Überleben ist alles

Markus Oess

Die Liebe der Deutschen zu den Discountern, sagt der Psychologe Dr. Hans-Georg Häusel, ist evolutionär bedingt und auch Ergebnis einer erfolgreichen Überlebensstrategie: einen möglichst großen Ertrag zu bekommen bei einem möglichst geringen Einsatz. Und wenn dann überraschend die Schnäppchenjagd erfolgreich war, werden wir belohnt und es werden Glückshormone ausgeschüttet. Manchmal kann es so einfach sein, uns glücklich zu machen. Und trotzdem ist nicht der ganze deutsche Markt den Billigmaxen in die Hände gefallen, haben sich auch andere Überlebensstrategien bewährt und das aus gutem Grund. Handelsexperte Michael Gerling kennt sich erwiesenermaßen gerade im Lebensmittelhandel bestens aus und seine Analyse bringt Überraschendes zum Vorschein. So groß waren die Zugewinne von ALDI, LiDL und Co während des Lockdowns mit dem Non-Food-Geschäft nicht. Zum einen, die nächste überraschende Einsicht, verzeichnen die Vollsortimenter die größten Zugewinne und nicht die Discounter, zum anderen sind die Non-Food-Käufe eben nicht dem Lebensmittelhandel zugeflossen, obwohl die einen schließen mussten und bei den anderen die Läden brummen. Es wurden mehr Lebensmittel gekauft, nicht Bekleidung. Das hat verschiedene Gründe: Die Reisen fielen flach, die Gastronomie musste ebenfalls schließen und der Außer-Haus-Verzehr hat durch die Einschränkung der Mobilität natürlich abgenommen.

Eine weitere Lehre, die eigentlich keine ist, da sie mithin schon länger existiert, ist, dass bloßes Kopieren alles ist, aber keine gute Idee, gegen Systemwettbewerber zu bestehen. Discounter und vertikale Anbieter sind auf ihrem Feld nicht zu schlagen, also muss man sich als Vollsortimenter auf die Felder konzentrieren, die für Discounter und Vertikale erreichbar sind: gute, kuratierte Angebote, Beratung und Service sowie der Wille, die Kunden nicht nur zu begrüßen, sondern möglichst viel dafür zu tun, dass sie sich wohlfühlen. Topkleidung mit einem sehr guten Preis-Leistungs-Verhältnis ist sicher ein entscheidender Faktor, aber nicht der einzige, und je vergleichbarer die Marken werden, auch nicht mehr der entscheidende. Da ist sich Klaus Harnack, geschäftsführender Gesellschafter beim Beratungsunternehmen h+p hachmeister+partner, sicher. Es gibt also durchaus Chancen für den klassischen Anbieter und das stationäre Geschäft, wenngleich der Anpassungsdruck durch die anhaltende Digitalisierung nicht mehr zu nehmen ist, die durch die Pandemie noch mal spürbar beschleunigt wurde. Diese Chancen will Inhaber Christian Greiner auch für WÖHRL nutzen. Der Umbau des stationären Geschäftes kommt voran und die Nürnberger sind die Digitalisierung angegangen, mit eher bescheidenem Budget zwar, aber mit dem Willen, diese auch umzusetzen. Greiner hofft auf ein schnelles Anziehen des Geschäftes, wenn der COVID-19-Spuk so weit eingefangen ist, dass Lockerungen kommen, und danach sieht es ja auch aus.

Die Pandemie hat die Menschen nicht besser gemacht und die Pandemie hat auch nicht Fehlentwicklungen korrigiert. Natürlich nicht, aber sie hat die Sorge darum in den Hintergrund gedrängt. Nun, da sich der Nebel wieder etwas lichtet, kommen die altbekannten Probleme wieder zum Vorschein: Flächenüberhang, langweilige Innenstädte, die sich im Angebotsportfolio ungebremst zu reproduzieren scheinen. Die Berater von der KPMG haben in ihrer aktuellen Studie Szenarien entwickelt, wie der Modehandel im Jahre 2030 aussehen könnte. Eines geht von einer eher pessimistischen Entwicklung für den stationären Handel aus, das andere setzt auf kooperative Lösungsansätze aller Beteiligten, vom Handel über die Industrie bis zur Lokalpolitik. Und natürlich müssen auch die Verbraucher mitziehen. Denn eines ist gerade nach COVID-19 klar: Weitermachen wie bisher werden wir nicht können. Daher ist es doch ganz gut, dass wir nachhaltige Überlebensstrategien auf dem Tisch haben, die nicht allein auf den möglichst günstigsten Preis fokussieren.

Ihr

Markus Oess