„Wir sind bereit“

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„Die FRANKFURT FASHION WEEK will allen Playern im Textil- und Modemarkt einen Ort für ihr Business und für Austausch bieten." Bettina Bär, Messe Frankfurt. Screenshots ©www.value.messefrankfurt.com und www.neonyt.messefrankfurt.com

Autor: Markus Oess
Im Januar 2021 feiert die Öko-Messe NEONYT nach den coronabedingten Ausfällen unter der neuen Führung von Bettina Bär, die dem ausgeschiedenen Thiemo Schwenzfeier als Messedirektorin nachfolgt, endlich auch physische Premiere am Main. Überdies haben die Hessen ein neues Format entwickelt. Die val:ue ist eine Plattform für „Quality und Lifestyle Fashion im Mainstream-Bereich“, so die Lesart der Frankfurter Messegesellschaft. Bettina Bär im FT-Interview über neue Orte und neue Formate.

Die NEONYT wird klar die nachhaltige Speerspitze der FRANKFURT FASHION WEEK und europaweit wichtigste Nachhaltigkeits-Fashionmesse bleiben.“ Bettina Bär ©Messe Frankfurt

FT: Frau Bär, haben Sie jetzt nur noch „nachhaltige“ Kleidung im Schrank?
Bettina Bär: „Nachhaltigkeit ist einer der Treiber in der Mode und wird weiter an Bedeutung gewinnen. Konsumentinnen und Konsumenten werden kritische Fragen stellen und auch staatlicherseits werden Regelungen zu den Themen Transparenz, Lieferkette und soziale Gerechtigkeit immer relevanter. Ich selbst habe durchaus in den vergangenen Jahren feststellen können, wie sich mein Konsumverhalten teilweise auch unterbewusst verändert hat. Wir haben eine Verantwortung für nachfolgende Generationen, gerade auch ich als Mutter. Mein Job verlangt nun aber nicht, dass ich meinen gesamten Kleiderschrank auf den Kopf stelle und alles neu kaufe – das wäre das genaue Gegenteil von Nachhaltigkeit. Künftig noch bewusster konsumieren, trifft es besser.“

Sie waren zuletzt für die tendence und die paperworld verantwortlich. Das Messegeschäft lebt von einer guten Organisation. Wie organisiert nehmen Sie die grüne Mode wahr?
„Tatsächlich ist der nachhaltige Modesektor auch sehr kleinteilig, weil es neben den bekannten Marken auch viele neue kleine Labels gibt. Die Branche ist noch vergleichsweise jung. Die NEONYT ist natürlich stark geprägt von Idealismus und es gilt, klare Nachhaltigkeitskriterien zu erfüllen, wenn man bei uns ausstellen möchte. Aber ich finde es großartig, wie professionell und transparent viele Firmen heute arbeiten und wie gut sie aufgestellt sind. Ehrlicherweise glaube ich sogar, dass gerade die grüne Szene sehr organisiert und differenziert arbeitet, weil wir sonst Gefahr laufen, Werte zu verwässern und dem Greenwashing Platz zu machen.“

Wie reagiert die Branche auf den Messestandort Frankfurt?
„Die Fashion Week passt perfekt zu Frankfurt. Zum einen, weil die Mainmetropole bunt, kosmopolitisch, provozierend, dynamisch und inspirierend ist – ebenso wie die Modewelt. Zum anderen, weil Frankfurt beste Voraussetzungen bietet, um das Thema Mode in all ihren vielen Facetten abzubilden: das größte innerstädtische Messegelände, eine optimale geografische Lage im Herzen Europas und beste Erreichbarkeit mit Flugzeug, Bahn und Auto und zu Fuß. Damit ist Frankfurt der perfekte Ort, um die Fashion Week neu zu interpretieren, um Mode zu feiern, zu zeigen, was in ist und was die Branche zukünftig prägen wird. Wir sind bereit für Frankfurt und Frankfurt ist bereit für uns.“

Wer hat bereits seine Teilnahme bestätigt?
„Die Anmeldungen laufen gut, aktuell liegen wir bei fast 150 Labels, die sich angemeldet haben. Und eine ganze Menge an Labels befindet sich noch in unserem Nachhaltigkeits- und Style-Check, wir sind also optimistisch, dass diese Zahl noch nach oben gehen wird. Mit dabei sind unter anderem das Kölner Label LANIUS, aus der Pfälzer Nachbarschaft die Rucksäcke aus Meeresplastik von GOT BAG., starke internationale Denim Brands wie DAWN DENIM und MUD JEANS sowie KnowledgeCottonApparel, LANGERCHEN, nae Vegan Shoes, pinqponq, SKFK, SON OF A TAILOR und viele, viele mehr. Alle bestätigten Brands gibts in Kürze auch auf unserer Website.“

