All diese Gewalt – Andere

GEHÖRT – GEKAUFT

„In den ersten zwei Jahren gab es in der Arbeit an ,Andere‘ keinen roten Faden. Ich habe ihn erst auf den letzten Schritten gefunden.“ Max Rieger ©Bettina Theuerkauf

Autor: QK

Pompös, monumental, sphärisch, sogartig, melancholisch, verletzlich, hier und da ironisch – vieles, was die Beschaffenheit von „Andere“ beschreibt, diese Stimmung, die aufsaugt und nach Albumende längst nicht wieder loslässt, fängt schon beim ersten Hören ein. Gleich zu Beginn setzt Max Rieger in „Halte mich“ die Grundstimmung für die folgenden Geschichten auf dem zweiten Album seines Soloprojekts „All diese Gewalt“: „Nichts kommt mir zu nah / Zweifel immer da / du weißt, alles ist wahr / alles ist Fassade / alles ist Versteck / halte mich bedeckt.“ Bekanntlich gibt es unzählige Hörarten und Rieger kommt zu einem ganz eigenen Urteil. „Ich finde das Album, so wie es jetzt geworden ist, furchtbar.“ Autsch. Haben wir uns in Gänze verhört? Sind wir einem Bild erlegen, das wir schon im Vorfeld entworfen hatten? Auch nach zehn, zwanzig, dreißig Durchläufen will es nicht furchtbar werden, bleibt im Gegenteil stark, berührend, facettenreich und doch stimmig. Anders als „Welt in Klammern“, der deutlich konzeptionellere Vorgänger, in dem kein Stück hätte fehlen oder ergänzt werden können, stehen die elf Songs aus „Andere“ zwar in Kontakt, können aber auch zu jeder Zeit einzeln stattfinden. Obschon die Eröffnung „Halte mich“ und der abschließende Titelsong „Andere“ das Album umfassen und eine sichernde Umhüllung bilden, herrscht hier große Song-Autarkie. Der Entstehungsweg unterscheidet sich von den früheren, was laut Rieger auch an der Länge des Arbeitsprozesses von über vier Jahren liegt. „In den ersten zwei Jahren gab es in der Arbeit an ,Andere‘ keinen roten Faden. Ich habe ihn erst auf den letzten Schritten gefunden.“ Und noch etwas hat sich gewandelt.

Die Texte bestechen durch eine Schlichtheit, die erst in der Durchdringung und Verdichtung von Geschriebenem entsteht. „Ich bin deutlich konkreter geworden und immer mehr abgeschreckt von verwaschenen Aussagen. Die Vorstellung, man müsse Sprache in Musik poetisieren, finde ich nicht treffend und ich finde es nicht mehr zeitgemäß, sich abzuheben und elitär zu sein.“ Umso geräumiger und flächiger darf der Sound daherkommen, wie ein vielschichtiger Teppich oder eine sich steigernde Beat-Schraube. In „Erfolgreiche Life“ unterstreicht ein anschwellender Jahrmarktsound die Ironie des Erzählten: „Erfolgreiche Life / nie mehr verlieren / erfolgreiche Life / alles funktioniert / erfolgreiche Life / uh ungeniert / erfolgreiche Life / extrovertiert.“ In GRENZEN findet sich die Geschichte in den Klang einer New-Wave-Gitarre gebettet – „Netze zwischen Räumen / die Angst neutraler Leute / vorgestern, morgen, heute“; in „Gift“ wiederum lässt einen die anfängliche Klangkühle fast frösteln und mündet schließlich in etwas Drohendem, Aggressivem: „Was soll ich damit / was aus der Tiefe aus mir spricht / das hier war niemals ich / nein, das bin ich wirklich nicht / wenn doch, dann bin ich nicht ich / wenn doch, dann will ich das nicht.“ Sich zeigen macht verletzlich und Rieger beschreibt den größten Unterschied zwischen Bandleben und Soloprojekt: „Bei Die Nerven haben wir kollektive Gedanken und teilen jede Reaktion durch drei. Dort bin ich viel angriffslustiger und deutlich weniger verletzlich. Bei ,All diese Gewalt‘ entscheide ich allein, stehe aber auch allein in der Verantwortung.“ Wer einmal tiefen Schmerz, manifeste Einsamkeit, für den Moment endgültige Verlassenheit gefühlt hat, kann auf „Andere“ hören, dass Riegers Musik diese Tiefe besitzt, die nicht an jeder Ecke hörbar, sichtbar, spürbar wird und die nicht auf der verzweifelten Suche nach der viel beschworenen Authentizität plötzlich vor die Füße fällt. Schaut man auf die Facebook-Seite von „All diese Gewalt“, so lautet ein Eintrag vom Januar dieses Jahres: „VIER JAHRE SELBSTDEKONSTRUKTION MÜSSEN REICHEN.“ – „Vielleicht finde ich es deshalb furchtbar, weil ich in diesem langen Entstehungsprozess nicht mit mir im Reinen war. Jetzt ist es schmerzlich, genau das zu hören“, denkt Rieger laut nach. Darauf können wir uns verständigen. „Andere“ ist vieles, aber gewiss nicht furchtbar.

