Nicht alles gut, aber besser?

Green Fashion

„Zum Beispiel haben wir keine Bestellungen bei unseren Lieferanten gecancelt, wie viele andere Fast-Fashion-Unternehmen das getan haben. Wir haben gezahlt! Und zusätzlich zur Zahlung haben wir uns als Teil unserer Labour-Costing-Methode zu einer Plus-5-Prozent-Corona-Unterstützung verpflichtet." ©Armedangels

Autor: Markus Oess
Anbieter von nachhaltiger Mode kommen besser durch die Krise. Denn zum einen ist die Brüderschaft größer, regiert nicht der schnöde Mammon allein, zum anderen ist gerade nachhaltige Mode nicht auf den schnellen Wechsel der Kollektionen aus. Im Gegenteil, bei Mode, die länger währt, wiegt das Momentum einer Saison nicht so schwer. Stimmt das? Wir haben bei ARMEDANGELS und recolution nachgefragt.

FT: Wie ist die Marke bislang durch die Krise gekommen? Wie viel weniger hat das Unternehmen 2020 produziert und welche Erwartungen haben Sie für 2021?

Die Herbst/Winter-Ware war zum Zeitpunkt der Krise schon geordert und wir haben auch aus Überzeugung nicht mehr storniert. Dazu sind wir relativ früh mit unseren Produzenten in die Maskenproduktion eingestiegen.“ Robert Diekmann, Gründer recolution

recolution: Wir sind bisher einigermaßen gut durch die Krise gekommen, auch wenn uns das vergangene Jahr sowie die aktuelle Situation einiges abverlangen. Wir sind mit unseren Produzenten, unserer Kundschaft und unseren Beschäftigten sehr eng zusammengerückt und pflegen eine noch intensivere und offenere Kommunikation als zuvor. Die Herbst/Winter-Ware war zum Zeitpunkt der Krise schon geordert und wir haben auch aus Überzeugung nicht mehr storniert. Dazu sind wir relativ früh mit unseren Produzenten in die Maskenproduktion eingestiegen. So konnten wir dort freie Produktionskapazitäten füllen und dringend benötigte Masken anbieten. Für zwei verkaufte Masken über unseren eigenen Online-Shop sowie über den avocadostore haben wir eine Maske an unseren Partner HANSEATIC HELP gespendet, wodurch wir mehr als 10.000 Masken an Obdachlose, Geflüchtete und weitere hilfsbedürftige Mitmenschen verteilen konnten. Die Krise hat uns zudem gezeigt, dass unser Einsatz als Pionier und Teil der Fair-Fashion-Branche in den letzten zehn Jahren anerkannt wurde und eine Wertschätzung durch die Kundinnen und Kunden erfährt. Diese haben uns wie unsere Handelspartner ganz besonders unterstützt, sodass wir bisher deutlich besser durch die Krise gekommen sind als die ,konventionelle‘ Modebranche. Der Start ins neue Jahr und die aktuelle Situation zeigen uns schon deutlich, dass uns auch 2021 noch einmal alles abverlangen wird. Die aktuell große Unsicherheit, wie es weitergeht, macht eine Prognose sehr schwierig. Dennoch bleiben wir, nicht zuletzt aufgrund unserer Erfahrungen aus 2020, weiterhin zuversichtlich! Die Krise hat noch mal deutlich gezeigt, dass wir alle auf einem Planeten leben und voneinander abhängig sind. Daher wird das Thema Nachhaltigkeit und Miteinander unserer Meinung nach künftig einen noch höheren Stellenwert bekommen und wir sind hier sehr authentisch positioniert und verankert.“

ARMEDANGELS: COVID-19 trifft die komplette Branche sehr hart. Lieferanten und der stationäre Handel sind besonders betroffen – auch durch die erneute Schließung am Jahresende. Wir bei ARMEDANGELS versuchen, ganzheitlich zu denken und unseren Partnern Sicherheit zu geben. Die Probleme werden für alle kleiner, wenn alle ein Stück daran mittragen.

Wir haben die Auslieferung an unsere Händler verschoben und die ARMEDANGELS-Community mit verschiedenen Corona-Maßnahmen unterstützt.“ ©ARMEDANGELS

Für uns war von Beginn der Pandemie an klar, dass wir unseren Partnern gegenüber verlässlich bleiben (müssen). Wir haben unseren Herstellern und Landwirten sofort zugesichert, dass wir keine Aufträge stornieren werden. Und dass wir sie nicht im Stich lassen würden. Wir haben die Auslieferung an unsere Händler verschoben und die ARMEDANGELS-Community mit verschiedenen Corona-Maßnahmen unterstützt. Schließlich geht es uns nicht um kurzfristige Trends, unsere Mode ist zeitlos und kann daher auch zu einem späteren Zeitpunkt getragen werden.

Wir haben digitale Ordertools entwickelt, die sehr gut ankommen. Auch wir haben unsere Kollektion noch mal kritisch geprüft. Der Vorteil unserer nachhaltigen Produkte ist, dass sie gut und ganzjährig tragbar sind. So kann man sie auch über einen längeren Zeitraum werthaltig und ohne Abschrift verkaufen. Warenmanagement betreiben wir seit den letzten Saisons proaktiv mit unseren Partnern. Da unsere Produktstärken in den Segmenten Denim, T-Shirt sowie Sweat & Knit liegen, gab es hier bisher nicht allzu großen Handlungsbedarf. Wir merken, dass die Nachfrage nach nachhaltig produzierter Ware immer größer wird. Wir blicken grundsätzlich positiv auf 2021 und den Frühling! Letztes Jahr war für uns alle verrückt. Doch für uns als Marke läuft es unter den gegebenen Umständen tatsächlich sehr gut!“

FT: Wie ist die Ordersaison für Sie angelaufen?
ARMEDANGELS: „Wir sehen nun deutlich, dass unsere von Beginn an gelebte nachhaltige und faire Mission auch gerade in schwierigen Zeiten eine echte Alternative in der Modewelt darstellt. Wir sind überzeugt, dass Nachhaltigkeit noch stärker in den Fokus der Verbraucher gerückt ist und wir als Marke einen echten Mehrwert für Händler darstellen. Dies bestätigt sich auch im aktuellen Abverkauf, aber auch in der Vororder der Saisons für 2021.“

recolution: Die aktuelle Ordersaison ist für uns gut angelaufen und wir liegen bisher sogar leicht über Plan! Es ist zwar wieder eine Saison ohne Messen, aber wir haben in unseren Showrooms sehr gute Gespräche und Termine. Zudem sind wir digital gut aufgestellt, sodass wir auch problemlos unsere Ordertermine per Videokonferenz abhalten können.“

FT: Wie ist bei Ihnen die Produktion und Beschaffung aufgesetzt und wie sind Sie mit der Vorstufe hinsichtlich eventueller Produktionsminderungen umgegangen, gab es Kompensation, wurden Aufträge gestreckt et cetera?

„Aufgrund von Corona-Fällen sind immer mal wieder verschiedene Vorstufen geschlossen oder Produktionskapazitäten müssen heruntergefahren werden, da ein Teil der Belegschaft in Quarantäne muss.“ ©recolution

recolution: Wir produzieren den Großteil unserer Ware in der Türkei und Portugal. Beide Länder haben momentan mit hohen Infektionszahlen zu kämpfen. Aufgrund von Corona-Fällen sind immer mal wieder verschiedene Vorstufen geschlossen oder Produktionskapazitäten müssen heruntergefahren werden, da ein Teil der Belegschaft in Quarantäne muss. Als Folge können sich natürlich die Liefertermine verzögern. Bisher hatte der Großteil unserer Lieferanten allerdings Glück und die Musterkollektionen Herbst/Winter 2021 und die Produktion Frühjahr/Sommer 2021 konnten relativ pünktlich ausgeliefert werden. Unsere Produktionsmengen für die Frühjahr/Sommer-Kollektion 2021 haben wir nicht heruntergefahren. Priorität hat natürlich, dass die Mitarbeitenden bei unseren Produzenten unter hygienisch einwandfreien Bedingungen arbeiten und gegebenenfalls zu Hause bleiben können, wenn sie beispielsweise auf ihre Kinder aufpassen müssen.

ARMEDANGELS: Plötzlich rückten die großen Nachhaltigkeitsziele der Branche im letzten Jahr bei vielen auf der Prioritätenliste nach unten. Dabei wird Nachhaltigkeit immer dringlicher und wichtiger. In der Tat hat der Lockdown die Anfälligkeit des Geschäftsmodells der Modebranche und seinen Mangel an ökologischen und ethischen Werten offengelegt.

Wir bei ARMEDANGELS bedenken immer, wie wir auf der einen Seite das Unternehmen durch diese komplizierte Zeit steuern können, aber auch, wie wir unsere Partner im Handel und auf Lieferantenseite unterstützen können. Zum Beispiel haben wir keine Bestellungen bei unseren Lieferanten gecancelt, wie viele andere Fast-Fashion-Unternehmen das getan haben. Wir haben gezahlt! Und zusätzlich zur Zahlung haben wir uns als Teil unserer Labour-Costing-Methode zu einer Plus-5-Prozent-Corona-Unterstützung verpflichtet. Unsere Partner verpflichteten sich zusätzlich, alle Löhne der Bekleidungsarbeiter in voller Höhe zu zahlen, und im Falle von Entlassungen wurden Abfindungen gezahlt. Denn faire Mode ist nur fair, wenn sie auch die Menschen einschließt, die sie herstellen!

Nun musste sich die Branche durch die Schließung des Einzelhandels einer zusätzlichen Herausforderung stellen. An dieser Stelle kommen uns die über Jahre entwickelten optimierten und dynamischen Produktionsprozesse zugute. Wir arbeiten eng und partnerschaftlich mit unseren Produktionspartnern zusammen und können schneller die Prozesse nach Bedarf anpassen. So konnten wir letztes Jahr beispielsweise schnell auf die steigende Nachfrage nach Masken reagieren und mit unseren Partnern die Produktion auf Masken umstellen. Ein weiterer wichtiger Schritt ist, eng mit unseren Kunden aus dem Einzelhandel im Austausch zu bleiben und die Situation immer wieder neu zu analysieren und passende Maßnahmen abzuleiten. Besonders hilfreich war dabei, dass wir als Unternehmen über viele Kanäle unsere Kleidung vermarkten (Einzelhandel, Marktplätze, Online-Shop). Auf diese Weise konnten wir den Schwerpunkt verschieben und die Verteilung der Ware optimieren.“

FT: Was hören Sie von den Produzenten und Zulieferern, wie sieht es aktuell in der Pandemie für die Branche aus?
ARMEDANGELS: Wir sind mit unseren Lieferanten in sehr engem Austausch. Gesundheit und Sicherheit unserer Partner stehen für uns an erster Stelle. Und teilweise sind unsere Partner zum Beispiel aktuell in Portugal schlimm betroffen von den Auswirkungen der Pandemie. Wir hoffen sehr, dass sich die Lage im Frühling entspannt.“

recolution: „Unsere Produzenten sind alle GOTS-zertifiziert und Familienunternehmen oder Unternehmen des Mittelstandes aus der Türkei und Portugal. Sie produzieren somit nicht für Fast-Fashion-Brands, sondern hauptsächlich für andere nachhaltige Brands oder Labels, die nicht im Zwei-Wochen-Rhythmus Kollektionen droppen. Aus diesem Grund wurden bei unseren Lieferanten auch von anderen Kunden keine Aufträge storniert oder Ordermengen reduziert. Unsere Produzenten und Zulieferer sind somit mit der aktuellen Auftragslage sehr zufrieden, haben jedoch natürlich mit den Auswirkungen der Pandemie in Form von Verzögerungen und personellen Engpässen zu kämpfen. Diese Entwicklung bestätigt nur nochmals, dass unsere Gesellschaft dringend eine Abkehr vom Überkonsum benötigt und langlebige, zeitlose und nachhaltige Textilien die Zukunft sind.“