Es grünt so grün…

Messesommer 2021

Mit Blick auf das geplante Programm wird der digitale Messesommer noch ein Stück internationaler als die physischen Ausgaben. Der Vorteil der digitalen Edition ist, dass sich viel mehr internationale Rednerinnen und Redner beteiligen können. ©Messe Frankfurt GmbH

Autor: Andreas Grüter
Den zweiten Sommer in Folge findet der bundesdeutsche Modemessetrubel rein digital statt. Was die Neonyt dabei geplant hat und warum die Zukunft der Branche dem Coopetition gehört, hat uns Thimo Schwenzfeier, Show Director Neonyt bei der Messe Frankfurt, im Interview erzählt.

Es gibt viele konventionelle Messen mit einer grünen Area. Wir hingegen sind dezidiert grün und darüber hinaus stylish.“ Thimo Schwenzfeier ©NEONYT

Die Frankfurt Fashion Week musste im Mai ein weiteres Mal abgesagt werden. Welches Feedback haben Sie von den Ausstellern bekommen?
„Da war die Hoffnung, dass die Messe nach anderthalb Jahren Stillstand wieder würde stattfinden können. Dementsprechend groß war die Enttäuschung, als wir die Sommerausgabe dann absagen mussten. Die Branche war seit Januar 2020 nicht mehr im physischen Austausch und wir haben trotz eines regen Interesses relativ schnell festgestellt, dass digitale Plattformen einen tatsächlichen Messebesuch einfach nicht ersetzen können. Digital ist ein wunderbares Add-on, aber letztendlich zählt doch der Face-to Face-Austausch …“

… der gerade bei den Labels, die auf der Neonyt ausstellen, generell noch ein Stück intensiver zu sein scheint.
„Ja, ohne Messen geht auch hier das Miteinander ein wenig flöten. Die Labels auf der Neonyt bilden tatsächlich eine ganz besondere Community. Natürlich steht man im Wettbewerb, aber letztendlich zieht man ja doch am selben Strang, und der heißt Veränderung. Dementsprechend hat die Veranstaltung auch eher einen Open Source-Charakter, bei dem es wahnsinnig viel um den Austausch von Ideen geht. Und der funktioniert, digitale Angebote hin oder her, dann doch am besten in persönlichen Gesprächen.“

Die starke Community dürfte auch für konventionelle Brands interessant sein. Verzeichnen Sie von dieser Seite ein verstärktes Interesse an einer Teilnahme an der Neonyt?
„Ja, in der Tat. Dabei wird sich jedoch häufig mit dem Kern der Neonyt überhaupt nicht beschäftigt. Nach unserer letzten physischen Messe im Januar 2020 sind die Anfragen um gut 30 bis 40 Prozent nach oben geschnellt. Allerdings stellte sich dann recht schnell heraus, dass rund 80 Prozent der Interessenten allein von ihrer Ausrichtung her überhaupt nicht die Voraussetzungen für eine Neonyt-Teilnahme mitbringen würden. Und da hatten wir unseren Nachhaltigkeitsfragebogen meist noch gar nicht verschickt. Resultierend daraus haben wir unser Konzept, unsere Ideen, unsere Ideale noch einmal ganz genau erklärt. Die Neonyt ist in ihrer Ausrichtung sehr einzigartig. Es gibt viele konventionelle Messen mit einer grünen Area. Wir hingegen sind dezidiert grün und darüber hinaus stylish.“

Sie hatten ja bereits den Nachhaltigkeitsfragebogen erwähnt. Wie prüfen Sie, wie ernst es potenzielle Aussteller mit dem Thema Nachhaltigkeit meinen?
„Der ausgefüllte Nachhaltigkeitsfragebogen und das Lookbook sind unsere Kuratierungstools und entscheiden darüber, ob ein Label bei der Neonyt gelistet wird. Interessanterweise gibt es durchaus auch einige eher konventionell ausgerichtete Labels, die sich auf einen nachhaltigen Weg gemacht haben und nach mehreren abgelehnten Bewerbungen dank intensiver Produktionsketten- und Prozessangleichungen jetzt ein Teil der Neonyt-Community geworden sind. Das ist eine tolle Entwicklung.“

Kann man sich denn auf die Angaben im Fragebogen verlassen?
„Das ist natürlich eine Menge Vertrauen mit dabei. Um die Angaben auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, haben wir einfach nicht die Kapazitäten. Wenn Zertifizierungen vorliegen, ist die Sachlage klar, aber wir haben ja auch kleinere Labels mit dabei, die sich Zertifizierungen nicht leisten können oder wollen. Wird uns schlüssig und transparent dargestellt, wie und unter welchen Umständen produziert wird, verlassen wir uns darauf. Ich bin mir sicher, dass Lügen oder Greenwashing hier über kurz oder lang auffallen, und diese Unternehmen bekommen dann in der Community und hoffentlich auch darüber hinaus kein Bein mehr auf den Boden. Bislang ist unser Vertrauen nach unserem Kenntnisstand noch nicht missbraucht worden.“

Lassen Sie uns über die anstehende, digitale Sommermesse sprechen. Worauf können sich Besucher freuen?
„Tatsächlich ist es so, dass wir einen sehr breiten Blumenstrauß an Talks und Keynotes im Frankfurt Fashion Week-Studio haben. Das Studio ist eine Art Mediaplattform, auf der zu bestimmten Uhrzeiten Livetalks stattfinden, die man aber natürlich auch später abrufen kann. Das Programm ist sehr breit gefächert, weil wir mit der vom Fashion Council Germany organisierten Veranstaltung ‚The New European Bauhaus‘, dem mit der Unterstützung der United Nations von der Conscious Fashion Campaign durchgeführten ‚Sustainable Development Goals (SDG) Summit‘ und unserer eigenen dreitägigen ‚Fashionsustain‘ gleich drei Konferenzen mit einbringen. Denim wird natürlich wieder ein Schwerpunkt sein, dann auch das Thema nachhaltige Mode im Handel, außerdem der Status der Mode im globalen Kontext während und nach Covid. Wir werden dabei einen Blick nach Indien, Vietnam und Bangladesch werfen. Den kompletten Themenplan veröffentlichen wir in Kürze. Dabei ist das Programm for free. Nach einer einfachen Registrierung haben die Besucher den kompletten Zugriff auf alle Inhalte. Das gilt übrigens sowohl für Fachpublikum als auch für interessierte Endverbraucher.“