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Kelly Finnigan – A Joyful Sound

Ein Weihnachtsalbum! Na ja, ein reguläres Langwerk wäre mir zweifellos lieber gewesen. Allerdings meistert der großartige Kelly Finnigan auch diese, äh, ästhetische Herausforderung mit Bravour. Letztlich klingt es wie von ihm gewohnt: nach klassischem Vintage-Soul diesmal halt textlich mit feierlichem Content (einigermaßen dosiert). Wer ihn nicht kennt: Für mich ist Finnigan aktuell der beste weiße Soulsänger, bekannt geworden als Stimme der Monophonics. Die Produktion ist großartig, mit perfekt portionierten Streichern und Bläsern, Harfe und Flöte, ansonsten Orgel und Gitarre, stilistisch irgendwo zwischen authentischem Stax-Sound und zeitgemäßen Traditional Soulern à la Daptone. Sein Gesang ist einfach großartig, warm, intensiv und unter die Haut gehend….

„… der beste weiße Soulsänger, bekannt geworden als Stimme der Monophonics. ©Kelly Finnigan

Auch die Songs sind von höchster Klasse, statt gecoverter Weihnachtssongs im Genre-Gewand gibt es hier eigene Nummern, wie immer mit ganz viel Feingefühl für Stimmungen und Atmosphären. Es überwiegen nicht unerwartet die ruhigen Songs, es gibt aber auch Tanzbares: „Santa’s Watching You“ ist knackiger Northern Soul, fast noch besser finde ich „No Time To Be Sad“, ein dramatischer Burner mit eleganten Streichern und einem, nun ja, Waldhorn-Riff von staunenswerter Schönheit. Die Gästeliste vereint fast alles, was aktuell im Soul einen guten Namen hat: Leute von Durand Jones & The Indications, The Dap-Kings, Monophonics, Orgone und Delvon Lamarr Organ Trio gaben sich im Studio die Klinke in die Hand. Für mich ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Kalifornier auch umsatzmäßig in die erste Liga der zeitgenössischen Soul-Größen aufsteigt. (Joe Whirlypop)

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Sam Amidon – Sam Amidon

Neues Album des US-Singer-Songwriters/Multi-Instrumentalisten aus Vermont, voller (meist ur-)alter Coverversionen, meist britische Folk Traditionals, auch zum Beispiel mal aus den Appalachen oder von Taj Mahal. Aber auf eine Art gespielt, die ziemlich einzigartig ist! Die Vocals (zurückhaltend und sehr angenehm, traditionsgestählt) orientieren sich melodisch wie in der Gesangsweise am Folk-Idiom, die Musik nur bedingt: Aparteste Synth-Klänge (bei etwas über der Hälfte der Stücke) kombiniert er vorwiegend mit elektrischer und/oder akustischer Gitarre respektive Banjo; feinst (klang-)malende Sounds stehen neben etwas repetitiven, zeitgemäß rockige Songs mit Druck beziehungsweise Zug wechseln mit ganz ruhigen/sachten/sanften, und wundersamerweise fügt sich alles bestens organisch zusammen.

Auf eine Art gespielt, die ziemlich einzigartig ist. ©Nonesuch-Warner

Obwohl das Ergebnis insgesamt ausgesprochen vielfältig wirkt, das Spektrum reicht von richtig traditionellem Folk (einmal mit Gospel-Touch) in reduziert-akustischer, zum Teil tief berührender Form (oder harmonisch dezent aufgebrochen inklusive Synth) über „Modern Folk Rock“ (der schon mal entfernt an Wilco erinnert), einen Folk/Country/Blues-Hybriden, federleichten, zart angejazzten Folk Pop (Will Oldham mit anderen Mitteln?) bis zu so was wie experimentellen Jazz-Mountain-Music-Verbindungen (wobei die Jazz-Tendenzen vor allem, aber nicht nur, von einem Saxofon herrühren, einmal zudem Flöte – selbst das passt! Und ist hochgradig originell, noch mehr als sowieso schon). Ehefrau Beth Orton steuert ein paarmal Harmony Vocals bei. Ein kleines Wunderwerk, sehr zu empfehlen! (dvd)

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