Containerchaos: Experten sehen Silberstreif

©Ian Taylor

Sinkende Frachtraten Ende 2022

Die deutsche Wirtschaft ächzt unter dem Stau von Containerschiffen, teure Hinterlandverkehre und Containermangel. Zwar ist kurzfristig ist keine Besserung in Sicht, und auch längerfristig gehen die Experten des Bochumer Softwarehauses Setlog davon aus, dass die Auswirkungen der aktuellen Krise noch weit bis ins Jahr 2023 reichen werden. Allerdings prognostizieren sie sinkende Seefrachtraten im vierten Quartal 2022. „Aus einer Analyse von 80 Setlog-Kunden und -Brands vom 22. Juni lässt sich zudem ablesen: Importeure von schnelldrehenden Konsumgütern lernten aus der Misere und bestellen ihre gewünschten Produkte heute im Schnitt eine Woche früher als noch im Jahr 2020 und vor der Coronapandemie, um so die Zahl der Warenverspätungen zu reduzieren. Ein weiteres Ergebnis: Ihre Produktion verlagern sie nicht von Fernost nach Europa“, heißt es in einer Mitteilung.

Die Nachwirkungen des Lockdowns in Schanghai, ausgefallene Abfahrten von Containerschiffen und der Streik in einigen deutschen Häfen belasten die Wirtschaft weiterhin: Allein in der deutschen Bucht warten laut dem Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) Containerschiffe mit einer Kapazität von rund 150.000 Standardcontainern auf das Anlaufen in Bremerhaven und Hamburg. Vor den Häfen in Rotterdam und Antwerpen ist die Situation noch dramatischer. „Die Folgen sind nicht nur Verspätungen, sondern auch ein Containermangel. Ein Ausweichen zu kleineren Häfen ist problematisch, weil dort Platz und eine starke Infrastruktur für die Transporte ins Hinterland fehlen. Wenn die Schiene keine Alternative ist, bleiben teure Direkttransporte mit Lkw die einzige Option“, sagt Setlog-Vorstandsmitglied Ralf Düster. Die Logistikdienstleister in Deutschland könnten jedoch angesichts des Personalmangels ihre Kapazitäten nicht hochfahren. Kurzfristig geht Düster daher nicht von einer Besserung der Seefrachtraten aus. Langfristig dagegen ab dem vierten Quartal dieses Jahres schon, wenn auch die Reedereien mitspielen. Das sagt auch Patrick Merkel, Geschäftsführer von Prologue Solutions: „Die Inflation, die Zinswende und die hohe Preise in verschiedenen Sektoren sprechen dafür, dass die Raten sinken werden.“ Aufgrund der geopolitischen Lage und den Folgen der Coronapandemie erwarten Logistikdienstleiter im kommenden Halbjahr tendenziell weniger Geschäft. Verladende Unternehmen profitieren zudem von Reedereien, die mehr Kapazitäten aufgebaut haben.

Aktuell dauert laut der Setlog-Analyse zufolge die Laufzeit der Seefracht von Fernost zu den Westhäfen im Schnitt 42,5 Tage. Zum Vergleich: 2021 waren es 41,6 Tage, 2020 rund 35. Vor der Pandemie betrug die Laufzeit 31 Tage (2019). In den vergangenen zwei Jahren kamen Setlog zufolge bis zu 30 Prozent der Waren zu spät. Die Einkäufer der Importeure von schnelldrehenden Konsumgütern schafften es aber, den Anteil der zu spät eintreffenden Ware bis auf drei bis fünf Prozent im Vergleich zur Zeit vor Corona zu drücken, indem sie die Bestellungen im Schnitt eine Woche vorzögen.

Zwar denken manche Branchen für sensible Waren und Komponenten über duale Produktionen und auch Re- und Nearshoring nach, aber die Anbieter von schnelldrehenden Konsumgütern planen keine Produktionsverlagerungen nach Europa oder nach Deutschland. Nur ein bis zwei Prozent ihres Gesamtvolumens von Bekleidung lassen die Unternehmen in Osteuropa oder Nordafrika produzieren – daran hat sich seit Pandemiebeginn nichts geändert. Auch der Anteil der Produktion in der Türkei liegt konstant bei etwa 11,5 Prozent, der von China bei 11,0 Prozent. Mehr Geschäft konnten jedoch die Lieferanten in Bangladesch und Vietnam an Land ziehen.