Wehrhaft bleiben

EDITORIAL

Markus Oess, ©FT

Es steht zu befürchten, dass seit Ende des Zweiten Weltkrieges in Deutschland wieder rechtsradikales Gedankengut Regierungsarbeit übernimmt, wenn die Wahlen in Ostdeutschland durch sind. Ausgerechnet Ostdeutschland, das mit seiner doppelt faschistoiden Welterfahrung nach dem Dritten Reich und der SED-Diktatur auch doppelt gewarnt sein sollte, was Faschismus bedeutet. Es ist schon unerträglich, wie geschichtsvergessen viele Menschen offenbar sind und so unglaublich stolz auf ihren deutschen Reisepass, den sie völlig leistungslos erhalten haben. Im Gegenteil, sie waren noch auf Fluchthelfer angewiesen – Ärzte, Hebammen, wer auch immer. Obendrein musste die eigene Mutter während der Geburt höllische Schmerzen aushalten, um diese Menschen überhaupt auf die Welt zu bringen. Sie selbst, so viel steht fest, wären niemals in der Lage gewesen, von selbst in dieses Deutschland zu kommen. Nationalstolz in diesem Sinne der unbegründeten Selbsterhöhung über andere ist absurd.

WERBUNG

Der Philosoph Prof. Dr. phil. Ziad Mahayni von der Uni Karlsruhe sagt, die demokratische Gesellschaftsordnung erlebe gerade eine Ochlokratisierung. Wir wandeln uns von der Mehrheitsgesellschaft, die das Gemeinwohl im Sinn hat, zu einer un- bzw. falsch informierten egoistischen Gesellschaft, in der der eigene Vorteil zählt. Mehr noch, er fragt: Ist die Demokratie am Ende? Er nennt verschiedene Ursachen, die diese Entwicklung befeuern. Unter anderem erlauben die anhaltende Beschleunigung der Technologisierung unserer Gesellschaft, die Digitalisierung und die damit einhergehende Informationsflut oder Infokalypse, die durch die KI noch mehr an Fahrt aufnimmt, es nicht mehr, die Realität oder zumindest ein der Wahrheit nahes Weltbild zu finden und es mit Fakten zu unterfüttern, sondern man sucht sich die Fakten zum passenden Weltbild. Müssen wir also die Wahrheit gegen viele kleine Halbwahrheiten und Lügen eintauschen? Damit wird es aber auch schwierig, die Kommunikation aufrechtzuerhalten, Menschen mit Worten und Gesten zu erreichen, weil sie die Botschaften gar nicht mehr verstehen können oder wollen.

Wir sollten die AfD auch so benennen, was sie auch ist: rechtsradikal und verfassungsfeindlich! Und wer Nazis wählt, macht sich mit Nazis gemein. Und wo ist dann die Grenze, selbst zum/zur Nazi zu werden? Die AfD ist anscheinend in der Mitte der Gesellschaft angekommen, weil die Gesellschaft sehr stark nach rechts gerückt ist. Rechtsradikal reüssiert gesamtdeutsch! Wenn wir der weiter oben beschriebenen Logik folgen, müssen wir wohl anerkennen, dass wir die meisten AfD-Wähler, die wissentlich ihr Kreuz für eine rassistische, hasserfüllte Partei gemacht haben, die ganz andere Ziele als das Wohl all ihrer Mitbürger im Sinne haben, gar nicht mehr erreichen und von ihrem Irrtum abbringen können. Und trotzdem sind sie immer noch in der Minderheit. Die demokratische Mehrheit im wahrsten Wortsinn ist immer noch in der Lage, die rechtsradikale Minderheit aufzuhalten und die Gesellschaft wieder so weit in die Mitte zu holen, dass Rechtsradikale auch wieder rechtsaußen verortet werden. Durch Wahlen, durch politisches und soziales Engagement, durch das proaktive Bekenntnis, dass die Demokratie wehrhaft ist und wir sie schützen werden. Wir sind an einem Punkt gelangt, an dem wir aufstehen sollten und signalisieren, dass die Rechtsradikalen eben nicht in der Überzahl sind und sie nicht unsere Demokratie kapern können. Wer jetzt einwirft, den Radikalismus auf der anderen Seite des politischen Spektrums nicht zu vergessen, hat natürlich einen Punkt. Aber es steht auch nicht mit der Linken eine politische Partei zur Wahl mit der leider überaus realistischen Chance, politische Macht zu erlangen. Die Abwehr der Gefahr von rechts verlangt unsere volle Kraft und Aufmerksamkeit.

Themenwechsel. Genderneutrale Mode ist längst kein Nischenphänomen mehr. Laut einer Erhebung des Fintech-Unternehmens Klarna und des Marktforschers Dynata, veröffentlicht im McKinsey-Report „The State of Fashion 2023″ und ausgewertet von Statista-Datenjournalistin Anna Fleck, kaufen 36 Prozent der US-Verbraucher Mode außerhalb ihrer Geschlechtsidentität, angetrieben vor allem von der Generation Z. Ist diese Entwicklung ein schnelllebiger Trend oder steckt dahinter vielmehr ein gesellschaftlicher Wandel? Wir haben den Künstler, Modedesigner und Art Performer CHANG13° alias CHANGDARC um seine Einschätzung gebeten. Mit ROSSI hat die zweite Generation der Großwallstädter Schera GmbH ihre Wegmarke in der Unternehmenshistorie gesetzt. Gemeinsam mit Bruder David brachte Tobias Schellenberger die Unisex-Hosenkollektion vor rund vier Jahren an den Start. Wir haben mit ihm über Konsistenz gesellschaftliche Entwicklungen und das 30-jährige Jubiläum von RAFFAELLO ROSSI gesprochen. Wir haben uns mit Daniel Samy El Menshawi zum Interview getroffen, der 2020 sein Label SPSR.Studio gründete und seitdem die Welt der Maßmode aufwirbelt. Und wir waren beim europäischen Lizenznehmer von Stetson. Geschäftsführer Sebastian Boekholt spricht über die Besonderheiten des Hutgeschäfts, die Positionierung von STETSON im europäischen Markt und die Zukunft des JJ HAT CENTER und der Eigenmarke JJ Hats.

WERBUNG

Wir waren im neuen Store von KAPTEN & SON und haben uns zeigen lassen, wie durch das Zusammenspiel aus interaktiven Testing-Stationen und starker Brand Identity modernes In-Store-Marketing heute funktionieren kann. Wir gehen auf eine Reise mit meinem Kollegen Thomas Henkelmann. Er nimmt uns mit nach Japan, Kalifornien, Südkorea, Frankreich und Portugal zu beeindruckenden Läden mit atemberaubender Ästhetik und coolen Konzepten. Der Kölner Gregor Schwellenbach ist ein echter Hansdampf in allen musikalischen Gassen. Dass er auch in Modefragen einiges zu sagen hat, beweist er im Gespräch mit Andreas Grüter. Morton Liszk beschäftigt sich mit der Frage, warum Kommunikation überall ist und trotzdem erstaunlich oft das Gefühl entsteht, keine Antworten zu bekommen.

Viel Spaß bei der Lektüre

Ihr Markus Oess