Welche Neuerungen wird es gegenüber Berlin geben?
„Die wichtigste Neuerung ist, dass die NEONYT sowie die gesamte Fashion Week nun mitten im Geschehen sind, weil alle Messen zentral auf einem Gelände stattfinden werden. Jetzt hat unsere Cross-Sektor-Community – Einkäuferinnen und Einkäufer, Händlerinnen und Händler, Brands, Agenturen, Marketing- und CSR-Verantwortliche, Moderedakteurinnen und Moderedakteure sowie Journalistinnen und Journalisten – endlich wieder die Möglichkeit, Mode live zu erleben, konzentriert zu arbeiten, ohne dafür durch die halbe Stadt fahren zu müssen. Die wichtigsten Segmente gibts sozusagen unter einem Dach auf dem Messegelände mitten in Frankfurt. Natürlich haben wir auch einiges aufzuholen und aufzuarbeiten. Die letzten 15 Monate wurden überwiegend fremdbestimmt, Rahmenbedingungen veränderten sich, ein Wandel vollzog sich in der Gesellschaft und in der Wirtschaft. Die internationale Textil- und Modeproduktion war on hold, aber die Branche verharrte nicht im Stillstand. Klar scheint: Die Spielregeln sind nun andere, doch das Spielfeld definieren wir gemeinsam auf der nächsten NEONYT – Mode wird zur Schnittstelle von Design und Nachhaltigkeit, Inklusion und Digitalisierung, Verantwortung und Technologie, Diversität und Konformität. Wir freuen uns darauf, diesen Themen endlich wieder eine physische Plattform und unseren Brands Order-Business bieten zu können.“

Wird sich die NEONYT neben den Konferenzen weitergehend in der Fashion Week engagieren?
„Ziel der NEONYT ist es, allen Themen rund um Nachhaltigkeit ein Sprachrohr zu bieten – sei es auf der Trade Show, während unserer FashionSustain-Konferenz oder auf der speziell für Content Creators eingerichteten PREPEEK Area. Wir haben starke Branchenpartnerinnen und -partner an unserer Seite, die dieselben Werte transportieren, beispielsweise OEKO-TEX® oder der GRÜNE KNOPF vom BMZ. Auch mit hessnatur kooperieren wir schon lange und werden im Vorfeld der Fashion Week beispielsweise eine Event-Lesung mit Thekla Wilkening im hessnatur-Flagship-Store hier in Frankfurt organisieren. Es geht um City-Aktivierung und darum, die Bevölkerung einzubinden – Nachhaltigkeit ist schließlich etwas, das uns alle angeht. Konkret für den Januar prüfen wir aktuell außerdem die Möglichkeiten von Modeschauen in der Stadt.“

„Wir sind bereit für Frankfurt und Frankfurt ist bereit für uns.“

Wenn Sie könnten, welcher konventionellen Marke würden Sie am liebsten einen komplett grünen Auftritt verpassen?
„Das ist eine gute Frage. Ich möchte jetzt ungern ein einzelnes Unternehmen herausgreifen. Ich finde, Nachhaltigkeit steht jeder Marke gut zu Gesicht. Und wir haben in der vergangenen Saison gemerkt, dass Nachhaltigkeit längst kein Nischenthema mehr ist. Auch große Marken bemühen sich um eine Transformation – immerhin halten mehr als die Hälfte der weltweiten Einkaufsverantwortlichen in der Modebranche Nachhaltigkeit mittlerweile für eine der wichtigsten Geschäftsstrategien. Entsprechend wächst das Angebot nachhaltiger Kleidung – jedes Jahr um das Fünffache. Und auf der letzten NEONYT hat sich mit rund 13 Prozent der Anteil konventioneller Mode-Einzelhändlerinnen und -Einzelhändler verdreifacht. Ergo, Nachhaltigkeit wird zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor für die Modebranche.“

Stellen Sie sich vor, alle nennenswerten Player werden nachhaltig – wird die NEONYT dann konventionell?
„Es ist – ressourcentechnisch – überhaupt nicht möglich, die gesamte Produktion auf Fair Fashion umzustellen. Zumindest nicht, wenn wir Kleidung in dem Ausmaß produzieren, wie wir es jetzt tun. Viel mehr braucht es ein Umdenken in der Gesellschaft. Meiner Meinung nach müssen wir lernen, Mode und Kleidungsstücke wieder wertzuschätzen und sie nicht als Wegwerfprodukte zu sehen. Qualität sollte uns wieder wichtiger als Quantität sein – dadurch profitieren alle Beteiligten. Und dieses Umdenken muss eben nicht nur in der Textilindustrie stattfinden, sondern generell in den Köpfen der Menschen. Denn die stärkste Stimme haben immer noch die Konsumentinnen und Konsumenten. Sie geben mit jeder Entscheidung für nachhaltige Mode dem positiven Wandel mehr Gewicht und beeinflussen die Zukunft der Mode aktiv mit. Je mehr Menschen sich beteiligen, desto größer wird der Druck auf Wirtschaft und Politik, endlich Stellung zu beziehen, Mode- und Textilunternehmen zur Verantwortung zu ziehen und weltweite Umwelt- und Sozialstandards festzulegen. Meine Hoffnung ist, dass nachhaltige Mode zur Konvention wird. Zur Gewohnheit. Zum Standard, damit wir nicht mehr differenziert über Slow, Eco oder Fair Fashion sprechen müssen, sondern nur noch von Mode. Also ja, wenn alle konventionellen Marken komplett nachhaltig würden, dann wären wir tatsächlich eine konventionelle Messe. Aber leider wird das zumindest mittelfristig nicht zu erreichen sein, weswegen die NEONYT ihre Berechtigung auch behalten wird.“

Ein anderes Thema: val:ue. Was hat es mit der Messe auf sich?
„Die FRANKFURT FASHION WEEK will allen Playern im Textil- und Modemarkt einen Ort für ihr Business und für Austausch bieten. Die bereits etablierten Veranstaltungen NEONYT der messe frankfurt, PREMIUM und SEEK der PREMIUM GROUP haben starke Profile und decken bestimmte Segmente ab. Mit der neuen val:ue haben wir die Möglichkeit, die Lücke zu schließen und auch Marken und Labels aus dem Volumengeschäft abzubilden – sie wird der Treffpunkt für etablierte Retail-Marken und Newcomer der letzten Jahre, für wichtige Umsatztreiberinnen und Umsatztreiber sowie Margenbringerinnen und Margenbringer. Qualitätsmarken also, die sich mit Themen wie verantwortungsvoller Umgang mit Ressourcen, effektive Wege für mehr Nachhaltigkeit, neue Logistik-Konzepte, innovative Digitalisierungsideen und erfolgreiche Vertriebsstrategien auseinandersetzen.“

Ist es nicht ein Widerspruch, auf der einen Seite eine grüne Messe zu organisieren und auf der anderen eine für den Massenmarkt?
„Durchaus nicht, nein. Die NEONYT wird klar die nachhaltige Speerspitze der FRANKFURT FASHION WEEK und europaweit wichtigste Nachhaltigkeits-Fashionmesse bleiben. Hier haben wir strenge Sustainability-Regularien implementiert und decken ein bestimmtes Modesegment ab, die Cross-Sektor-Community bekommt authentisch den nachhaltigen Markt präsentiert. Die messe frankfurt sieht es grundsätzlich als ihre Aufgabe an, auch kommerzielle Marken in den vorherrschenden Transformationsprozess der Modebranche einzubeziehen – nur so können wir letztendlich gewährleisten, dass ein wirklicher Wandel in der Fashionbranche vollzogen wird. Da können wir das Volumensegment nicht einfach ausblenden. Auch solche müssen sich zukunftsfähig aufstellen, wollen sie nicht vom Markt verschwinden. Wir unterstützen sie dabei.“

Welche Marken und welche Segmente haben Sie im Visier?
„Die val:ue wird die neue Homebase für Quality und Lifestyle Fashion. Das Sortiment und die Stilrichtungen umfassen Mens- und Womenswear, Lederwaren, Schuhe und Accessoires. Eben alles, was ein Retailer benötigt, um einen modernen Lifestyle-Laden zu führen. Auf der val:ue finden sich die wichtigen Umsatztreiberinnen und Umsatztreiber sowie Margenbringerinnen und Margenbringer zusammen, um gemeinsam die Zukunft der Branche neu zu betrachten, und unterstreichen damit ihre Kraft und Relevanz im Markt.“

„Wir hatten aus unserem TEXPERTISE-Netzwerk eindeutige Signale erhalten, dass auch ein Teil der Vorstufe Interesse hat, sich in Frankfurt zu präsentieren.“

Gibt es erste Zusagen?
„Die Resonanzen aus dem Markt sind gut und wir befinden uns aktuell in den letzten Gesprächen. Erste Namen werden wir in den kommenden Wochen mittels eigener Pressemitteilung kommunizieren und eine finale Label-Übersicht wird es gegen Ende des Monats auf der val:ue-Website geben, bis dahin möchten wir keine Labels nennen.“

Haben Sie nicht Angst, die Messe wird mit Blick auf das Genre „unsexy“?
„Nein, ganz im Gegenteil. Die Mainstream-Mode ist nicht grundlos genau das: populär, regulär, massenkompatibel – die Brands und Labels der val:ue präsentieren die Trends und Tendenzen der kommenden Saison, eine zeitgenössische und moderne Selektion an Mode. Und wir haben ein eigenständiges Profil: international, konzentriert, kurze Laufwege und Platz für alle Marktsegmente. Ich wüsste nicht, was daran ,unsexy‘ wäre.“

Welche Abgrenzung gibt es zur PREMIUM?
„Wir bedienen das mittlere Preissegment. Sicher gibt es auch Marken, die auf beiden Messen ausstellen können, die sich nicht eindeutig zuordnen lassen. Aber unsere Aufgabe ist es nicht, den Marken die Entscheidung abzunehmen, sondern Alternativen zu bieten und marktrelevante Themen zu platzieren.“

Sie binden die Vorstufe mit ein. Welcher Gedanke verbirgt sich dahinter?
„Wir hatten aus unserem TEXPERTISE-Netzwerk eindeutige Signale erhalten, dass auch ein Teil der Vorstufe Interesse hat, sich in Frankfurt zu präsentieren. Bislang gab es dafür immer nur themenbezogene Messen, zum Beispiel für Stoffe oder Maschinen. Das wollen wir aufbrechen und dafür sorgen, dass die gesamte textile Wertschöpfungskette ins Fashion-Week-Business miteinbezogen wird.“

Wo verläuft die Grenzlinie zu anderen Messen wie techtextil, texprocess, MUNICHFABRICSTART oder mod tissimo?
„Schwerpunkt der val:ue ist das fertige Produkt – eine kompakte Handels- und Geschäftsplattform für alle Interessierten und damit die perfekte One-Stop-Shop Solution für Einkäuferinnen und Einkäufer. Gleichzeitig aber auch ein Schmelztiegel der Modewelt, in der große internationale Marken ebenso zu finden sind wie aufstrebende Independent-Labels. Segment- oder Produktüberschneidungen zu anderen Veranstaltungen wird es am Ende immer geben, aber genau davon lebt die Mode – Synergieeffekte kreieren und Anknüpfungspunkte bieten.“

Wie international werden die Messen mit Blick auf die Aussteller sein?
„Wir haben über unser internationales TEXPERTISE-Netzwerk den Zugriff auf Sales-Partnerinnen und -Partner in 180 Ländern weltweit. Coronabedingt werden wir uns aber zunächst auf Mittel- und Osteuropa sowie die USA konzentrieren. Da Nearshoring in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen hat, stehen auf unserem Sonderareal apparelsourcing in fashion, also der Plattform für die Vorstufe und Lohnkonfektion, Anbieterinnen und Anbieter aus Europa und den Nachbarstaaten im Fokus. Kleinste gemeinsame Nenner aller Teilnehmenden sind dabei ihr hoher Qualitätsanspruch sowie der Aspekt der Nachhaltigkeit, bei dem sich kurze Wege ohne große Transportkosten natürlich besonders auszahlen.“

Die Managerin

Bettina Bär verantwortet seit Oktober 2021 die strategische und konzeptionelle Ausrichtung sowie die inhaltliche und organisatorische Umsetzung der Messeformate NEONYT und val:ue. Bär arbeitet seit 2012 in verschiedenen Positionen für die messe frankfurt im Bereich der internationalen Konsumgütermessen und war zuletzt Show Director der tendence und paperworld.