Wie international wird der Messesommer?
„Mit Blick auf das geplante Programm würde ich sagen noch ein Stück internationaler als die physischen Ausgaben. Der Vorteil der digitalen Edition ist, dass wir viel mehr internationale Rednerinnen und Redner beteiligen können. Unter anderem werden Vertreter vom Council of Fashion Designers of America (CFDA), die Organisatorin der South African Fashion Week und verschiedene UN-Repräsentanten mit dabei sein, die wir physisch wahrscheinlich nicht nach Frankfurt bekommen hätten. Was die Internationalität der Besucher angeht, sind wir selbst gespannt. Vorab-Feedback zeigt aber, dass gerade im asiatischen und nordamerikanischen Raum viele Fachleute den Messetermin rot im Kalender markiert haben.“

Die Eco-Fashion-Szene zeichnet sich stark durch Zusammenarbeiten und Sharing-Ideen aus. Wie sieht es da auf der Messeseite aus? Gibt es Kooperationen mit anderen grünen Messen?
„Ja, absolut. Die Labels und auch wir als Messe stehen natürlich im Wettbewerb, aber es ist offensichtlich, dass die Entwicklung immer mehr hin zu Kooperationen geht. Meiner Meinung nach ist eine Coopetition, also die Kombination aus Zusammenarbeit und Wettbewerb, einer der wichtigsten Eckpfeiler für eine zukünftige wirtschaftliche Ausrichtung. Natürlich belebt Konkurrenz das Geschäft, aber in Zeiten massiver Transformationen lassen sich die notwendigen technischen Investitionen viel besser gemeinsam stemmen. Die Neonyt kooperiert beispielsweise bereits seit einer Weile mit der Greenstyle in München, die vor allem den B2C-Bereich abdeckt, und auch mit der Innatex und der ISPO verbindet uns ein enges Verhältnis. Wir merken, dass das Miteinander sich hier immer mehr intensiviert. Die Kingpins-Denimmesse wird zwei große Panels auf der Fashionsustain hosten. Zudem haben wir Claudio Marenzi von der Pitti auf dem SDG-Summit.“

Haben sich durch Corona die Lieferketten wieder Richtung Europa verschoben und fungiert die Pandemie Ihrer Meinung nach auch längerfristig als Katalysator für Nachhaltigkeit?
„Da tut sich definitiv einiges. Gerade viele große Unternehmen haben während Corona extrem genau darauf geachtet, wie ihre Lieferketten funktionieren, wo es möglicherweise hakt und welche Alternativen es gibt. Man hat sich noch einmal klar machen können, wie sehr das System Mode mit der Fast Fashion aus den Fugen geraten ist, weil sich die Lieferketten über den gesamten Globus spannen. Die Produktion in asiatischen Ländern ist in den vergangenen Jahren zurückgegangen und die Pandemie hat diesen Trend ein Stück weit beschleunigt. Ist deswegen das sogenannte Nearshoring der neue Trend? Ich würde sagen, ja und nein gleichzeitig. In Portugal und in vielen der osteuropäischen Länder tut sich da sehr viel und auch in Deutschland gibt es Bewegung. Das sind aber alles Beispiele, die eher im Kleinen funktionieren. Was wir sehen ist, dass die Transparenz innerhalb der Lieferketten in Coronazeiten eine viel wichtigere Rolle spielt. Gerade die Vertikalen merken, dass sie sich nicht nur auf ein oder zwei Lieferanten und vielleicht noch einige Sublieferanten fokussieren können, sondern sich intensiv mit allen Produktionsstationen auseinandersetzen müssen. Und dazu gehört dann natürlich auch die Prüfung der Umstände, unter denen produziert wird. Ausreden für schlechte Arbeitsbedingungen gibt es also immer weniger. Es ist nicht verwerflich, in Ländern wie Bangladesch zu produzieren, aber es kommt auf das Wie an. Die Zukunft liegt meiner Meinung nach in der Kombination aus Nearshoring und wirklich fairer Produktion im asiatischen und afrikanischen Raum.“

Dabei besteht ja die Gefahr, dass Labels, die eben nicht viel Wert auf Nachhaltigkeit legen, in der Post-Corona-Zeit wieder einen Schritt zurück machen.
„Ich sag’s mal ganz hart: Labels, die keinen Wert auf Nachhaltigkeit legen, gibt es vielleicht noch zehn Jahre und dann sind sie tot. Davon bin ich fest überzeugt. Man merkt ja jetzt schon, wie viel gesellschaftlichen Gegenwind solche Brands bekommen. Und Greenwashing funktioniert auch kaum noch, weil das Internet für Transparenz sorgt. Was bleibt, ist der tiefe Fall oder ein Umdenken.“

Ein kleiner Ausblick auf den Januar 2022 …
„Wir treffen uns endlich alle physisch, würde ich sagen. Wir freuen uns schon darauf, unsere Vision einer neuen, ganzheitlichen Fashion Week zum Leben zu erwecken und mit dem neuen Standort und auch der Einbindung von Vorstufen frischen Wind und neue Impulse in die Modebranche zu bringen.“