7.500 Bestellungen pro Minute

Zalando SE

Neben der zuletzt vorangetriebenen Anbindung von Offline-Händlern über Connected Retail versprechen sowohl die laufende Expansion in neue Länder als auch der weitere Ausbau des Mobilgeschäfts noch einiges Wachstumspotenzial. Zalando SE Headquarter Berlin ©HG Esch /Zalando

Autor: Alexander Langhorst
Vom immer weiter voranschreitenden Siegeszug der E-Commerce-Geschäftsmodelle im Modehandel profitiert nach wie vor auch der im MDAX der Deutschen Börse gelistete Online-Modehändler Zalando SE. Das mit Hauptsitz in Berlin ansässige Unternehmen ist Europas führende Online-Plattform für Mode und wurde im Jahre 2008 gegründet. Den Kunden wird dabei eine umfassende Auswahl an Schuhen, Bekleidung und Accessoires bei kostenlosem Versand und Rückversand angeboten. Es bestehen derzeit Zalando-Shops in 17 Ländern Europas mit einer Basis von über 35 Millionen aktiven Kunden.

Auch in 2021 sollte sich der Boom bei Online-Käufen weiter fortsetzen. Alexander Langhorst ©GSC Research

Neben dem Geschäft auf eigene Rechnung bietet Zalando seine Plattform auch schon Dritten für Verkäufe an. Hierdurch wird das angebotene Sortiment abgerundet, da man mit den über 600.000 Artikeln lediglich zwischen 50 und 70 Prozent des im stationären Handel verfügbaren Sortiments abdeckt. Für die Partner von Zalando – nicht zuletzt auch stationäre Händler ohne eigene Multichannel-Strategie – bietet sich so ein sehr interessanter zusätzlicher Absatzkanal an. Dieses unter „Connected Retail“ laufende Programm bietet dem Nutzer der Zalando-Plattform eine noch bessere Warenverfügbarkeit, während es dem angeschlossenen Händler hilft, durch den zusätzlichen Online-Vertriebskanal seine eigene Lagerumschlaggeschwindigkeit zu erhöhen. Hierdurch kann er sein eigenes Sortiment während der Saison mehrmals erneuern und wird auch für seine stationären Kunden noch interessanter.

Zudem können die Kunden bei Zalando über entsprechende Filter auch bewusst einen bestimmten Händler aussuchen und regional kaufen. Hiermit wird es nicht nur möglich, den lokalen Händler vor Ort direkt durch einen Kauf zu unterstützen, sondern auch die Liefergeschwindigkeit durch kürzere Wege noch weiter zu verbessern. Dies ist auch mit Blick auf das wichtige Thema Nachhaltigkeit spannend. Perspektivisch können mit Connected Retail auch Services wie „Return in Store“ oder „Click and Collect“ angeboten werden.

Aktuell bietet Zalando mit Connected Retail und rund 2.300 aktiven angeschlossenen Partnern bereits die größte Plattform für lokale Modegeschäfte in Europa. Die Zahl der angebundenen Partner soll in 2021 deutlich ausgeweitet und insgesamt verdreifacht werden. Erreicht werden soll dies neben einer noch besseren Durchdringung in den bereits adressierten Märkten durch eine im November 2020 vorgenommene Erweiterung auch auf die Märkte in Norwegen, Dänemark und Finnland. 2021 sollen Österreich, die Schweiz, Frankreich, Italien und Belgien folgen. Neben den zusätzlichen Absatzchancen bietet Connected Retail für die Partner in den aktuellen Lockdown- und Teil-Lockdown-Zeiten auch die Möglichkeit, durch vorzeitige Auszahlungen die eigene Liquidität zu verbessern. Ferner hat Zalando angekündigt, bis Ende des ersten Quartals 2021 auf alle sonst üblichen Provisionen für die Nutzung der Plattform zu verzichten.

Sehr erfolgreich ist Zalando mit seiner Plattformstrategie bei der diesjährigen Cyber Week Ende November 2020 im Markt unterwegs gewesen. Insgesamt konnten über 1 Million neue Kunden gewonnen und das umgesetzte Bruttowarenvolumen im Vorjahresvergleich um 35 Prozent ausgeweitet werden. Rund 30 Prozent des Gesamtvolumens sind dabei auf die Partner – unter anderem auch die Partner bei Connected Retail – entfallen. Im Vorjahr lag diese Quote lediglich bei etwa 20 Prozent. In der Spitze konnten in diesem Jahr 7.500 Bestellungen pro Minute verzeichnet werden, ebenfalls ein neuer Rekord für Zalando.

