auf der Liste und das müssen wir ändern.“