Welche Lehren ziehen?

Ausbildung im Handel

Der Handel ist wichtiger Ausbilder in der Republik, aber nicht alle Unternehmen halten sich an die Spielregeln. ©pixabay

Autor: Markus Oess
Handel ist ungefähr so sexy wie Mundgeruch. Die eigene Erfahrung lehrt nicht unbedingt, dass in jedem Laden Enthusiasten kunstfertig und voller Lust zu Werke gehen. Oft genug pendelt das Shoppingerlebnis zwischen gespenstischem Alleingelassensein und dem wahnhaften Verfolgungstrieb, dessen so mancher Verkäufer einfach nicht Herr wird. Vorurteil oder ist doch etwas Wahres dran? Tatsache ist, dass auch im Textilhandel Fachkräfte gesucht werden und gutes Personal so teuer ist, wie gute Dinge nun mal sind. Mit gelangweilten Aushilfskräften und Minijobbern jedenfalls lässt sich kaum rentables Geschäft machen, selbst im SB-Markt nicht. Aber wie sieht es aus mit der Ausbildungssituation? Bekommt die Branche genug Fachkräfte, die tatsächlich die klassische Lehre durchlaufen? Wir haben uns bei denen umgehört, die es wissen müssten: beim HDE, BTE und bei der Gewerkschaft ver.di.

Auf den ersten Blick sind die Zahlen eindrucksvoll und spiegeln natürlich auch die wirtschaftliche Bedeutung des Handels wider. „Der HDE (Arbeitgeberverband im Einzelhandel) meldete Anfang Mai, dass laut der aktuell veröffentlichten Ausbildungsmarktzahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) im Berichtsjahr 2019/2020 rund 30.000 Ausbildungsstellen für die Ausbildung Kaufleute im Einzelhandel und knapp 20.000 Stellen für Verkäufer im Einzelhandel angeboten werden“, berichtet Marcel Voges, Gewerkschaftssekretär für die Bereiche Jugendtarifarbeit/Öffentlichkeitsarbeit bei ver.di. Allerdings hat die Sache auch einen Haken, denn im Mai waren noch 19.400 Ausbildungsstellen beim Ausbildungsberuf Kaufleute im Einzelhandel und noch knapp 13.500 für den Ausbildungsberuf Verkäuferin/Verkäufer unbesetzt. „Das deckt sich auch mit dem Bild, das wir gewonnen haben: Zwar bietet der Einzelhandel viele Ausbildungsstellen an, doch aufgrund des schlechten Rufes der Branche ist eine Berufsausbildung im Einzelhandel für viele junge Leute unattraktiv und es wird immer schwieriger, alle Ausbildungsplätze zu besetzen. Die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sind dabei für den schlechten Ruf der Branche, unter anderem durch Vernichtungswettbewerb, Tarifflucht, massive Ausdehnung der Ladenöffnungszeiten und Bekämpfung von Betriebsrats- sowie Wahlen von Jugend- und Auszubildendenvertretungen (JAV) selbst verantwortlich. Hinzu kommt die Ungewissheit, wie sich angesichts des zunehmenden Online-Handels der stationäre Einzelhandel zukünftig entwickeln wird“, sagt Voges.

Die Ausbildungsqualität muss sich verbessern

Aufgrund des schlechten Rufes der Branche ist eine Berufsausbildung im Einzelhandel für viele junge Leute unattraktiv und es wird immer schwieriger, alle Ausbildungsplätze zu besetzen.“ Marcel Voges, Gewerkschaftssekretär für die Bereiche Jugendtarifarbeit/Öffentlichkeitsarbeit bei ver.di Screenshot ©ver.di

Der Gewerkschafter verweist auf den Ausbildungsreport 2018 der DGB-Jugend. Dieser hat auch gezeigt, dass der Handel in einigen Bewertungskriterien schlechter abschneidet als andere Branchen. So ergab die Erhebung, dass rund 34 Prozent der befragten Auszubildenden im Handel Überstunden leisten müssen, mehr als 40 Prozent ihr Berichtsheft nicht in der Arbeitszeit führen können und bei rund 40 Prozent die gesetzliche Ruhezeit nicht eingehalten wird. „Die Ausbildungsqualität muss sich endlich spürbar und nachhaltig verbessern. Darüber hinaus braucht es dringend eine Übernahmegarantie für die Auszubildenden“, fordert Voges, der die Vergütung im Handel differenziert bewertet. Bei den tariflichen Ausbildungsvergütungen sei in der Tarifrunde 2019 eine überproportionale Erhöhung der Ausbildungsvergütung durchgesetzt worden. Für Voges ein gutes und wichtiges Signal. „Doch längst nicht alle Auszubildenden im Handel werden nach Tarifvertrag bezahlt. Die Allgemeinverbindlichkeitserklärung der Tarifverträge wäre hier das passende Instrument, um die Ausbildungsvergütung im Einzelhandel für alle einheitlich anzupassen“, fordert er.

Voges plädiert für eine Interessenvertretung in den Betrieben. In den Unternehmen, in denen Betriebsräte sowie Jugend- und Auszubildendenvertretungen bestehen, sei die Ausbildungsqualität erfahrungsgemäß deutlich besser. Die betrieblichen Interessenvertretungen arbeiteten dann häufig an den betrieblichen Ausbildungsplänen mit und kontrollierten deren Einhaltung. Und sie hätten ein Auge darauf, dass gesetzliche Vorschriften eingehalten und Auszubildende nicht als billige Arbeitskräfte missbraucht würden.

Problemfeld Digitalisierung

Gerade der Handel ist von der Digitalisierung getroffen. Einmal, was den Strukturbruch in der Branche angeht, zum anderen auch in den operativen Prozessen. Doch noch sei der Wandel nicht abgeschlossen, sagt auch Voges. Bisher lässt sich beobachten, dass der Einsatz von digitalen Technologien die Belastung der Beschäftigten erhöht und es zur Rationalisierung von Personal kommt. Darüber hinaus besteht die Gefahr von einer stärkeren Leistungskontrolle der Beschäftigten. So können beispielsweise Handscanner detaillierte Bewegungsdaten der Beschäftigten erfassen.“ Der Gewerkschafter verweist auf Vorfälle bei dem Online-Giganten amazon, bei dem Mitarbeiter wegen kurzzeitiger Inaktivität sanktioniert worden seien. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Ausbildung im Handel. Wenn Beschäftigte zunehmend unter Druck stehen und sich die Arbeitsbelastung zum Beispiel auch durch fehleranfällige Technologien erhöht, bleibt weniger Zeit für die Berufsausbildung und Vermittlung von Ausbildungsinhalten. Gleichzeitig ist es wichtig, dass die Beschäftigten für den Einsatz der Technologien gut geschult werden, damit das Wissen an die Auszubildenden weitergegeben werden kann. Die digitale Ausstattung der Berufsschulen muss ebenfalls vorangebracht werden“, sagt Voges.

„Eine gute Ausbildung ist für viele Händler die Grundlage für die Gewinnung und Bindung von guten Fachkräften.“ Katharina Weinert ©Handelsverband Deutschland-HDE

Beim Handelsverband Deutschland – HDE mit Sitz in Berlin kümmert sich Katharina Weinert um das Thema. Sie ist Abteilungsleiterin Bildungspolitik und Berufsbildung. Nach ihrer Auffassung ist der Einzelhandel ein sehr ausbildungsintensiver Wirtschaftsbereich und wird es weiterhin bleiben. „Allein in den beiden Kernberufen des Einzelhandels Kaufleute im Einzelhandel und Verkäufer werden jährlich 10 Prozent aller Ausbildungsverträge der insgesamt 326 Ausbildungsberufe geschlossen. Darüber hinaus bilden die Handelsunternehmen in über 60 weiteren Berufen aus – unter anderem auch in dem neuen Ausbildungsberuf Kaufleute im E-Commerce“, listet Weinert auf. Und sie sieht die Ausbildungsbetriebe schon aus eigenem Interesse in der Pflicht, sollen sie nicht gegenüber anderen Branchen weiter ins Hintertreffen geraten: „Eine gute Ausbildung ist für viele Händler die Grundlage für die Gewinnung und Bindung von guten Fachkräften. Die Anzahl der Schulabgänger wird zunehmend kleiner und der Trend zur Akademisierung ist anhaltend. Je nach Standort und Branche ist es insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen wichtig, Maßnahmen für den sich abzeichnenden Nachwuchs- und Fachkräftemangel zu ergreifen, um auf diese Verknappung zu reagieren. Um im zunehmend härteren Wettbewerb gegen die Arbeitgeberkonkurrenz – auch anderer Branchen – zu bestehen, hilft ein solides und effizientes Marketing, um eine möglichst große Auswahl an geeigneten Bewerbern zu haben. Auch die Berufsorientierung muss an allen allgemeinbildenden Schulen ausgewogener erfolgen, die Chancen mit einer Berufsausbildung und ihren Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten dabei aufgezeigt werden.“ Um die Berufsorientierung zu unterstützen, hat der HDE unter www.jetztschonprofi.de Ausbildungsmöglichkeiten und Karrierechancen im Handel zusammengetragen. Azubis zeigen in Videos, wie sie ihre Interessen und Stärken im Handel einsetzen. Zielgruppen der Kampagne sind Schülerinnen und Schüler, Studierende, Eltern und Lehrkräfte.

Ausbildungsberufe verändern sich

Auch bei der Qualität der Ausbildung und ihren Rahmenbedingungen schaue der Verband immer genau hin. Die Lernziele seien so formuliert, dass sie sich an verschiedene betriebliche Gegebenheiten und Digitalisierungsprozesse anpassen können. „Lernziele sind also in der Regel ,technikoffen‘ formuliert. So lernt ein Auszubildender zum Beispiel unter ,Kundenkommunikation gestalten‘ verschiedene Kommunikationskanäle kennen und prüft sie auf ihre Einsatzfähigkeit, zum Beispiel face-to-face, am Telefon oder via Social Media. Auch die Lehrkräfte müssen sich auf diese Lehrsituation einstellen, loslassen und neuen Methoden gegenüber aufgeschlossen sein“, sagt Weinert. „Sie dürfen sich nicht an Lehrbücher klammern, denn diese sind teilweise schon ein Jahr später überholt. Das gilt insbesondere für den neuen Ausbildungsberuf Kaufleute im E-Commerce, da sich im Online-Handel vieles schnell ändert“, führt Weinert aus. Auch die beiden Einzelhandelsberufe wurden 2017 modernisiert. Auszubildende zum Kaufmann/zur Kauffrau im Einzelhandel können sich im dritten Ausbildungsjahr für die Wahlqualifikation Online-Handel entscheiden. Zudem werden die Fortbildungen fortwährend auf ihre Aktualität hin überprüft. Ende 2019 kam eine neue Fortbildung „Der Fachwirt/Die Fachwirtin im E-Commerce“ dazu.

Der Lockdown in der Corona-Krise und die anhaltenden Umsatzeinbrüche, sieht man von Krisengewinnern wie dem Lebensmittelhandel oder den Baumärkten einmal ab, bringen den Handel zusätzlich unter Zugzwang. Logisch, es wird an der Kostenschraube gedreht, zwangsläufig ist an der Einnahmenseite nichts mehr zu machen. Bezogen auf den Ausbildungsbedarf im Handel generell, rechnet Weinert gleichwohl nicht mit einem Einbruch. „Aktuelle Zahlen der Bundesagentur für Arbeit für den Zeitraum zwischen Oktober 2019 und Mai 2020 zeigen, dass der Einzelhandel in Deutschland beim Angebot von Ausbildungsstellen mit seinen beiden Kernberufen erneut an der Spitze liegt. So verbuchte die Bundesagentur über 30.000 gemeldete Ausbildungsstellen für angehende Kaufleute im Einzelhandel und knapp 20.000 für Verkäuferinnen und Verkäufer. Insgesamt betrachtet, wird mit den beiden Kernberufen des Einzelhandels jeder elfte Ausbildungsplatz in Deutschland gestellt. Die gemeldeten Bewerber für beide Berufe stiegen jeweils um 6 Prozent im Vergleich zum Vormonat“, rechnet Weinert vor. Das sei ein Beleg dafür, dass der Einzelhandel in Zeiten von Corona den Rotstift nicht bei dem Qualifizierungsangebot des Nachwuchses ansetze und langfristig den notwendigen Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften im Blick habe. Der Handel sucht und sieht sich zum einen einer sinkenden Anzahl von Nachwuchs gegenüber und der Trend zur Akademisierung lässt die Nachfrage weiter sinken. „Auch wenn in den letzten Monaten vermehrt Online-Recruiting-Prozesse eingesetzt haben und Online-Bewerbungsgespräche von den Bewerbern gut angenommen wurden, haben viele Unternehmen die Unsicherheit bei den Abschlussprüfungen an den allgemeinbildenden Schulen und die zum größten Teil nicht stattfindende Berufsorientierung gespürt. Die Zahl der Bewerber stieg seit Ostern 2020 zwar wieder, aber viele Handelsunternehmen suchen aktuell noch nach Auszubildenden, die ihre Ausbildung zum neuen Ausbildungsjahr 2020/2021 beginnen wollen. Bewerber haben also gute Chancen, einen Ausbildungsplatz im Einzelhandel zu bekommen“, sagt Weinert. Aber sie rechnet mit einer Verschiebung der Einstellungsphase. Die Einstellungsgespräche würden in der Folge verstärkt im Sommer, aber auch noch im Herbst 2020 erfolgen.

Der Gewerkschafter Voges bestätigt das, sieht aber auch im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie, dass sich Händler nicht immer an die Spielregeln gehalten haben. Vor allem eine Branche nicht: „Im Lebensmitteleinzelhandel waren vor allem zu Beginn der Pandemie die Auszubildenden von fehlenden Schutzmaßnahmen gleichermaßen betroffen wie alle anderen Beschäftigten. Dort, wo betriebliche Interessenvertretungen existieren, konnte darauf hingewirkt werden, dass betriebliche Ausbildungspläne angepasst werden, damit Ausbildungsinhalte vorgezogen werden, die keinen dauerhaften Kundenkontakt benötigen. In den anderen Teilbranchen des Einzelhandels fand einige Wochen Kurzarbeit statt. Zwar konnten wir in vielen Unternehmen Kurzarbeit für Auszubildende über eine Betriebsvereinbarung ausschließen, doch auch hier gab es Probleme mit der Einhaltung des betrieblichen Ausbildungsplanes und der Vermittlung von Ausbildungsinhalten. Mittlerweile findet in den meisten Unternehmen wieder regulär Ausbildung statt. Die Prüfungen haben sich für viele Auszubildende um einige Zeit verschoben und sie beenden nun erst später ihre Ausbildung. Wir finden, dass es – gerade auch, weil nicht absehbar ist, wie sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt entwickelt – eine Übernahmegarantie für die Auszubildenden braucht.“

Eine sichere Perspektive bieten

Der Textilverband BTE geht davon aus, dass etliche Modehäuser zurückhaltender bei der Ausbildung geworden sind. „Oft sind Gespräche gestoppt worden, manche Entscheidungen werden wohl noch kurzfristig vor Ausbildungsstart getroffen werden. Insgesamt dürfte die Zahl der Auszubildenden und Ausbildungsbetriebe wohl leicht zurückgehen“, sagt Axel Augustin. Da alle Dienstleistungsbranchen im gleichen Boot sitzen, dürfte die Qualität der Bewerber für die ausbildenden Modehäuser tendenziell besser werden. Darin liege auch eine Chance. „Corona führt auf jeden Fall auch zur Verunsicherung bei den potenziellen Bewerbern. Alle Modehäuser, die eine sichere Perspektive bieten können, sollten davon profitieren können. Das gilt auch für begleitende Studiengänge“, sagt Augustin und ist mit dieser Auffassung nicht weit weg von Gewerkschafter Voges.