„Proudly made in Bangladesh“

engelbert strauss

©engelbert strauss

Autor: Markus Oess
Die Zeiten ändern sich. Während die Qualitätsansprüche der Workwear steigen, muss sie auch gefallen. Das hat der Workwear-Anbieter engelbert strauss schon lange verinnerlicht und setzt bei seinen Produkten auf Funktionalität und Design. Auch Nachhaltigkeit als Erfolgsfaktor und Kaufkriterium der Kunden rückt zusehends in den Vordergrund. Wie das Unternehmen damit umgeht und warum man stolz ist in Biebergemünd, in Bangladesch fertigen zu lassen.

Wer an Bangladesch denkt, denkt an Bekleidung, und wer an Bekleidung denkt, denkt schnell an die Brandkatastrophe von Rana Plaza, als mehr als 1.000 Menschen ihr Leben verloren. Mehr als acht Jahre ist das jetzt her. Aber damals wie heute hört die Nachhaltigkeit vieler Konsumenten beim eigenen Geldbeutel auf. Hat sich also nichts geändert in all den Jahren? Diese Aussage lässt sich so nicht halten. NGOs konnten eine Vielzahl von Marken und Produzenten bewegen, Produktionsbedingungen und Umweltschutz unmittelbar oder mittelbar zu verbessern. Rashed Al Mizan ist Assistant Professor des Lehrstuhls für Nachhaltigkeit und textile Innovation in Dhaka. Er sagt, das Land habe seit seiner Unabhängigkeit eine kontinuierliche Entwicklung durchlaufen. „Das wird besonders im Bildungsbereich deutlich. Die jungen Absolventen der verschiedenen Bildungseinrichtungen und Fachbereiche sind der Schlüssel für die aktuelle und zukünftige Entwicklung des Landes. Klar ist aber auch: Bangladesch hat großen Nachholbedarf im Hinblick auf Kreislaufsysteme und die Entsorgungswirtschaft. Wichtig ist hier vor allem aufzuklären: Wir müssen heute nachhaltig handeln, damit unser Land eine Zukunft hat. Wir wollen mit den Studenten Lösungskonzepte für nachhaltigeres Wirtschaften erarbeiten.“ Auf der Agenda stünden dabei insbesondere Aspekte der sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit entlang des gesamten Produktlebenszyklus: angefangen vom Produktdesign über Materialbeschaffung, Produktion und Nutzungsphase bis hin zum End of Life und Möglichkeiten von Re-Use und Recycling. Und das unter Berücksichtigung neuester Technologien. „Übergeordnetes Ziel ist es, eine Transformation anzustoßen und langfristig die zukünftigen Entscheider im Textilsektor auszubilden“, sagt Al Mizan.

Pandemiebedingt hat sich der Start des Campus nach hinten verschoben.

Al Mizans Lehrstuhl wurde vom Workwear-Anbieter engelbert strauss mit Sitz in Biebergemünd eingerichtet. Das Unternehmen engagiert sich in dem Land über den reinen Produktionsauftrag hinaus auch in Sachen Nachhaltigkeit. Es geht offensiv mit seinen Produkten aus Bangladesch um, spricht bei diesen gar von „Proudly made in Bangladesh“.

„Seit 2012 stellen wir auch anspruchsvolle Cargohosen und hochwertige Winterjacken in Bangladesch her. Dass wir das in einem Land geschafft haben, das in seiner wirtschaftlichen Entwicklung in vielen Bereichen noch am Anfang steht, macht uns stolz. Wir haben unsere eigenen Erfahrungen im Land gemacht – Bangladesch ist für uns zum wichtigsten Herstellungsland geworden. Über die Jahre haben sich gute, vertrauensvolle Partnerschaften entwickelt – gemeinsame Investitionen in Technologie und Ausbildung haben unsere Produktionspartner auf ein neues Level gebracht. Vertrauen und Konstanz machen es möglich, vor Ort einen Impact zu erzielen“, sagt ein Firmensprecher gegenüber FT. Allein durch nachhaltiges Denken und Handeln könne ein Unternehmen langfristig erfolgreich sein. Nachhaltig wirtschaften heiße, nachfolgenden Generationen die gleichen Grundlagen und Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten. „Das ist Bestandteil unseres unternehmerischen Selbstverständnisses. Für uns bedeutet das, ökonomische, ökologische und soziale Aspekte in Einklang zu bringen“, sagt der Sprecher. engelbert strauss wird zu dem Thema („Proudly made in Bangladesh – Bildung und Hightech für eine nachhaltige Entwicklung“) auch im Rahmen der FASHIONSUSTAIN am 7. Juli in einer Panel-Diskussion mitwirken, die im FFW STUDIO der FRANKFURT FASHION WEEK gestreamt und auch später noch abrufbar sein wird.

engelbert strauss ist in der Branche lange kein Unbekannter mehr. Das Unternehmen wurde 1948 gegründet, der Umsatz wird auf weit über 1 Milliarde Euro geschätzt. 90 Prozent des Geschäftes läuft über den Online-Shop, auch international. 10 Prozent steuern die vier stationären Flächen bei. Die Produkte werden weltweit in 27 Ländern hergestellt – sowohl in Europa als auch in Asien und Afrika. Der Großteil kommt nach Firmenangaben aus Partnerbetrieben in Asien. „Mehr als die Hälfte der engelbert-strauss-Bekleidung entsteht in Bangladesch, Laos und Vietnam. Neben diesen Ländern zählen auch China, Myanmar und die Türkei zu den wichtigsten Standorten“, so der Sprecher.

Nachhaltigkeit und technologischer Fortschritt schließen sich nicht aus, Profit und Nachhaltigkeit können dagegen durchaus konkurrierende Ziele sein. Wie hält man es bei engelbert strauss? „Wir wissen sehr zu schätzen, wie positiv sich unser Unternehmen entwickelt hat. Das verdanken wir zu einem großen Teil all denjenigen, die an unserem Wirtschaften beteiligt sind. Ganz wichtig dabei: die Menschen, die unsere Produkte herstellen. Uns ist es wichtig, vor unserer Haustür wie auch weltweit in unseren Produktionsländern einen sinnvollen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten“, antwortet der Sprecher. „Wir sind überzeugt, dass wir über die Produktionsbedingungen hinaus mit unserem Tun vor Ort etwas bewegen können. Das größte Potenzial hierfür sehen wir in der Vermittlung von Wissen. Denn nichts wirkt nachhaltiger als Bildung.“

„It’s a magnetic world“

Zurück zum Campus in Chittagong, der eigentlich schon in Betrieb gehen sollte. Der Start wurde pandemiebedingt nach hinten geschoben. Es soll die weltweit erste Workwear Academy werden. Hier soll die Arbeitskleidung der Zukunft entstehen, hergestellt mit den neuesten verfügbaren Verarbeitungstechnologien. „Wir nutzen die unmittelbare Nähe zu unseren langjährigen Produktionspartnern, um Nachwuchskräften eine umfassende Ausbildung zu ermöglichen. Im Stile eines Thinktanks werden Talente aus aller Welt gemeinsam mit lokalen Trainees auf dem Campus lernen und forschen. Der Campus im Reisfeld ist eng verknüpft mit der Hochschulkooperation: Im Rahmen des von engelbert strauss kuratierten Studiums an der Ahsanullah University of Science and Technology (AUST) werden nach dem Prinzip ,Training of Trainers‘ Lehrpersonen geschult, die ihr Wissen anschließend in passend zugeschnittenen Lehrmodulen am Campus im Reisfeld weitergeben können“, führt der Sprecher weiter aus. „Ein Ort, an dem das Unternehmen mit seinen Stakeholdern in Dialog treten kann. Und zwar dort, wo wir uns für Sozialstandards engagieren. Wir werden unsere Mitarbeitenden mit nach Chittagong nehmen, wo sie die Wurzeln unserer Produkte kennenlernen können. Und wir wollen Partner, Nichtregierungsorganisationen, Journalistinnen und Journalisten sowie andere Interessengruppen in unseren ,begehbaren Sozialbericht‘ einladen“, sagt der Sprecher. Ein Teilziel wurde schon erreicht: „Einige Nachwuchskräfte konnten bereits mit der umfassenden Ausbildung starten und unsere innovativen Verarbeitungstechnologien in Betrieb nehmen.“

