Live and let die

Markus Oess

Der Anzug ist tot, es lebe der Anzug! Kaum eine andere Produktgruppe hat in den zurückliegenden Jahren für verlässlichere Absatzzahlen in der Menswear gesorgt. Nun erlebt das Segment einen schmerzhaften Einbruch, der in erster Linie dem Kampf gegen Covid-19 und den damit verbundenen Maßnahmen zugeschrieben wird. Wirklich? Ja, der Lockdown, Homeoffice, der staatlich verordnete Ausfall von Feiern haben die Kassen im Handel leerlaufen lassen und damit in der Folge auch die der Industrie. Die Pandemie hat dafür gesorgt, dass sich bestehende Entwicklungen beschleunigen und intensivieren, aber sie ist nicht deren Ursache. Wenn Hersteller und Handel von Corona überrascht wurden, ist das eine Sache, eine andere, wenn die Entwicklungen sich schon über einen längeren Zeitraum angekündigt haben, und damit meine ich nicht nur die modischen Trends wie die Casualisierung, die den klassischen Anzug ausbremsen, sondern auch strukturelle Marktverschiebungen oder etwa die chronische Unterversorgung vieler Unternehmen mit Kapital – und mit innovativen, zukunftsfähigen Ansätzen.

Der Handlungsdruck ist generell im gesamten Markt gewaltig und nicht alle Player dürften die kommenden Monate schadlos überstehen. Aber was bringt es, sich in die Ecke zu stellen und laut „Krise!“ zu rufen? Noch sind viele Unternehmen handlungsfähig und sollten die Zeit nutzen, die eigene Zukunft selbst zu gestalten. Modisch, klar. Wie sieht die Zukunft des Anzuges aus, was passiert eigentlich gesellschaftlich und wie verändert die Digitalisierung die Gesellschaft und den Arbeitsalltag? Aber vor allem auch strategisch. Wer sind meine Kunden? Mit welchen Stärken will ich mich im Markt behaupten? Hat mein Geschäftsmodell überhaupt noch eine Chance? Und wie kann das finanzielle Fundament des Unternehmens der Zukunft aussehen? Wir haben uns diesmal mit Playern beschäftigt, die genau diese Fragen umtreiben. BENVENUTO. etwa, die mit neuem Investor an den Start gehen. CG – CLUB of GENTS, die Mode auch mit gesellschaftlicher Verantwortung versehen, und Jürgen Reschop, ein Maßschneider aus München, der mit den Markttrends, vor allem aber mit den Folgen des Lockdowns zu kämpfen hat.

Ein weiteres Schwerpunktthema sind Schuhe, ein Segment, das in der Vergangenheit insbesondere durch den Siegeszug des Sneakers geprägt wurde. Da blieb kaum Raum für andere Entwicklungen. Schuhe können der Industrie durchaus einträgliche Umsätze bescheren (siehe DIGEL und ROY ROBSON oder bugatti), aber auch dem Handel, wenn Modehändler mal eben den Schuh zum Kleidungsstück der Wahl mitverkaufen. Wir zeichnen Trends nach und stellen einen Berliner Anbieter von handgefertigten Pantoffeln vor. Wir schauen auf eine altbekannte Berufsgruppe, die dem 1960er-Jahrgang in der Kindheit allgegenwärtig schien. Und zum Schluss sei die Lektüre unserer neuen Rubrik Auf ein Kaltgetränk mit …“ empfohlen, in der wir mit bekannten Gesichtern aus der Branche mal etwas privater sprechen.

Ihr

Markus Oess