Deutliches Wachstum konnten die Berliner im dritten Quartal 2020 verzeichnen. So verbesserten sich die Umsatzerlöse um 21,6 Prozent auf 1,850 (Vorjahr 1,521) Milliarden Euro, das bereinigte Konzern-EBIT belief sich auf 118,2 (6,3) Millionen Euro, was einer bereinigten EBIT-Marge von 6,4 nach zuvor 0,4 Prozent entspricht. Unter dem Strich ergab sich ein Ergebnis von 58,5 Millionen Euro nach einem Vorjahresfehlbetrag von 13,6 Millionen Euro. Sehr dynamisch entwickelte sich auch die Zahl der aufgegebenen Bestellungen, diese stieg auf 44,0 Millionen nach 34,7 Millionen im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Die durchschnittliche Zahl der Bestellungen je aktiven Kunden erhöhte sich auf 4,8 (4,6), die durchschnittliche Warenkorbgröße wuchs leicht auf 57,2 (56,5) Millionen Euro.

Für das Gesamtjahr 2020 gehen die aktuellen Schätzungen von GSC Research von einer Fortsetzung des bereits im bisherigen Jahresverlauf gezeigten Wachstumstempos aus. Nicht zuletzt die derzeit wieder aufflammenden Diskussionen über noch weitere Beschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie werden den Wunsch der Kunden hin zum bequemen Online-Einkauf noch verstärken – und dies auch im gerade laufenden und besonders wichtigen Weihnachtsgeschäft. Ausgehend hiervon erwarten wir auf Gesamtjahresbasis einen Umsatzanstieg um 21,1 Prozent auf 7,85 (6,48) Milliarden Euro. Auf der Ergebnisseite prognostizieren wir eine deutliche Profitabilitätsverbesserung in Richtung einer EBIT-Marge von 4,5 Prozent. Das EBIT dürfte sich dann auf 352,6 (165,8) Millionen Euro mehr als verdoppeln. Unter dem Strich schätzen wir den Jahresüberschuss auf 181,3 (99,7) Millionen Euro oder 0,70 nach zuvor 0,39 Euro je Aktie.

Auch in 2021 sollte sich der Boom bei Online-Käufen weiter fortsetzen. Allerdings erwarten wir nach dem starken Wachstum in 2020 hier eine gewisse Verlangsamung und gehen derzeit von einem Umsatzanstieg im Bereich von etwas über 13 Prozent auf dann 8,90 Milliarden Euro aus. Das EBIT sollte sich ebenfalls leicht in Richtung 380 Millionen Euro verbessern können. Daraus schätzen wir einen Jahresüberschuss von 202,1 Millionen Euro entsprechend einem leicht auf 0,78 Euro verbesserten Ergebnis je Zalando-Aktie.

Insgesamt sehen wir für die kommenden Jahre für Zalando auch ohne die aktuell besonders treibenden Effekte der Corona-Pandemie noch ausreichend Wachstumsfelder. Neben der zuletzt vorangetriebenen Anbindung von Offline-Händlern über Connected Retail versprechen sowohl die laufende Expansion in neue Länder als auch der weitere Ausbau des Mobilgeschäfts noch einiges Wachstumspotenzial. Auch wenn sich hierdurch perspektivisch die Profitabilität temporär etwas abschwächen dürfte, sollte sich dies mittel- und langfristig positiv im Zahlenwerk niederschlagen. Die breite Markenbekanntheit von Zalando und die hohen Kundenzahlen sollten zum einen die Gewinnung weiterer Kunden vereinfachen und zum anderen auch die Realisierung von Skaleneffekten beim eigenen Einkauf fördern.

Unter Anlagegesichtspunkten ist anzumerken, dass die Kursentwicklung der Zalando-Aktie in den vergangenen Monaten durch die Corona-Pandemie getrieben und befeuert worden ist. Auch zwischenzeitliche Rücksetzer, wie zuletzt nach der Ankündigung des geplanten Ausscheidens von Co-CEO Rubin Ritter zur Hauptversammlung 2021, sind meist nur von kurzer Dauer. Das erwartete KGV für 2020 liegt auf Basis unserer Schätzungen bei über 100 und die Marktkapitalisierung beträgt rund 20 Milliarden Euro. Damit erachten wir die Zalando-Aktie trotz der intakt guten Aussichten auf dem derzeitigen Kursniveau von rund 79 Euro als sehr ambitioniert bewertet. Bereits investierte Anleger sollten hier auch durchaus einmal über Gewinnmitnahmen nachdenken. Das aktuelle Anlagevotum von GSC Research lautet „Verkaufen“ mit einem Kursziel im Bereich des von uns gesehenen fairen Wertes von 62 Euro.