Auch bei den Endkunden tritt der Themenkomplex zusehends ins Bewusstsein. Das CSR-Team beantworte schon seit vielen Jahren Fragen rund um die Produkte, die damit verbundene Produktion sowie deren Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft. Obendrein scheint es die Marke geschafft zu haben, auch modisch zu gefallen. „Warum wollen Männer und Frauen wie Handwerker aussehen?“, fragte schon die Süddeutsche und konstatierte: „Anpacker-Spirit“: Die Arbeitskleidung von engelbert strauss wird gerne auch von Leuten getragen, die nicht mal einen Nagel in die Wand schlagen können.“ Verwunderlich, wer will ausgerechnet im Blaumann gefallen? Aber inzwischen geht es nicht allein mehr um bloße Zweckmäßigkeit. Schon lange fließen in die Kollektionen technologischer Fortschritt, Zeitgeist und Geschmack mit ein. Eine Schlaufe für den Hammer anzunähen, reicht nicht mehr. „Wir haben den Anspruch, mit unserem Design den Stil einer Branche zu prägen. Unsere Philosophie ist: Berufsbekleidung soll nach vorne gehen! Das heißt für uns, dass wir uns schon stark über den Zeitgeist definieren. Das Hauptkriterium ist dennoch immer Funktionalität – das setzt der Kunde bei engelbert strauss voraus. Wir verstehen unsere Kleidung gleichzeitig als Tool. In der ersten Dimension ganz pragmatisch: Auf der Baustelle funktioniert die engelbert-strauss-Arbeitshose wie ein Werkzeug, sie erleichtert die Arbeit. Der strauss wirkt aber noch in einer anderen Dimension. Er hat einen Impact auf das Werk des Trägers. Unsere These: Unsere Arbeitskleidung ist ein Turbo-Booster, eine Superhelden-Uniform, die das volle Potenzial aus dem Träger rauskitzelt. Das Design ist also letztlich maßgeblich dafür, dass unsere Bekleidung Identität bei unserer Zielgruppe – den Macherinnen und Machern – stiftet“, begeistert sich der Sprecher.

Seinen Ausführungen zufolge ist die Arbeitswelt zunehmend technologiegetrieben und das hat auch Einfluss auf die Arbeitsbekleidung. Für die neuesten Gadget-Generationen, wie die falt- und rollbaren Display-Technologien als Beispiel, könnte eine spezielle Taschenlösung zum einfachen Verstauen die logische Design-Konsequenz sein. engelbert strauss betrachtet seine Arbeitshosen als Werkzeugkasten für den Arbeiter der Zukunft. Auch CI-Fragen spielen zusehends mit hinein, denn jedes Unternehmen betrachtet sich als Marke und will auch durch seine wichtigsten Markenbotschafter, die Mitarbeiter selbst, so wahrgenommen werden. Deshalb ist individuell gebrandete Firmenbekleidung von großer Bedeutung. „Wir investieren mit unserer CI-Factory in neue Customizing-Möglichkeiten. So bieten wir in Zukunft beispielsweise personalisierte Arbeitsschuhe an. Unsere Kunden können sich Firmenschuhe mit individuellen Farben, Materialien und mit eigenem Logo zusammenstellen. Auch der Individualträger möchte zunehmend über seine ,Utility Wear‘ eine Aussage treffen. Er drückt damit seinen professionellen Anspruch und ein Qualitätsverständnis aus“, sagt der Sprecher.

Gleichzeitig bleiben die Qualitätsansprüche im Arbeitsalltag hoch. Dinge wie Abrieb- und Reißfestigkeit, Elastizität, Atmungsaktivität und Tragekomfort bestimmen auch in Zukunft das Design mit. Dass engelbert strauss sich über die Jahre eine gewisse Produktkompetenz angeeignet hat, hat sich auch in der Fashion herumgesprochen. So gab es gerade in der jüngeren Vergangenheit Anfragen von High-Fashion-Labels. „Diese hätten uns gerne als ‚textiles Zitat‘ in ihre neuesten Modeschöpfungen einfließen lassen. Das zeigt, dass wir mit unserer Workwear Trends setzen, die auch außerhalb der Arbeitswelt großen Anklang finden. Wir werden uns aber keinen prominenten Modedesigner einkaufen – wir glauben an unsere eigenen kreativen Kräfte“, betont der Sprecher.

Dennoch hat engelbert strauss mit der Unterstützung des European Fashion Awards FASH auch eigene Ziele. Das Unternehmen will Impulsgeber sein, der den Blick für die handwerkliche Dimension sowie den Funktionsgedanken des Modemachens schärfen möchte. Deshalb stiftet das Unternehmen in diesem Jahr den neuen Sonderpreis Workwear Couture. „Wir sagen: Workwear kann Funktion und Fashion. Dazu braucht es Geist und Geschick, Fantasie und handwerkliche Umsetzung. Mit unserem Award wollen wir eine neue Generation von Schneiderkünstlerinnen und -künstlern fördern. Die Branche steht vor einem Technologiesprung. Wir unterstützen die Designer von morgen dabei, sich in die neuen Verarbeitungstechniken hineinzudenken. Die Finalistinnen und Finalisten erhalten ein exklusives Coaching in der CI Factory von engelbert strauss: Dabei wird es unter anderem ein Training zum digitalen Prototyping und Workshops im Laser Lab geben.“ Dass auch ein Stück Glanz auf Unternehmen und Marke als Arbeitgeber fallen könnte, wäre nicht ganz zufällig. Der Kampf um Fachkräfte hat bekanntlich schon längst begonnen.

Zukunftsinstitut

Bekenntnis zu Bangladesch

engelbert strauss hat ein Entwicklungszentrum für Arbeitskleidung im ländlichen Süden Bangladeschs gebaut. Der Campus Chittagong bildet zusammen mit der CI Factory am Distelrasen ein Produktionstandem für individualisierte Berufsbekleidung. Damit investiere das Unternehmen weiter in Forschung und Entwicklung seiner Textilien. Nachdem der Pro- duktionsstandort CI Factory am Distelrasen 2020 in Betrieb genommen wurde, steht die „Schwester-Produktion“ im ländlichen Süden Bangladeschs ebenfalls unmittelbar vor der Fertigstellung. Der Campus im Reisfeld versteht sich zudem als Thinktank und soll als Set-up für die Aus- und Weiterbildung von Fachkräften dienen. Dank der Nähe zur regulären Produktion könnten Nachwuchskräfte hier den Prozess der Entwicklung eines Kleidungsstücks allumfassend kennenlernen. Bangladesch hat sich über die Jahre zum wichtigsten Herstellungsland für das Unternehmen entwickelt. „Mit dem Bau des Campus im Reisfeld und unserem gerade etablierten Lehrstuhl für Nachhaltigkeit drücken wir unseren Glauben an das Land aus. Unser Motto: Proudly made in Bangladesh!“, sagt Geschäftsführer Henning Strauss.

Workwear zieht an

Coaching in der CI Factory

Unter dem Motto „It’s a magnetic world“ vergibt Strauss erstmalig den Special Award Workwear Couture. engelbert strauss unterstützt die SDBI (Stiftung der Deutschen Bekleidungsindustrie) bei der Ausrichtung des European Fashion Awards FASH. Der international bedeutende FASH wird erstmals im Rahmen der FRANKFURT FASHION WEEK verliehen. Bewerben können sich die Nachwuchsdesigner mit einem First Draft eines „Magnetic Statement Pieces“. Im zweiten Schritt erhalten die 15 Finalistinnen und Finalisten eine Mystery Toolbox mit verschiedenen Materialien, Accessoires und Magnetverschlüssen, die sie zu einem Kleidungsstück verarbeiten müssen. Zudem gibt es ein exklusives Coaching in der CI Factory von engelbert strauss. Es winkt ein Preisgeld von insgesamt 5.000 Euro.