Im Wellenbad der Krisen

MICAM

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Autor: Markus Oess
Zwei Jahre Pandemie und alles zurück auf Los. Auch die Mailänder Schuhmesse MICAM musste die veranstaltungsfreie Zeit durchstehen. Nun soll der Aufbruch kommen, die Erholung, und tatsächlich zeigen auch die wirtschaftlichen Kennzahlen der Branche nach oben. Noch herrschte auf der Fiera Milano Rho nicht der Trubel früherer Tage, doch es war ein klares Signal zum Aufbruch. Aber es ziehen wieder Wolken auf und künden von den schwierigen Zeiten des Krieges, explodierenden Energiekosten und weiter unterbrochenen globalen Lieferketten. Siro Badon, Vorsitzender von Assocalzaturifici und MICAM Milano, zieht gegenüber FT Bilanz. Was die internationale Schuhbranche jetzt erwartet. 

„Nach der Pandemie gab es ermutigende Anzeichen, beginnend mit einem zweistelligen Exportwachstum, das den Sektor antreibt. Aber dann brach leider der Konflikt in der Ukraine mit den darauffolgenden Sanktionen gegen Russland aus.“ Siri Badon, Vorsitzender von Assocalzaturifici und MICAM Milano ©MICAM

FT: Herr Badon: Sind Sie mit der letzten Ausgabe von MICAM zufrieden?
Siro Badon: Trotz aller Probleme, die sich aus der aktuellen Situation ergeben – ich beziehe mich natürlich auf den Krieg in der Ukraine – hatte die MICAM zusammen mit der mipel, HOMI und TheOne Milano insgesamt 29.468 Fachbesucher – zu gleichen Teilen aus Italien und dem Ausland. Dank eines prall gefüllten Seminar- und Veranstaltungsprogramms bestätigten die Messen erneut, dass sie nicht nur eine außergewöhnliche Business-Plattform darstellen, sondern auch die Möglichkeit bieten, aktuelle Themen für ihre jeweiligen Geschäftsbereiche zu erörtern. Es besteht leider kein Zweifel, dass der Sektor nach zwei Jahren Pandemie nun mit einem weiteren Krisenfall konfrontiert ist. Und da hoffe ich auf die Hilfe der Institutionen.“

Emerging Deisgner

Auch die 93. Ausgabe der MICAM in Mailand richtete ihren Blick mit dem Segment Emerging Designers auf den internationalen Nachwuchs. Zu den Teilnehmern gehörten Alessandra Balbi, Ammabile, Daniel Essa, Jerelyn Creado, Markus Alexander, Meher Kakalia, Momoc, O.T.A Paris, Skua Studio, Thread, Titi Adesa und UMÒJA. Sie wurden von einer Fachjury anhand von Kriterien wie Innovation, Auswahl der Materialien, originelles Design und Präsentation der Produkte ausgewählt…. mehr

Sie haben vier Messen zusammengelegt: Hätte die MICAM den gleichen Erfolg gehabt, wenn sie alleine stattgefunden hätte?
„Ohne Zweifel. Die MICAM ist die mit Abstand größte Fachmesse sowohl nach Aussteller- als auch nach Besucherzahlen. Aber die Zusammenführung der vier Mailänder Mode-Events unter der Ägide des #BetterTogether-Claims hat einmal mehr bestätigt, dass die Idee für alle Beteiligten synergetische und strategische Vorteile bietet – ein Modus Operandi, der auf breite Zustimmung der Öffentlichkeit gestoßen ist und die ihre Begeisterung für diese Idee deutlich gezeigt hat.“

Was war die Kernbotschaft dieser Ausgabe?
„Nachhaltigkeit – in unterschiedlichen Facetten, von Produktionsprozessen bis hin zu unserem VCS-Prüfzeichen – war zweifellos ein Kernelement, das die Aufmerksamkeit und das Interesse der Fachbesucher auf sich gezogen hat.“

Was ist mit den wichtigsten Seminarthemen?
„Neben der Nachhaltigkeit wurden verschiedene andere interessante Themen untersucht – darunter die Digitalisierung, das Metaverse und neue Wege des Einzelhandels, die zunehmend mit Big Data verknüpft sind. Und nicht zuletzt Slow Fashion.“

Die Mode- und Schuhbranche wachsen zusammen und Modehändler und Modemarken bieten bereits seit längerer Zeit Schuhe an. Welche Auswirkungen hat diese Entwicklung auf Ihr Geschäft?
„Ich denke, aus Sicht der Messeveranstalter gibt es keinen großen Unterschied zwischen den verschiedenen Einkäufern, die zur MICAM kommen, sie existieren perfekt nebeneinander.“

Das internationale Geschäft ist für Italiens Schuhindustrie sehr wichtig. Sehen Sie nach zwei Jahren Pandemie Anzeichen für eine nachhaltige Erholung der Branche?
„Nach der Pandemie gab es ermutigende Anzeichen, beginnend mit einem zweistelligen Exportwachstum, das den Sektor antreibt. Aber dann brach leider der Konflikt in der Ukraine mit den darauffolgenden Sanktionen gegen Russland aus, was Gebiete wie die Marken und die Toskana faktisch wieder in die Knie zwingt. 80 Prozent der Exporte einiger Unternehmen in den Marken gehen in diese Gebiete. Und Sie können ein Exportziel nicht von einem Tag auf den anderen ändern.“

Wie läuft das Geschäft im Allgemeinen mit den deutschen Einzelhändlern?
„Bei den Exporten nach Deutschland, das insgesamt das drittgrößte Exportland darstellt, zeigte sich im vergangenen Jahr sowohl wertmäßig (+11,4 Prozent) als auch mengenmäßig (+8,2 Prozent) eine deutliche Erholung. Auch der Durchschnittspreis pro Paar stieg (+3 Prozent). Wir nähern uns allmählich dem Vorkrisenniveau: Tatsächlich gab es zwischen 2019 und 2021 nur einen leichten Rückgang der Exporte in Bezug auf Wert (-0,6 Prozent) und Volumen (-6 Prozent).“

Was haben Sie von den deutschen Ausstellern gehört, insbesondere von denen, die zum ersten Mal in Mailand waren?
„Messen wie die MICAM stellen eine wichtige Gelegenheit für alle in der Branche dar, Geschäfte zu machen und sich über die neuesten Trends auf dem Laufenden zu halten. Es ist daher einfach unerlässlich, physisch anwesend zu sein.“

Wird Nachhaltigkeit zum Gamechanger oder ist es eher so: „Lass uns darüber reden …“?
„Großes Interesse zeigte die Öffentlichkeit an unserer neuen MICAM Green Zone, einem Areal, das für zahlreiche Unternehmen sowohl eine Quelle neuer Ideen als auch eine Fördermöglichkeit darstellte und bezeugte, dass Nachhaltigkeit ein Modus Operandi ist, der mittlerweile zum normalen Alltag gehört. Um dieses Konzept in Bezug auf unsere Branche besser zu erklären, stellte eine Reihe von Ausstellern disruptive Ideen zur Nachhaltigkeit von Materialien, Produktionssystemen und Produktlebenszyklen vor. Aber worauf ich besonders stolz bin, ist das Interesse an VCS (Verified and Certified Steps), dem Zertifizierungszeichen von Assocalzaturifici, das für die Schuhindustrie entwickelt wurde, die höchste Nachhaltigkeitsstandards anstrebt: VCS garantiert einen nachhaltigen Ansatz, Fertigungsqualität und Exzellenz und soll ein von Käufern, Herstellern und Finanzinstituten anerkanntes Qualitätssiegel sein. Ich bin mir sicher, dass es erfolgreich sein wird.“ 

Erwarten Sie gerade jetzt in Kriegszeiten eine weitere Inflation?
„Wir werden sehen; derzeit ist der Schaden, den dieser Konflikt der italienischen Schuhindustrie zufügen wird, nicht abschätzbar.“

Was sind Ihre Gedanken zu diesem Thema?
„Zunächst einmal das menschliche Drama der Opfer dieses Krieges, das uns die moralische Verpflichtung auferlegt zu versuchen, den Konflikt so schnell wie möglich zu beenden. Und dass sich damit auch die Wirtschaftskrise etwa hinsichtlich Energie, Rohstoffkosten und Versorgungsproblemen unserer Unternehmen wieder legt.“

Letzte Frage zur nächsten Ausgabe von MICAM: Was werden Ihrer Meinung nach die Hauptthemen im Spätsommer sein?
„Im Moment ist es noch zu früh, um das zu sagen. Lassen Sie uns in den kommenden Monaten, sagen wir etwa im Juni, für ein Update zusammenkommen.“

#BetterTogether

Innerhalb von fünf Tagen besuchten insgesamt 29.468 Fachbesucher aus Italien und dem Ausland die vier Fachmessen für Mode und Accessoires, teilen die Veranstalter mit. MICAM, die internationale Schuhmesse, mipel, die Veranstaltung für Lederwaren und Modeaccessoires, TheOne Milano, die Haut-à-Porter-Messe und die HOMI-Fashion&Jewels-Messe hätten gezeigt, dass es möglich sei, mit vereinten Kräften die schwierige internationale Situation erfolgreich zu bewältigen, heißt es weiter. Unter #BetterTogether und mit Unterstützung der Italian Trade Agency (ITA), die den Außenhandel und den Export Italiens fördert, präsentierten die Messen die Produkte von über 1.400 Marken. Dazu gab es ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Seminaren und Veranstaltungen. Zu den Fokusthemen zählten die Digitalisierung, die Metaverse und neue Arten des Einzelhandels, die zunehmend mit Big Data verknüpft sind. Besonderes Augenmerk wurde auch auf Nachhaltigkeit und Slow Fashion gelegt, sowohl auf Ausstellungsebene als auch als Diskussionsthemen. Die MICAM lief vom 3. bis 15. März 2022 auf der Fiera Milano Rho.

Stimmen deutscher Aussteller: