Wenn es gut ist

Editorial

Markus Oess, Herausgeber ©FT

Sind deutsche Marken international wettbewerbsfähig, sind sie gut genug? Nun, es kommt darauf an. Eigentlich ist diese Frage die klassische Einladung für Klischees, Vorurteile oder Voreingenommenheit. Deutschland ist bekannt für seine Autos und seine Ingenieurskunst. Aber Mode? Ein Blick auf internationale Marken zeigt, dass die Konkurrenz sicher nicht schläft. Ein bisschen ist da schon was dran, denn viele Markennamen verraten nicht eben ihre deutsche Herkunft. Und wem fällt in Sachen Haute Couture viel mehr ein als Karl Lagerfeld? Sei es drum, denn solange dennoch im Ausland gute Geschäfte gemacht werden, wird es nicht so schlimm sein mit dem deutschen Designanspruch und den Vorurteilen. Wir haben bei den deutschen Anbietern nachgefragt, wie es läuft in Europa. Was nicht gefällt, wird nicht gekauft, in Deutschland nicht und im Ausland auch nicht. So einfach ist das. Anders ist das mit der Qualität, mit der Passform oder der Funktionalität, aber auch mit der Nachhaltigkeit. Deutsche Marken sind in den genannten Punkten durchaus gut genug. In Sachen Nachhaltigkeit aber müssen die Marken wie übrigens alle internationalen Marken deutlich nacharbeiten. Wir haben halt nur eine Welt und wenn wir diese zerstören, haben wir auch nichts mehr zum Weiterreichen an folgende Generationen. Aber die Firmen sind dran. DRYKORN zum Beispiel arbeitet schon lange an dem Thema, ohne es nun an die ganz große Glocke zu hängen. FYNCH-HATTON steht mit der afrikanischen Heritage fast schon unter Zugzwang und handelt. Es ist vielleicht noch nicht perfekt, wird es vielleicht auch gar nicht werden, aber es ist gut genug, sich berechtigte Hoffnung zu machen, dass für viele Nachhaltigkeit nicht nur eine Worthülse ist, sondern eine Handlungsanweisung für die Zukunft.

Auch die Order sendet erste hoffnungsfrohe Signale, dass es wieder aufwärtsgeht mit den Umsätzen, mit der wirtschaftlichen Erholung von COVID-19 und seinen Folgen. Die Aussagen auch bei der EK/servicegroupbestätigen den Aufwärtstrend im Handel. Thomas Schwab, Fashion-Chef der Bielefelder, sagt auch, dass sich das Orderverhalten der Händler verändere. Die Bereitschaft, Neues auszutesten und ausgetretene Pfade zu verlassen, sei förmlich mit den Händen zu greifen. Eine Veränderung, von der auch das Red-Bull-Label AlphaTauri profitiert und weiter profitieren will und dies mit einem konkreten Plan, den das Management Schritt für Schritt umsetzt. Es tut sich was in Deutschland. Wahrscheinlich könnten viele Veränderungen auch noch schneller angegangen werden als bisher. Aber die Veränderungen sind gut genug, um zu erkennen, dass die Talsohle endlich durchschritten ist. Übrigens auch, was die Impfquote angeht. Das Impftempo könnte noch schneller sein, aber es ist hoch genug, um einen weiteren harten Lockdown zu verhindern. Die vierte Welle kommt, aber sie trifft uns nicht mehr ungeschützt.

Es gibt aber auch Dinge, die schlecht laufen. Ungarn zum Beispiel. Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán und seine rechtskonservative Partei Fidesz sorgen immer wieder für Aufruhr mit ihrer demokratiefeindlichen Politik, die dazu geführt hat, dass sich das Land bei Tageslicht betrachtet ziemlich weit von der Rechtsstaatlichkeit fortbewegt hat und -bewegt. Nun beschäftigt sich die EU-Kommission mit dem vor Kurzem in Ungarn erlassenen LGBT-Propaganda-Gesetz und auch die Kunst- und Kulturszene des Landes ist immer stärkeren Restriktionen des Staates ausgesetzt. Wir haben mit dem Theaterdramaturgen Ármin Szabó-Székely über die Hintergründe und die anstehende Parlamentswahl im April 2022 gesprochen. Und auch wenn Orbán emsig sein politisches Erbe zementieren will, ist klar, es wird nicht von Dauer sein. Ein Land hatte eine Halbwertszeit von 1.000 Jahren für sich reklamiert. Es waren grausame und schreckliche Jahre, bis dieses Land wieder verschwunden war. Aber es ist verschwunden. Gut so!

Ihr

Markus Oess