Zeit, dass sich was dreht

Konsum

Wird unsere Konsumwelt tatsächlich nachhaltiger? ©pixabay

Autor: Markus Oess

Nachhaltigkeit ist kein Kaufkriterium für Bekleidung. Zumindest nicht im Massenmarkt und Umfragen belegen dies. Wissenschaftler rufen den Klimanotstand aus und die Ausbeutung von Menschen ist immer noch an der Tagesordnung, selbst in der EU. Müssen wir jetzt resignieren? Mitnichten, es verändert sich etwas. Aber reichen Tempo und Ausmaß des Wandels aus?

Ausbeutung? Hier in Europa? In der EU? Undenkbar! Oder etwa doch? Leider ja. Die Clean Clothes Campaign empörte im Mai dieses Jahres. „Deutsche Unternehmen profitieren von Armutslöhnen im wichtigsten Modeproduktionsland Europas: Rumänien. Rumänische Näherinnen und Näher verdienen 14 Prozent eines existenzsichernden Lohnes. Die Folge: Familienangehörige fast jeder zweiten Näherin arbeiten in Westeuropa in prekären Jobs.“ Für ihr Länderprofil Rumänien hatte die Non-Profit-Organisation Recherchen der zurückliegenden sechs Jahre ausgewertet. „Fast eine halbe Million Menschen arbeitet in der Modeindustrie Rumäniens. Damit ist das Land der größte Bekleidungsproduzent Europas. Die Untersuchungen fanden eine Reihe von Auftraggebern mit Sitz in Deutschland: ALDI, BASLER, EUGEN KLEIN, ESPRIT, HUCKE, GERRY WEBER, HUGO BOSS, MARCCAIN, Peter Hahn, RENÉ LEZARD, ROFA. Viele weitere westeuropäische und nordamerikanische Modemarken lassen ihre Kleidung in den fast 10.000 rumänischen Nähfabriken und Sweatshops herstellen“, konstatiert die Organisation. Bleibt zu ergänzen, dass einige Namen aus dem Markt verschwunden sind.

Hugo Boss Headquarter
„Sozialstandards festgelegt, dass die Bezahlung ausreichen muss.“ ©Hugo Boss AG

Der Metzinger Konzern HUGO BOSS lässt in verschiedenen Ländern Osteuropas produzieren „und hat seine Lieferanten auch auf der Internetseite des Unternehmens veröffentlicht“, betont eine Sprecherin auf FT-Anfrage zu Rumänien. Es handele sich dabei um längjährige Partnerschaften. Die Einhaltung der geforderten Sozialstandards sei vertraglich geregelt. „Unsere Sozialstandards basieren unter anderem auf den Kernkonventionen der International Labour Organization (ILO) sowie der ‚Universal Declaration of Human Rights‘ der Vereinten Nationen“, sagt die Sprecherin. „Es gibt unterschiedliche Ansätze, um eine angemessene Vergütung zu definieren: Hierzu gehört üblicherweise nicht nur der gezahlte Lohn, sondern auch zusätzliche Leistungen des Arbeitgebers – wie zum Beispiel Versicherungen, Transport, Verpflegung. Im Bereich der Löhne, die einen wichtigen Teil der geforderten ‚Fair Compensation‘ ausmachen, ist der einzig verbindliche Richtwert für die gesamte Industrie momentan der jeweilige gesetzliche Mindestlohn.“ BOSS habe verankert, dass, je nachdem welcher der höhere ist, entweder der gesetzliche Mindestlohn oder der branchenübliche, angemessene Wert zu zahlen sei. „Aus der von uns durchgeführten Lohndatenerhebung wissen wir, dass bei unseren Lieferanten die Summe der Vergütungsleistungen regelmäßig über den nationalen Mindestlöhnen liegt. Zudem haben wir in unseren Sozialstandards festgelegt, dass die Bezahlung ausreichen muss, um den Grundbedarf des Mitarbeiters zu decken und ihm einen frei verfügbaren Einkommensanteil zu gewähren“, hält die Sprecherin zu Rumänien entgegen.

Ein einzelnes Unternehmen, so die Überzeugung in Metzingen, könne im Alleingang höhere Löhne sowieso nicht durchsetzen. „Dies geht nur im Rahmen verbindlicher, sektorweiter Vorgaben. Als Mitglied des deutschen Textilbündnisses werden wir uns entsprechend an der gerade entstehenden Bündnisinitiative ‚Living Wages‘ beteiligen. Wir sind zuversichtlich, dass in Zusammenarbeit mit dem Gewerkschaftsverband IndustriALL und deren Initiative ACT (Action, Collaboration, Transformation) das Prinzip der Verhandlungen zwischen Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Arbeitnehmervertretern zu Löhnen auf internationaler Ebene etabliert werden kann und die geplante Initiative damit allgemeingültige und übertragbare Ergebnisse liefern wird.“ Die Absichtserklärungen der allermeisten Modehäuser sähen aber nur auf dem Papier gut aus. Zu diesem Schluss kommt hingegen die Clean Clothes Campaign im September dieses Jahres in ihrem „Firmencheck 2019“, für den sie 45 der wichtigsten europäischen Marken unter die Lupe genommen hat. „Denn trotz gegenteiliger Versprechungen stellt immer noch keine einzige der analysierten Firmen sicher, dass ihre Näherinnen real einen existenzsichernden Lohn erhalten“,heißt es dort. Die Rede ist von 45 Marken, nicht von einer einzelnen.

„Die Mehrheit der deutschen Verbraucher ist skeptisch, wie nachhaltig die Modeindustrie sowohl in ökologischer als auch in sozialer Hinsicht agiert“, bilanzieren die Changing Markets Foundation und die Clean Clothes Campaign Anfang des Jahres. Die von Ipsos MORI im Auftrag der Changing Markets Foundation und der Clean Clothes Campaign durchgeführte Studie ergab, dass nicht einmal jeder sechste Bundesbürger glaubt, dass die Textilindustrie ihre Kunden über die Auswirkungen der Kleiderherstellung auf Mensch und Natur ausreichend informiert. Befragt wurden Erwachsene im Alter zwischen 16 und 75 Jahren in sieben verschiedenen Ländern (Vereinigtes Königreich, USA, Frankreich, Deutschland, Italien, Polen und Spanien). Insgesamt wurden 7.701 Interviews und pro Land jeweils mehr als 1.000 Interviews durchgeführt. Acht von zehn Deutschen sind der Ansicht, dass Bekleidungsfirmen mehr Informationen über ihr Umweltengagement und Maßnahmen zur Senkung der Umweltbelastung zur Verfügung stellen sollten. Sieben von zehn finden, dass die Bekleidungsunternehmen für das, was in ihren Lieferketten geschieht, verantwortlich sein sollten und dafür Sorge tragen müssen, dass Kleidung auf umweltfreundliche Weise hergestellt wird. Dabei wären immerhin laut Studie zwei Drittel der Deutschen bereit, mehr für Modemarken auszugeben, die den Beschäftigten in ihren Lieferketten gerechte Löhne zahlen. Allerdings sprechen wir von einer Spanne von 2 bis 5 Prozent des Verkaufspreises. Für Luxusgüter mag das ja stimmen, aber was ist mit der 10-Euro-Jeans?

„Die Sache zieht sich durch alle Preissegmente.“ Christiane Schnura ©Clean Clothes Campaign

„Das ist das Problem“, sagt Christiane Schnura, Koordinatorin der Kampagne für Saubere Kleidung. Und sie meint dabei nicht die 5-Prozent-Spanne für faire Löhne bei Luxusgütern. Im Gegenteil. „Die Sache zieht sich durch alle Preissegmente.“ Fairness hänge nicht vom Bankkonto ab. Sowieso schon sei das gesamte Preisgefüge schief, denn es gebe von allem viel zu viel. Die Wuppertalerin verweist auf eine GREENPEACE-Studie, wonach gerade für die jungen Konsumenten die Mode zum Wegwerfartikel verkomme und bereits nach dem ersten Tragen auf dem Müll lande. „Die Textilindustrie hat sich als eine der ersten Branchen aufgemacht in die Globalisierung, um höheren Löhnen aus dem Weg zu gehen.“ Und auch heute noch marschiert die Karawane. Inzwischen versucht sie sich eben in Schwarzafrika.

Also immer noch alles schlecht? Schnura verneint das und erkennt Fortschritte an. Die Industrie und auch die Länder bewegten sich, selbst Länder wie China oder Bangladesch. Aber längst nicht alle und schon gar nicht alle schnell genug. Dabei ist das genau eines der Probleme. Was ist ein guter, ein fairer Lohn? Mindestlohn, Durchschnittslohn oder nicht doch ein existenzsichernder Lohn, der aber eben auch verbindlich für jedes Land definiert und überwacht werden müsste? Und so ließe sich die Liste weiterführen: Was sind faire Arbeitsbedingungen, was gilt als sicher und gesundheitlich unbedenklich? „Wenn wir etwas erreichen wollen, reichen freiwillige Verpflichtungen nicht aus. Es müssen verbindliche Regeln her, die auch wirksam durchgesetzt werden können“, sagt sie. „Wir haben noch ein langes Stück weg vor uns, auch und gerade in Europa. Wir müssen schneller voranschreiten.“

Und der Umweltschutz? Auch hier gibt es viele Ankläger und Zeugen, aber eben auch unendlich viel mehr Täter. Dennoch sieht Thimo Schwenzfeier, Chef der grünen Berliner Messe NEONYT, Fortschritte. Schwenzfeier spricht ebenso von guten Chancen, auch Quick Wins einzufahren, die uns ein gutes Stück weiterbringen: „Ein Großteil setzt auf siegelzertifizierte Produktionsstätten, die faire Arbeitsbedingungen gewährleisten. Viele verwenden ausschließlich nachhaltige Fasern. Und auch die Reduktion der CO2-Ausstöße – beispielsweise durch minimierte Transportwege und neue Technologien – ist ein Thema, das viele Labels beschäftigt.“

Zurück zu BOSS in Metzingen. Dort registriert man durchaus die gewachsene Bedeutung von Nachhaltigkeit im gesellschaftlichen Bewusstsein, nicht zuletzt auch durch Bewegungen wie Fridays for Future. „In der Textilbranche kommt vermehrt die Nachfrage von Verbrauchern nach nachhaltigen Produkten und wir gehen davon aus, dass sie mittelfristig weiter steigt. Dazu bedarf es natürlich eines entsprechenden Produkt- und Dienstleistungsangebots. Qualität und Design bleiben dabei jedoch die wichtigsten Kaufkriterien“, sagt die Sprecherin. Aber: „Ein Kleidungsstück wird nicht allein aus Nachhaltigkeitsgründen gekauft, Passform, Qualität und das Design stehen weiterhin im Fokus.“ Tut BOSS also genug für Nachhaltigkeit? „Nachhaltigkeit ist integrativer Bestandteil unserer Geschäftsprozesse und wird somit in jedem Geschäftsbereich vom Design und der Herstellung unserer Produkte bis hin zu unseren Stores mitgedacht. Dazu haben wir Mitarbeiter in jedem der Bereiche, die für eine nachhaltigere Entwicklung verantwortlich sind“, erläutert die Sprecherin und listet auf: die Zusammenarbeit mit Lieferanten, das Sozialprogramm für die Lieferkette, das von der FAIR LABOR ASSOCIATION (FLA) akkreditiert ist, Initiativen wie der Bangladesh Accord und die Umstellung auf nachhaltigere Quellen etwa bei der Baumwolle. Bis 2025 sollen es mindestens 90 Prozent sein. Und da ist noch die Umwelt. „Um die Hauptauswirkungen des Klimawandels in der Lieferkette zu reduzieren, haben wir die Fashion Industry Charter for Climate Action der Vereinten Nationen unterzeichnet und arbeiten mit verschiedenen Interessengruppen der Branche an systemischen Verbesserungen, wie beispielsweise einem verbesserten Zugang zu erneuerbaren Energien“, so die Sprecherin.

Aber wird das reichen, Kritiker umzustimmen, die sagen, einen Teil der Produktion auf Biobaumwolle oder recyceltes Material etc. umzustellen und eine grüne Linie herauszubringen, sei „Greenwashing“, um die Verbraucher zu beruhigen, solange nicht gesamthaft ein Strategieschwenk kommt? „Wir legen großen Wert auf ein Nachhaltigkeitsfundament, das auf langfristigen und vertrauensvollen Beziehungen zu unseren Lieferanten basiert und auf gezielten Maßnahmen zur Reduzierung von Umweltauswirkungen. Dabei konzentrieren wir uns auf sogenannte ‚Hotspots‘, also Bereiche, in denen wir für uns die höchsten Umweltauswirkungen entlang der Wertschöpfungskette festgestellt haben.“ Die Quick Wins eben, von denen auch Schwenzfeier spricht. Ein nachhaltiger Materialeinsatz müsse gesamtheitlich gesehen werden und sei nur ein Teil der nachhaltigeren Textilproduktion. Wenn gleichzeitig wichtige Aspekte wie Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern vernachlässigt werden, sei die Kritik von „Greenwashing“ valide, räumt die Sprecherin ein.

Nico de Roy, Brand Manager von pierre cardin, sieht das ganz ähnlich, argumentiert aber ziemlich pragmatisch. „Der Kritikpunkt des Greenwashings ist durchaus nachvollziehbar, wenn Firmen lediglich aus kommerziellen Gründen ,Nachhaltigkeit‘ propagieren. Ich denke, solange die Umwelt einen Vorteil daraus erfährt, sind die Beweggründe für eine nachhaltigere Produktion nebensächlich.“ Der Kunde dürfe durchaus bei einem hochwertigen Markenprodukt erwarten, dass sowohl die ökologischen als auch die sozialen Bedingungen der Gewinnung von Rohmaterialien wie auch die der Bekleidungsfertigung über dem gesetzlichen Standard lägen. Aktuell verstärken wir unser Engagement in diesem Bereich deutlich, ohne es besonders zu kommunizieren. Für uns als Marke ist es nur positiv, dass dieses Thema angegangen wird.“

Auch BOSS spürt nach eigenen Angaben ein aufkeimendes Interesse bei den Endkunden. So gibt es Filterfunktionen, um im Online-Shop konkret nach „Responsible Styles“ zu suchen, Looks oder Kapseln, die beispielsweise mit besonders umweltfreundlichen Materialien und Prozessen hergestellt werden. „Diese werden bislang gut nachgefragt. So verkauft sich beispielsweise unser veganer Sneaker aus Ananasblattfasern wie ein herkömmlicher Ledersneaker“, sagt die Sprecherin. Übergeordnetes Ziel sei es, nachhaltigere Lösungen in der Breite unserer Kollektionen umzusetzen.

Der Konsument am Ende der Wertschöpfungskette hat es in der Hand. Die Branche, Handel wie Industrie spüren ein wachsendes Problembewusstsein beim Verbraucher und wenn der es will, wird es gut. Leider bekommt das Idyll Risse. Eine aktuelle Umfrage von YouGov kommt zu einem recht ernüchternden Ergebnis: „Fast Fashion dominiert den deutschen Kleiderschrank –‚grüne Mode‘ hat es dagegen schwer.“ Rabatte schlagen doch die Fleißkärtchen bei der Mülltrennung. Das Perwollschäfchen darf noch nicht schlafen. Aber es wäre sowieso verkürzt, einfach dem Konsumenten die Verantwortung zuzuschieben, meint Philosophieprofessor und Physiker Armin Grunwald. Klimaschutz sei kein Hirngespinst verirrter Seelen, sondern wissenschaftlich belegt. Zeit, dass sich was dreht.

„Aber ein Anfang ist gemacht“

In einem seiner Bücher („Ende einer Illusion“) sagt der Philosoph Prof. Armin Grunwald, die Sorge um Ökologie und Umwelt werde zunehmend ins Private verschoben. Nachhaltig konsumieren, so lautet die gern verbreitete Botschaft, erzeuge den notwendigen Druck, um Industrie und Handel zu zwingen, umweltfreundliche Produkte herzustellen und anzubieten. Aber das reiche nicht. Das Gelingen von Klimaschutz und Realisierung einer nachhaltigeren Gesellschaft dürfe nicht an die Freiwilligkeit von besonders motivierten Konsumentinnen und Konsumenten gebunden werden, sondern müsse verpflichtend gemacht werden, und zwar auf dem Wege unserer legitimen, aber bekanntlich teils mühsamen demokratischen Prozesse.

FT: Herr Professor Grunwald, passieren Katastrophen wie in Rana Plaza, erwacht unser grünes Gewissen zumindest für kurze Zeit. Aber im Grunde passiert recht wenig, noch immer wird in den Ländern wie Bangladesch oder Myanmar unter überaus fragwürdigen Bedingungen produziert und wir Deutschen kaufen das, solange der Preis stimmt. Warum schalten viele Konsumenten ihr schlechtes Gewissen ab und greifen zum billigen Produkt?

Armin Grunwald
Institut für Technikfolgenabschätzung
ITAS ©Karlsruher Institut für Technologie

Prof. Armin Grunwald: Wir haben jahrzehntelang eine Kultur entwickelt und uns angeeignet, in der der Preis das entscheidende, teils das einzige Kriterium für Konsumentscheidungen ist. Die ganzen Schlussverkaufsaktionen, die Rabatte, die, um eine andere Branche zu zitieren, ‚Geiz ist geil‘-Mentalität haben sich tief eingegraben. Ein ‚Schnäppchen‘ zu machen, gehört zu den großen Erfolgserlebnissen vieler Menschen, über das dann Freunden oder in der Familie stolz erzählt wird. Was über Jahrzehnte gewachsen ist, geht nicht aus guter Einsicht in wenigen Jahren weg. Das ist nicht nur bei Textilien so. Auch beim Thema Fleischkonsum hat sich zwar das Bewusstsein durchaus weitgehend durchgesetzt, dass Billigfleisch im Sinne von Nachhaltigkeit, Klimafreundlichkeit und auch Tierethik nicht unbedingt empfehlenswert ist – an den Ernährungsgewohnheiten hat sich in der Breite aber keineswegs so viel geändert, wie es das Aufkommen vegetarischer oder veganer Lokale suggerieren mag. Wir Menschen sind konservativer, als wir das von uns selbst oft glauben. Die Psychologen nennen das ‚kognitive Dissonanz‘. Gemeint ist, dass wir ganz gut in Widersprüchen leben können. Wir wissen, dass umweltbelastender Konsum schädlich und ethisch nicht verantwortbar ist. Aber wir sind sehr findig darin, auf Nachfrage Argumente zu finden, warum wir gerade doch das Auto nutzen mussten, obwohl es eine Bahnalternative gab, warum wir eine Fernreise ‚just for fun‘ machen, warum wir im Textilbereich uns nicht um die Arbeitsbedingungen in Bangladesch kümmern müssen, und so weiter. Man könnte sagen, Menschen sind kreativ und in hohem Maße anpassungsfähig – man kann aber auch sagen, sie sind opportunistisch, lavieren sich so durch, schauen nach ihrem persönlichen Vorteil. Das sind zwei Seiten derselben Medaille.“

Auf der anderen Seite gibt es auch Konsumenten, die sehr bewusst leben und gezielt weniger, dafür aber nachhaltigere Textilien kaufen. Macht sie das gleich zum besseren Menschen?
„In gewisser Hinsicht ja, in anderen Hinsichten nein. Das bewusste Leben zeigt, dass Menschen durchaus in der Lage sind, aus der genannten ‚kognitiven Dissonanz‘ auszubrechen, sich die Dinge nicht schönzureden, sondern wirklich etwas zu verändern. Und das sind in vielen Ländern über die letzten Jahrzehnte hinweg immer mehr geworden. Vielleicht noch nicht so stark im Textilbereich, aber auf jeden Fall bei Lebensmitteln und teils auch im Alltag von Konsum, Mobilität und Freizeit. Die Mehrheit sind sie dadurch noch lange nicht. Und mit dem Attribut ‚bessere Menschen‘ wäre ich sehr vorsichtig. Ja, sie setzen etwas um, was in einer größeren Breite wünschenswert wäre, darum sind sie in dieser Richtung auch sicher Vorbilder. Dennoch würde ich nicht von generell ‚besseren Menschen‘ sprechen wollen. Vielleicht gibt es darunter auch welche, die intolerant werden, die anderen ihren Stil aufdrängen wollen, statt durch das Tun einfach zu überzeugen, die unduldsam oder die in ganz anderen Hinsichten vielleicht auch unangenehme Zeitgenossen sind. Es gibt keinen Widerspruch darin, gleichzeitig ökologisch vorbildlich zu sein, aber völkische Überheblichkeitstöne in die Welt zu senden. Wenn wir von ‚besseren Menschen‘ reden wollen – ich neige dazu, diese Rede ganz zu lassen –, kommt es auf den ganzen Menschen an, nicht nur auf seine Konsumentenseite.“

Wenn es der falsche Weg ist, die moralische Verantwortung zu individualisieren, was wäre denn in Ihren Augen der richtige Weg?
„Zunächst: Ich will die individuellen Menschen nicht von Verantwortung freisprechen. Als Konsumenten genießen wir zwar Konsumentensouveränität, das ist ein hohes Gut in der liberalen Gesellschaft. Aber darauf folgt ja nicht, dass mit dem Konsum keine Verantwortung verbunden ist. Denn (fast) immer haben wir Alternativen, ob wir nun die Mobilität betrachten, den Kauf von Textilien oder Lebensmitteln, die Planung des Urlaubs und so weiter. Und wenn wir Alternativen haben, haben wir die Möglichkeit, auch die Umweltbilanz unseres Konsums mitzubestimmen, zum Beispiel durch die schiere Menge des Konsums (wie viele Hemden habe ich im Schrank und wie viele brauche ich?) oder durch die Beachtung des ‚Kleingedruckten‘, also der Herkunftsbezeichnung oder bestimmter Angaben zum Herstellungsprozess. Wir haben Einfluss und können im Konsum etwas bewirken und daher haben wir auch Verantwortung.
Mein Punkt ist aber, dass es aus zwei Gründen fehlgeleitet wäre, die Lösung der Nachhaltigkeits- und Umweltprobleme vom individuellen Konsum zu erwarten. Erstens habe ich simpel Zweifel daran, dass es gelingen wird. Denn dazu müsste nicht nur in bildungsbürgerlichen Kreisen in Deutschland, sondern quer zu allen Schichten weltweit das Bewusstsein einkehren, mit einem klima- und umweltfreundlichen Konsum das Steuer herumreißen zu können. Auch eine entsprechende Veränderungsbereitschaft müsste große Teile der globalen Konsumentenschar erreichen. Auch wenn ich ein grundsätzlich optimistischer Mensch bin: Das sehe ich auf die nächsten Jahrzehnte nicht.
Zweitens spricht ein starkes theoretisches Argument dagegen. Dass wir menschenfreundliche Bedingungen, gute Arbeitsbedingungen und ein zuträgliches Klima auf der Erde erhalten, auch für fernere Generationen, ist eine öffentliche Aufgabe, denn das geht uns alle an. Man darf jedoch öffentliche Aufgaben nicht einfach an die individuellen Menschen delegieren. Das ist vom Wesen einer Demokratie her einfach fehlgeleitet, denn die demokratischen Prozesse und Institutionen sind ja gerade zu dem Zweck da, unsere Gemeinwohlbelange und Allgemeininteressen zu identifizieren und dann auch umzusetzen. Um nur mal ein Beispiel zu bemühen: Steuern als Beitrag zur Finanzierung unserer Gemeinschaftsaufgaben zahlen wir auch nicht freiwillig, sondern auf der Basis von demokratisch legitimierten Gesetzen. Diese sorgen auch, jedenfalls der Idee nach, für Gleichbehandlung und Gerechtigkeit. Entsprechend darf das Gelingen von Klimaschutz und Realisierung einer nachhaltigeren Gesellschaft nicht an die Freiwilligkeit von besonders motivierten Konsumentinnen und Konsumenten gebunden, sondern muss verpflichtend gemacht werden, und zwar auf dem Wege unserer legitimen, aber bekanntlich teils mühsamen demokratischen Prozesse.“

Die Welt ist globalisiert – ökonomisch und politisch, die Gewinnverteilung aber, sei es im Sinne von Wohlfahrtsgewinnen oder ökonomisch, wird auf wenige Staaten/Menschen/Firmen individualisiert, die Verluste jedoch bleiben bei allen hängen. Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund das national egoistische Verhalten von Ländern wir den USA oder aktuell Brasilien auf dem Weltklimagipfel, wenn es heißt, sei egoistisch, sei rücksichtslos und sei damit erfolgreich?
„Im Selbstverständnis moderner Staaten ist ein gewisser Egoismus nicht nur angesagt, sondern auch legitim. Und die Parlamente und Regierungen sind ja den Menschen verpflichtet, von denen sie gewählt wurden, und das sind eben immer die eigenen Bürgerinnen und Bürger. Nur darf dieser Egoismus nicht zu eng und kurzfristig gedacht werden. Wenn jetzt manche Staaten beim Klimaschutz auf der Bremse stehen, könnten sie sich zwar vielleicht kurzfristig Vorteile verschaffen. Aber mittel- und langfristig werden sie die gleichen Probleme haben wie andere und dann stehen sie in der Notwendigkeit, ihre eigene Transformation Richtung Nachhaltigkeit deutlich schneller voranzubringen, als wir es jetzt tun. Und eine schnelle Transformation ist immer härter und einschneidender als ein allmählicher Übergang. So gesehen, wird in egoistischen Staaten nicht das Wohl der eigenen Bevölkerung vor das Wohl der Bevölkerung anderer gesetzt, sondern der Gewinn der jetzt in der Gegenwart Profitierenden, etwa von der raschen Regenwaldabholzung in Brasilien, wird über das zukünftige Wohl der eigenen Bevölkerung gestellt. Das nenne ich nicht nur verantwortungslos, was die Zukunft der ganzen Menschheit betrifft, sondern auch empörend gegenüber der eigenen Bevölkerung. Man redet ihr ein, alles für ihren Vorteil zu tun. Aber es ist der Vorteil von wenigen heute Lebenden, der auf Kosten der Allgemeinheit in einiger Zeit erkauft wird. Das ist unredlich. Erfolgreich ist das Handeln sicher für einige, die, um im Beispiel zu bleiben, richtig gut von der Regenwaldabholzung profitieren. Bezahlen werden dafür viele, langfristig wohl sehr viele.“

Früher haben Kriege/gewalttätige Auseinandersetzungen und Umweltkatastrophen die Welt nachhaltig verändert. Kriegen wir den Klimawandel ohne solche Einwirkungen hin und was müssen wir dafür verändern?
„Der Krieg ist der Vater aller Dinge oder, wie manche Übersetzer meinen, der Konflikt. Da ist etwas dran, aber letztlich stimmt der Satz nicht wirklich. Man denke an die nachhaltigen Veränderungen der Welt durch geistesgeschichtliche Größen wie etwa Immanuel Kant. Er hat maßgeblich die europäische Demokratiebewegung motiviert – die Durchsetzung der Demokratie war oft mit Revolution und Aufstand verbunden, nicht aber die Idee der Demokratie. Oder man denke an die gewaltigen Spuren, die Religionsstifter wie Jesus Christus oder Buddha hinterlassen haben. Große Veränderungen kommen auf vielfältige Weise zustande, nicht nur durch Mord und Totschlag, um etwas martialische Worte zu verwenden. So haben wir meiner Meinung nach durchaus eine Chance auf eine friedliche Umsteuerung zur Nachhaltigkeit. Die theoretischen Grundlagen sind gelegt. Hans Jonas hat bereits 1979 das ,Prinzip Verantwortung‘ veröffentlicht und der Bericht ,Unsere gemeinsame Zukunft‘ der Brundtland-Kommission, mit dem die Nachhaltigkeitsbewegung so richtig in Fahrt kam, wurde 1987 verabschiedet. Nun kann man sagen, okay, alles Theorie. Aber es ist auch einiges passiert seitdem. Das ist sicher nicht genug, eher nur der Anfang. Aber wir sollten uns auch nicht in eine Depression hineinreden. Es ist gelungen, durch Effizienz den Energieverbrauch vom Wirtschaftswachstum abzukoppeln. Die erneuerbaren Energien haben heute in Deutschland einen Anteil von über 40 Prozent an der Stromversorgung, vor 20 Jahren wurde darüber gelacht. Wir haben immerhin so einige Regeln, die völkerrechtliche Verbindlichkeit haben. Keine Frage: Zufrieden bin ich dennoch nicht, vieles mehr ist zu tun, und zwar dringend. Aber ein Anfang ist gemacht.

Armin Grunwald studierte Physik, Mathematik und Philosophie. Nach seinem Diplom in Physik 1983 wurde er 1987 mit einer Dissertation in der Theoretischen Festkörperphysik an der Universität zu Köln zum Dr. rer. nat. promoviert. 1998 wurde er an der Philipps-Universität Marburg in Philosophie habilitiert und erhielt die Lehrberechtigung in Philosophie an der Universität Marburg. Seit Oktober 1999 leitet er die größte Einrichtung für Technikfolgenabschätzung in Deutschland und weltweit, das Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) in Karlsruhe, seit 2002 auch die parlamentarische TA-Einrichtung in Deutschland, das Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB). 2007 übernahm er außerdem den Lehrstuhl für Technikphilosophie und Technikethik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT).